Allein unter Männern "Danke, Frau Ingenieuse"

Den Dozenten rutscht schon mal ein derber Macho-Spruch raus, den Studenten ebenso. Bernadette Wullengerd, 22, ist angehende Ingenieurin und arbeitet parallel bei einem Landtechnik-Hersteller - da fallen Frauen immer auf. Das hat aber auch ein paar Vorteile, findet sie.

Von Matthias Irle


"Kürzlich stellte mir einer meiner Dozenten in der Vorlesung eine Frage zum Thema Magnetkraft. Als ich mit meiner Antwort fertig war, sagte er laut: 'Vielen Dank für Ihren Beitrag, Frau Ingenieuse.' Während die männlichen Kommilitonen augenblicklich anfingen zu lachen, sagte ich mir: Nimm es ihm nicht übel, er meint es lustig.

Solche Situationen sind typisch für meinen Studiengang. Man darf da nicht so empfindlich sein.

Ich bin mit mehreren Brüdern auf einem Bauernhof aufgewachsen. Schon immer habe ich mich für Technik interessiert. Wenn Maschinen kaputt waren, habe ich es geliebt, mitzuhelfen, zu schrauben und zu reparieren. Auch in der Schule lagen mir Naturwissenschaften mehr als Sprachen.

Deswegen haben meine Brüder und mein Vater sich nicht gewundert, als ich mich nach dem Abi für Maschinenbau interessierte. Nur meine Mutter fragte: "Willst du nicht lieber was Soziales machen?" Am Ende ist es Wirtschaftsingenieurwesen geworden. Ich finde es verlockend, neben dem technischen Wissen auch Ökonomie vermittelt zu bekommen.

Die Ausbildung ist eine gute Mischung aus Praxis und Theorie: Jeweils drei Monate arbeite ich in einem Unternehmen, in verschiedenen Abteilungen, weitere drei Monate habe ich Blockunterricht an der Berufsakademie.

Bevor ich anfing, habe ich geahnt, dass es in meinem Studium weniger Frauen als Männer geben wird. Überrascht habe ich dann festgestellt: Ein ganzes Drittel meiner Kommilitonen ist weiblich. Ich hätte allerdings auch dann Wirtschaftsingenieurwesen studiert, wenn ich die einzige Frau im ganzen Semester gewesen wäre. Denn es gibt unter männlichen und weiblichen Studenten längst nicht so große Unterschiede, wie man vermuten könnte. Wir interessieren uns ja alle für das Gleiche, unser Verhältnis ist kollegial.

Dass du das freiwillig machst ...

Womit ich jedoch nicht leugnen will: Es kann durchaus von Vorteil sein, in einem Haufen von Männern Frau zu sein. Es ist nämlich so, dass meine Kommilitoninnen und ich bei aller Kollegialität häufig genug besondere Aufmerksamkeit genießen. Etwa bei ganz praktischen Dingen. Auch ohne dass ich lange betteln muss, helfen mir Männer bei Computerproblemen und schleppen beim Umzug Möbel.

Überhaupt: Bei Partys zum Beispiel reagieren gerade Männer mit technischen Berufen durchweg positiv und neugierig auf mein Studienfach. Endlich interessiert sich auch mal eine Frau für ihren Technikkram! Sie wirken plötzlich weniger befangen. Meistens kommt aber trotzdem irgendwann die Frage: 'Musst du auch all die richtig technischen Kurse belegen?'

Ein Betriebswirtschaftler hat einmal sehr verblüfft geantwortet, als ich ihm von meinem Studium erzählte: 'Dass du das freiwillig machst!' Frauen hingegen reagieren meist überhaupt nicht auf meine Berufswahl. Zumindest gibt es keine inhaltlichen Nachfragen zu meinem Studium, aber manchmal klagen Pädagogikstudentinnen über den Männermangel in ihrem Fach.

Mein Freundeskreis war schon immer eher männerlastig, diese Situation hat sich an der Uni auf keinen Fall verändert. Der Vorteil: Ich habe gelernt, mich unter Männern zu behaupten. Die Jungs sind lockerer im Umgang, legen nicht jedes Wort auf die Goldwaage und können besser einstecken. Und kräftiger austeilen. In den letzten drei Jahren habe ich gelernt, Sprüche noch besser zu verkraften, allerdings kriegen sie umgekehrt auch mehr von mir zu hören.

Das hat zur Folge, dass ich in reinen Frauengruppen nun noch mehr darauf achte, was ich sage und mich weniger unbefangen verhalte als unter Männern. Vieles wird dort ernster genommen. Konflikte werden weniger offen ausgetragen. Manche Frauen sind nachtragend. Ich habe bei ihnen auch eher Angst, jemanden mit einem unbedachten Satz zu verletzen.

Physik und Chemie früh abgewählt - ein Mitläuferding

Die meisten Frauen ziehen es nicht einmal in Erwägung, etwas Technisches zu studieren. Schon nach der Mittelstufe wählen viele Chemie, Physik oder Mathe ab, meist ohne länger darüber nachzudenken. Fast so, als wäre es mit dem Geschlecht programmiert. Vielleicht haben sie unterschwellig Angst, dass sie im Technischen niemals so brillant sein können wie ein Mann. Auch die Lehrer bemühen sich wenig, den Mädchen die Naturwissenschaften besser zu verkaufen.

Ich habe übrigens ebenfalls in der Oberstufe Physik und Chemie abgewählt. Ein Mitläuferding. Später habe ich mich oft geärgert: 'Warum hattest du nicht den Mut, das zu belegen, was dir Spaß macht?' Hier an der Akademie haben wir erfreulicherweise regelmäßig Girls' Days, das geht in die richtige Richtung.

Im Studium kommt es vor, dass einem Dozenten mal ein Machospruch herausrutscht. Oder, dass Professoren die eher technischen Aufgaben an Männer verteilen, die Frauen hingegen die Umweltthemen bekommen. Aber das sind Kleinigkeiten. Insgesamt wird man als Frau in einem technischen Studiengang auch von den Dozenten nicht benachteiligt.

Anders ist die Situation im Job: Hier habe ich noch viel mehr mit Männern zu tun. Ich falle als Frau zwar automatisch auf. Auch wird mir eher verziehen, wenn ich mal einen technischen Begriff verwechsle. Doch um den gleichen Job wie ein Mann zu bekommen, braucht es manchmal 115 statt bloße 100 Prozent Leistung. Konkret heißt das: mehr Arbeit als der männliche Kollege, längere Zeit im Beruf, mehr Erfolge, die man vorweisen muss.

Aber so ist das eben. Bei vielen in unserer Branche gelten Männer noch immer als von Natur aus begabter in technischen Dingen.

Protokolliert von Mathias Irle

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