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04. Mai 2001, 22:44 Uhr

Allein unter Männern

Derbe Witze, doppelter Ehrgeiz

Von Julia Sohnemann

Vorstoß in eine fremde Welt: Wenn Frauen sich für einen Männerstudiengang wie Bergbau entscheiden, müssen sie sich auf einiges gefasst machen. Kurze Röcke sollten sie meiden, Macho-Sprüche gibt es gratis.

Jutta Beuscher lässt sich nicht unterkriegen

Jutta Beuscher lässt sich nicht unterkriegen

Die anzüglichen Bemerkungen überhört Jutta Beuscher schon seit einigen Jahren bewusst. Und wenn sie in einen Hörsaal kommt, in dem nur Männer sitzen, gibt es auch kein Gepfeife mehr: "Das gewöhnen die sich nach den ersten Semestern meist ab. Man muss halt lernen, sich durchzusetzen."

Jutta Beuscher studiert an der RWTH Aachen Bergbau. Allein unter Männern. Seit Beginn des Studiums hat sie sich ein dickes Fell zugelegt. "Als ich mit dem Studium begann, habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, dass nur wenige Frauen da sein würden." Zwar entstanden unter ihnen schnell Kontakte. Aber "irgendwann macht es keinen Unterschied mehr, ob man mit Männern oder mit Frauen zusammenarbeitet", findet die Studentin. "Es entstehen sogar richtig gute Freundschaften, manchmal natürlich auch Beziehungen."

Mittlerweile ist die Vertrautheit zwischen den Studenten und ihrer Kommilitonin so gewachsen, dass sie Jutta Beuscher überhaupt nicht mehr als Frau wahrnehmen. Nicht immer angenehm: In ihrem Beisein werden genauso derbe Witze über Frauen gemacht, als wenn die jungen Männer alleine wären. "Manchmal muss man die einfach darauf aufmerksam machen, dass man sich dadurch angegriffen fühlt. Oder man geht einfach weg", so die Studentin.

Spätestens beim Praktikum ist für Bergbau-Studentinnen Schicht im Schacht
DPA

Spätestens beim Praktikum ist für Bergbau-Studentinnen Schicht im Schacht

In der Uni betrachten die meisten Studenten und Professoren die jungen Frauen als gleichgestellt, im normalen Berufsleben sieht es allerdings anders aus. Das weiß Jutta Beuscher aus eigener Erfahrung. Jeder Bergbaustudent muss Unternehmenspraktika absolvieren. Als sie einen Praktikumsplatz suchte, durften Frauen in vielen Bundesländern nicht unter Tage arbeiten. Auch eine Stelle im Tagebau fand Jutta Beuscher nicht auf Anhieb. "Die meisten Firmen sagen einfach, sie hätten keine Umkleideräume für Frauen", sagt sie. "Aber das ist Blödsinn. Die trauen nur einer Frau nicht so viel zu oder möchten in ihrem Betrieb keine Mitarbeiterinnen haben."

Als das Praktikum dann begann, hatte sie vor allem mit den Arbeitern Schwierigkeiten. "Das ging von frauenfeindlichen Sprüchen bis zur Weigerung, mit mir zu arbeiten oder in mein Auto einzusteigen." Auch mit der Firmenleitung machte sie schlechte Erfahrungen: Für die gleiche Arbeit wie männliche Praktikanten sollte es zum Schluss nur das halbe Gehalt geben, da Frauen in Nordrhein-Westfalen nicht die Bergbau-Zusatzausbildung machen dürfen. "Wir hatten dann Glück, dass in der Personalabteilung eine Frau saß. Die hat entschieden, dass wir das gleiche Geld bekommen", freut sich Jutta Beuscher.

Nach diesen Praktikumserlebnissen möchte sie auch später nicht unbedingt als Betriebsingenieurin arbeiten, sondern lieber nach dem Studium direkt ins Management gehen. Denn "es ist sehr anstrengend, sich die ganze Zeit zu wehren". Zwar macht ihr das Studium viel Spaß, aber Vorteile als Frau hat sie bisher nicht erkennen können. "Ganz im Gegenteil: Die Männer behaupten immer, dass man es bei den Professoren ja leichter habe. Aber das stimmt nicht. Ein Professor sagte mir zum Beispiel einmal, dass er das Gefühl habe, von Frauen vielleicht etwas mehr fordern zu können, damit der Verdacht der Bevorzugung gar nicht erst aufkäme."

Schlimm sei das nicht, denn viele Frauen in typischen Männerfächern seien in der Theorie besser als die Studenten. Jutta Beuscher glaubt, das liege an einem gewissen Ehrgeiz, sich durchsetzen zu wollen. Dabei ist der Stoff hart genug: In zwölf Fächern wartet eine Diplomprüfung, darunter physikalische Chemie, Recht, elektrische und maschinelle Anlagen und Lagerstättenkunde.

Professorinnen gebe es für diese Fächer nicht - kein Wunder, weil Frauen Bergbau erst seit zehn Jahren studieren dürfen. Jutta Beuscher und ihre wenigen Kommilitoninnen gehören somit zu den Vorreiterinnen. Und sie hofft, dass sich bald mehr Frauen an technischen Universitäten einschreiben. Denn unterkriegen lassen sich die Studentinnen von den Männern nicht mehr.

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