Alptraum Promotion Doktoranden vor der Pleite

Streikende Studenten (in Berlin 2009): Für viele ist die Studienfinanzierung eine Qual
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Streikende Studenten (in Berlin 2009): Für viele ist die Studienfinanzierung eine Qual

Von Johannes Pennekamp

2. Teil: "Bachelorisierung" der Promotion - Schlechte Zeiten für Querdenker


Geht es ihnen wenigstens akademisch besser als den frei forschenden Kollegen? Auch hier sind die Kritiker der real existierenden Promotion skeptisch. Denn das Ziel vieler Universitäten laute, so Forscherin Kehm, "möglichst viele Promotionen in möglichst kurzer Zeit". Die Zahl der Promotionen sei nämlich vor allem "ein wichtiger Leistungsindikator" für die Hochschulen: Je mehr Doktortitel eine Universität vergibt, desto bessere Argumente habe sie, wenn wieder einmal um Fördermittel gefeilscht wird.

Daher werden seit kurzem auch Credit Points vergeben, es gibt Pflichtkurse für Doktoranden, eine "Bachelorisierung" der Promotion, so nennen es Kritiker. Norman Weiss, der Vorsitzende von Deutschlands größtem Doktoranden-Netzwerk, Thesis, hält strukturierte Programme zwar nicht grundsätzlich für schlecht. Er fürchtet jedoch, dass an den Graduiertenschulen das alte Wissenschaftsverständnis auf der Strecke bleiben könnte. "Bislang gab es die Freiheit, auch mal ein etwas abstruses Thema vorzuschlagen, davon lebt die Wissenschaft", sagt Weiss. Nun nehme die Vielfalt ab, trotz der großen Zahl an Promotionen.

Harte Zeiten für den akademischen Nachwuchs

Schlechte Zeiten für Querdenker wie Michael Bahn. Der erörtert in seiner Doktorarbeit, wie Gedichte auf der Theaterbühne umgesetzt werden können, nicht gerade ein Mainstream-Thema.

Früher wurden Doktoranden belohnt für ihr Durchhaltevermögen, dafür, einige Jahre des Lebens auch mal mit abwegigen und komplexen Themen zuzubringen. Den Besten unter ihnen winkte eine wissenschaftliche Karriere, in jedem Fall verdient ein Arbeitnehmer mit dem "Dr." vorm Namen im Schnitt mehr als die Kollegen ohne Titel. Doch die Zeiten sind härter geworden, viele Promovierte finden trotz ihrer hohen Qualifikation keinen passenden Job.

Michael Bahn wollte sich nicht damit abfinden, dass für ihn in der schönen neuen Bildungsrepublik kein Platz sein soll. Mit seiner Kollegin Sabine Volk hat er die Initiative "Intelligenzija Potsdam" gegründet. Im März haben die beiden einen Beschwerdebrief an die brandenburgische Wissenschaftsministerin, die Universitätsleitung und die lokale Presse verschickt. Ihre zentrale Forderung: doppelt so viel Lohn für Lehraufträge, mehr Planungssicherheit und ein Ende der "Ausbeutung".

Die aufmüpfigen Doktoranden erhielten viel Unterstützung. "Wir haben Dutzende E-Mails aus dem ganzen Land bekommen, alle haben ähnliche Probleme", erzählt Sabine Volk. Innerhalb der Uni unterstützen bereits 60 Wissenschaftler ihren Vorstoß, darunter auch mehrere Professoren.

Knallharter Wettbewerb um Drittmittel

Doch bei aller Sympathie ist auch die Universität Potsdam einem System unterworfen, in dem ein knallharter Wettbewerb um Drittmittel herrscht und Forschergeist in ökonomische Kennzahlen gepresst wird.

Im vergangenen Jahr hat die Hochschule eine Million Euro für "Exzellenz in der Lehre" gewonnen. Das Geld fließt in drei Vorzeigeprogramme, eines davon mit dem Namen "Junior Teaching Professionals". Teilnehmende Doktoranden bekommen ein einjähriges Stipendium und sollen erste Lehrerfahrungen sammeln. "Da könnte sich Herr Bahn auch bewerben", sagt Thomas Grünewald, Vizepräsident der Uni Potsdam. Das hat Bahn längst getan: abgelehnt, trotz Bestnoten. Es gibt 20 Plätze, allein in Potsdam promovieren tausend Nachwuchsforscher.

Was sagen die Promotions-Experten?
Grünewald sieht auch die Doktorväter in der Pflicht, die Zahl der Doktoranden richtig zu steuern. "Wer Doktoranden beschäftigt, muss auch genügend Drittmittel für sie einwerben." Germanistikprofessor Helmut Peitsch, der die Doktoranden-Initiative unterstützt, verteidigt seine Kollegen. "Auch das Präsidium muss wissen, welche Erfolgsquote Geisteswissenschaftler bei ihren Forschungsanträgen haben."

Die meisten Doktoranden rebellieren ohnehin nicht, weil sie nach wie vor im Meister-Schüler-Verhältnis zu ihrem Doktorvater stehen - sie wollen es sich keinesfalls verscherzen. Lisa Bauer etwa will ihren echten Namen nicht preisgeben, wenn sie von den Missständen erzählt. Sie fürchtet, ihr Doktorvater könnte sie vor die Tür setzen oder schlechter bewerten.

Was geschieht, wenn der Doktorvater einen rauswirft?

Die 29-Jährige promoviert an einer der größten Hochschulen Nordrhein-Westfalens und hat eine halbe Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Auch sie bekommt nur einen Bruchteil ihrer tatsächlichen Arbeitszeit bezahlt. Aber das ist für die Naturwissenschaftlerin nicht einmal das Schlimmste. Viel mehr leidet sie unter der ständigen Angst, dass ihr Doktorvater ihren Arbeitsvertrag mitten in der Promotion nicht verlängern könnte.

"Bei einigen Kollegen hat er das gemacht", sagt die Doktorandin. Die Begründung: Geldmangel. Die Betroffenen leben seitdem von Arbeitslosengeld. Obwohl sie keinen Cent verdienen, arbeiten sie weiter täglich im Labor. Lisa kann das verstehen - bloß keine schlechte Bewertung des Professors kassieren. Die Forscherin meldet sich jedes Vierteljahr arbeitssuchend, um im Ernstfall Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben. Doch auch das ist nicht leicht durchzusetzen. In Magdeburg musste sich unlängst eine Doktorandin die Leistungen vor dem Sozialgericht erkämpfen. Weil die Soziologin während der Promotion keine Jobangebote annehmen konnte, verweigerte die Arbeitsagentur ihr Hartz IV.

"Einen verbindlichen rechtlichen Status für Doktoranden gibt es nicht", kritisiert Ver.di-Mann Neis. "Wir fordern von der Politik eine bessere finanzielle Grundausstattung", sagt Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Der wirtschaftliche Druck zwinge die Rektoren quasi dazu, sich auf fragwürdige Beschäftigungsformen einzulassen.

Michael Bahn sagt, er sei aus reinem Idealismus bei seinem Uni-Job geblieben. "Ich liebe es zu lehren!" Jetzt, im Seminar, spricht er gestenreich über Vaterfiguren in expressionistischen Dramen. Die Studenten lauschen gebannt. Ihr Dozent ist mit Leidenschaft bei der Sache; nichts kann ihn jetzt ablenken - nicht einmal sein knurrender Magen.

insgesamt 119 Beiträge
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falcon12 13.08.2010
1. Eigentlich ist in unserer Geiz-ist-geil-Gesellschaft doch nichts anderes zu erwarten
Dass Doktoranden und Praktikanten als billige und willige (nur nicht unangenehm auffallen) Knechte missbraucht werden, ist ja leider nichts Neues. Aber ich finde es symptomatisch für unsere heutige Gesellschaft: Alles wollen und möglichst nichts bezahlen. Deutschland ist eine Wissensgesellschaft ? Wissen ist unser Kapital ? Wir sehen bei Pisa schlecht aus ? Sofort wird nach Geld für die Ausbildung gerufen und es gibt Aktionismus um die Schulen und die Kitas etc. zu unterstützen. Richtig ist natürlich: Ohne ausreichende Basis ist auch ein Studium nicht möglich. Auch den Hochschulen wird Geld nachgeworfen. Wir tun doch alles ! Wieso müssen dann die meisten Studierenden nebenbei jobben um überhaupt über die Runden zu kommen ? Wieso leben Doktoranden (die doch eigentlich die kommende geistige Elite darstellen, die den "Wissensstandort" Deutschland sichern sollen) am Existenzminimum ? Wie gesagt: Alles wollen und nichts dafür bezahlen. In den Augen vieler Leute sieht der ideale Akademiker wohl so aus: Das komplette Studium selbst finanzieren (wie in alten Zeiten). Wobei wir nicht von ein paar hundert Euro pro Semester reden sondern von Privatuni-Tarifen. Anschließend ein Leben lang mehr Steuern bezahlen (ich rede auch nicht von der Steuerprogression, sondern von der kranken Idee der Briten). Gleichzeitig irgendwann mal weniger Rente bekommen (man hat ja weniger Jahre "eingezahlt") und jeden Tag Demut zeigen weil einem die Gesellschaft ja großzügig das Studieren ermöglichte. (hier der Verweis auf die Aldiverkäuferin, die mit ihren Steuergeldern den Akademikern das Studium ermöglicht). Das passt auch zu anderen Leserbriefen: Der Handwerksmeister, der es für ungerecht hält dass seine Meisterausbildung Geld kostet, während ein Studium "kostenlos" ist. (er hat nicht zufällig während seiner ursprünglichen Ausbildung Lohn bekommen ? Und anschließend als Geselle die Gelegenheit gehabt Geld zu verdienen ?) Der übliche Neidvorwurf dass "wir alle" den Studierenden das Studium mit "unseren" Steuergeldern ermöglichen (wie sieht es denn mit dem anschließenden höherem Einkommen aus das auch zu höheren Steuern führt ? Das wird gerne und kommentarlos akzeptiert) Oder der Vorwurf dass diese Studierenden ja viele Jahre weniger in die Rentenkasse "einzahlen". Kann es nicht sein dass Akademiker trotz weniger Jahre, in der Summe mehr abdrücken ? Vielleicht sollte man das ganze mal realistisch sehen: Akademiker sind die, die das Land nachhaltig weiter bringen. Der große Wissenszuwachs (der in unserem "Wissensstandort" ja ach so wichtig ist) wird primär von Akademikern erbracht und nicht von Handwerkern. Akademiker schaffen und sichern Arbeitsplätze in der Industrie. Wer sorgt denn für Umsatz beim "Exportweltmeister" ? Das sind die großen Konzerne, die ihren Waren ins Ausland verkaufen und nicht die Handwerksbetriebe. Fazit: Ausbildung von Akadmikern ist Investition in die Zukunft. Wer hier nur betrachtet was es "Heute" kostet, ist schlicht und ergreifend dumm. Allerdings scheint es heutzutage normal zu sein, nur noch in Quartalen zu denken. Und was bringen in dem Zusammenhang Germanisten, Philosophen, Sinologen und ähnliche "brotlose" Disziplinen dem Land ? Sagen wir mal so: Goethe war kein Ingenieur, Einstein war kein Schreiner, Kant war kein Dachdecker...
Salatsauce 13.08.2010
2. Juhu
"Typenbildung in Theaterstücken" - wenn jemand in solchen Bereichen promoviert, sollte er sich auch für das spätere Berufsleben auf 4 Euro Stundenlohn einstellen. Und eine 1,0 sehe ich in solchen Fachgebieten auch eher gelassen. Eine Industriepromotion in Fächern wo man einen Job bekommt wird in der Regel mit ca. 2000 Euro Netto vergütet. Dazu muss man aber ein richtiges Studium durchziehen und wirklich gut sein. Die Gehälter nach so einer Promotion sind in der Regel nochmal ein gutes Stück höher.
rocky balboa 13.08.2010
3. Re:
Zitat von sysopDumpinglöhne, Selbstausbeutung und sehr viel Arbeit: Zehntausende deutsche Doktoranden leben in prekären Verhältnissen. Statt sich um den notleidenden Forschernachwuchs zu kümmern, setzen die Universitäten auf Prestigeprojekte. Jetzt regt sich Widerstand. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,706286,00.html
Ver.di's Auftrag als Dienstleistungsgewerkschaft steht im ziemlichen Gegensatz zu dem Treiben eines Wissenschaftlers. Deren oberste Aufgabe ist es doch dafür zu sorgen, dass Angestellte, die mit 35-Stunden Verträgen ausgestattet sind, bloß nicht mal 30 Minuten mehr arbeiten. Ganz im Gegensatz dazu, wer sich einbildet eine wissenschaftliche Karriere sei als 9-to-5 Job zu bewältigen, der irrt sich gewaltig. Und wenn für die eigene Forschung bei einem 38-Stunden-Job nur das Wochenende bleibt, dann hat man entweder ein Problem mit den Prioritäten oder mit dem Zeitmanagement. Typischer Arbeitsalltag eines exzellenten Doktoranden bei uns am Institut sieht so aus: 8:30 bis 18:30 im Büro, dann nach Hause, einkaufen und kochen, dann nochmal 1 bis 2 Stunden an die Arbeit. Hinzu kommt häufig noch Samstag Vormittag und ggf. der Sonntag Abend. Es gibt auch Leute, die es mit 9-to-5 halten, aber eine wissenschaftliche Karriere hat keiner von denen vor sich. Übrigens ist das kein Phänomen, welches auf die Doktoranden beschränkt ist. Wenn ich mir die Arbeitszeiten meines Chefs so anguckt, dann sind die jenseits der 70h/Woche, mit dem Basissold ausgeglichen wie bei jedem anderen auch. Nichts anderes bei den Post-Docs. Und wer eine Promotionsstellt mit einer Finanzierung von EUR 504,- im Semester annimmt und sich dann wundert, dass es nicht ausreicht, ist auch selbst Schuld. Es gehören immer zwei dazu, auch diejenigen, die sich ausbeuten lassen.
prefec2 13.08.2010
4. Was haben die Mediziner in der Statistik zu suchen?
Der Abschluss der Mediziner ist nicht wirklich im Umfang und der Art mit dem von Natur-, Ingenieur- und Gesellschaftswissenschaften zu vergleichen. Während ein Bachelor in den meisten MINT-Fächern z.B. eine 60-100 Seiten fassende Arbeit zu einem eigenen Thema verfassen muss und dafür in etwa 16-24 ECTS-Punkte erhält, entfällt vergleichbares bei Medizinern. Schaut man sich Diplom und Master an so sind dort mit 30 ECTS-Punkten für eine eigenständige Arbeit die Anforderungen nochmals deutlich höher. Ebenso darf eine solche Arbeit nicht mehr rein deskriptiv sein, sie muss auch einen echten wissenschaftlichen oder technischen Fortschritt beinhalten. Da die meisten Doktor-Arbeiten in der Medizin nicht im Ansatz an diese Anforderungen herankommen, halte ich diese auch nicht für vergleichbar. Und damit man mich nicht falsch versteht. Das soll nicht heißen, dass ich Mediziner geringschätze. Ganz im Gegenteil. Mir ist ein guter Arzt sehr wichtig. Ich will auch, dass er gut ausgebildet ist. Und wenn ich an meinen ehemaligen Hausarzt denke (übrigens ohne Dr.) dann hätte ich den gerne mitgenommen als ich umgezogen bin. BTW: Ein Doktor in der Informatik dauert in etwa 3-4 Jahre Vollzeit.
kamii 13.08.2010
5. Geld dem...
...der eine Lobby hat. Beim Studenten mag das vll noch sein, aber zum Doktoranden hat doch Otto Normal überhaupt keinen Bezug mehr. Die heutigen Großen, die dieses Tal der Tränen durchlaufen haben, scheren sich dagegen nicht weiter drum. Wobei es wahrscheinlich so ist, dass die heutigen Großen schon große Eltern hatten und sich zu ihrer Doktorandenzeit keine Sorgen um Finanzielles machen mussten. Ich darf nicht klagen: Meine Promotion ist gut finanziert, weil extern. Worüber ich aber klagen darf, ist die nebulöse Zukunft. Ob der Doktortitel mehr als nur eine Türklingelschildverlängerung ist, wird sich noch zeigen. Bin leider in einem Fachgebiet, in dem er nicht wirklich von Nöten ist. Und das Argument "ich interessiere mich WIRKLICH fürs Fach" zählt scheinbar nicht... Dagegen muss man sich Vorwürfe anhören, dass man ja nur ein bisschen die lässige (lässig?) Studienzeit hinauszögern will. Momentan kommen mir fast nur Leute unter, die mitleidig fragen "tz...wieso tust du dir das an?", statt "wow! super! viel Erfolg!". Und irgendwo haben sie recht - ich weiß nicht, wohin mich das Ganze führt; ich kann lediglich hoffen, da die Promotion zumindest eine Reihe Möglichkeiten öffnet, leider aber auch viele verschließt (sofern man sich nicht unter Wert verkaufen will). Und das ist doch das eigentlich Traurige: DIE Krönung der akademischen Laufbahn, ob der man eigentlich stolz wie Oskar durch die Lande ziehen sollte - und man erntet Mitleid. Und wie im Artikel schon anklang, führen einige ein Leben jenseits des HartzIV-Empfängers. Also wenn die Unis tatsächlich den Leistungsindikator weiter verfolgen, sollten sie vll mal schaun, dass sie ihren Doktoranden keine zu falschen Hoffnungen machen, weder jetzt noch zukünftig.
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