Alptraum Traumnote Deutschlands Studenten - alles Genies

In fast allen Fächern hagelt es an den Hochschulen Einsen und Zweien. So räumen Biologiestudenten durchweg Spitzenzensuren ab, während die weit strenger bewerteten Jura-Absolventen lange Gesichter ziehen. In einer neuen Untersuchung schlägt der Wissenschaftsrat Alarm wegen der milden bis laschen Notengebung.

Noten sind überflüssig, Noten sind böse, Noten sind ungerecht und überhaupt Teufelszeug. Der Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs) hat eine klare Position - weg mit allen Zensuren an den Hochschulen. "Die von jedem Studierenden individuell erbrachte Leistung lässt sich nicht 'objektiv' in ein Notenschema pressen", findet fzs-Sprecher Lars Schewe, "Noten sind einfach nicht vergleichbar, sie sind nicht objektiv!".

Mit der Forderung nach Abschaffung der Noten wird sich der ASten-Dachverband kaum durchsetzen. Die Studentenvertreter kritiseren eine neue Untersuchung des Wissenschaftsrates, die eine Inflation von Spitzennoten belegt. Bereits im Dezember hatte der UniSPIEGEL über erste Ergebnisse berichtet, jetzt liegt die Gesamtauswertung der Prüfungsjahrgänge 1996, 1998 und 2000 vor. Der Grundtenor: Überwiegend gibt es mindestens gute Noten.

Stark im Genie-Verdacht stehen demnach die Natur- und Geisteswissenschaften. Bei den Chemikern zum Beispiel scheint eine Generation von Reagenzglas- und Pipetten-Virtuosen heranzureifen: 48 Prozent der Examenskandidaten räumen ein "sehr gut" ab, 45 Prozent freuen sich immerhin über ein "gut" auf ihrem Diplomzeugnis.

Dabei liegen die Chemiker mit einer Durchschnittsnote von 1,5 nicht einmal an der Spitze. Biologen (1,3) sowie Psychologen, Mathematiker und Physiker (jeweils 1,4) sind noch besser dran, Philosophen liegen gleichauf. Dicht auf den Fersen sind ihnen Historiker mit 1,6 und Informatiker mit 1,7.

Deutlich schlechter indes fallen die Zensuren bei den Medizinern aus: Sie müssen sich durchschnittlich mit 2,4 bescheiden, ebenso wie Betriebs- und Volkswirtschaftler. Die Juristen kommen lediglich sogar auf die Note 3,3. Sowohl in der Medizin als auch in den Rechtsiwssenschaften bilden Staatsexamina den Studienabschluss.

Nur gute Noten? "Das kann nicht sein"

Die externe Prüfung sichere ein normales Notenspektrum, so Wedig von Heyden, Generalsekretär des Wissenschaftsrats, in der Sendung "Campus & Karriere" des Deutschlandfunks. Die Möglichkeiten, den Prüfungsstoff einzugrenzen oder abzusprechen, seien viele geringer als bei den Diplomen und Magistern, die uni-intern vergeben werden.

Dass alle Bewertungen an den Hochschulen zu freundlich seien, könne man schwerlich behaupten, meint von Heyden: "Auffällig ist nur, dass fast alle Noten gut sind - und das kann nicht sein." Er fordert mehr Differenzierung und Transparenz. "Die Hochschulen sollten sich Gedanken machen über ihre Kultur und Positionierung im Hochschulwettbewerb", so von Heyden.

Der Wissenschaftsrat räumt zwar ein, dass die neue Untersuchung nicht ganz vollständig und sicher sei; es habe Probleme mit dem Datenschutz, mit Übertragungsfehlern und der Zuordnung gegeben. Dennoch seien die Trends eindeutig. Von einer Abschaffung der Noten hält von Heyden gar nichts: "Noten sind ein wichtiger Indikator über eine individuelle Arbeitsleistung in einem bestimmten Zeitabschnitt" - und die müsse man bundesweit so vergleichbar machen wie möglich.

Atem beraubendes Gefälle zwischen den Unis

Das sei "auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt" wichtig, betont Karl Max Einhäupl. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates forderte die Fakultäten auf, sich auf gemeinsame Qualitätsmaßstäbe zu einigen, um die Inflation der Spitzenzensuren zu stoppen.

Für die Absolventen wie für die Arbeitgeber ist die lasche und undifferenzierte Notengebung in der Tat ein Problem. Die Abschlusszeugnisse sind für Einstellungsentscheidungen zwar nicht das zentrale Kriterium und Praxiserfahrungen noch wichtiger, wie kürzlich ein neues Uni-Ranking zeigte. Aber sie können bei hohen Bewerberzahlen schnell zum K.O.-Kriterium für die Vorauswahl werden. Zudem müssen Personalchefs sich blendend auskennen, wenn sie nicht nur zwischen Kandidaten aus verschiedenen Fächern, sondern auch von verschiedenen Hochschulen entscheiden müssen.

Bei über 300 Hochschulen ist das ohnehin eine Herausforderung und wird zusätzlich erschwert durch ein krasses Gefälle. So gingen etwa Oldenburger Betriebswirtschaftler im Jahr 2000 mit einer Durchschnittsnote von 1,6 durchs Ziel, während es an den Technischen Universitäten in Chemnitz (2,9) und Dresden (3,1) mäßige Noten hagelte. Dass die Oldenburger Diplom-Betriebswirte so viel schlauer waren als ihre ostdeutschen Kommilitonen, ist möglich. Aber wenig wahrscheinlich.

Zum Teil sehen die Professoren die guten Noten für ihre Studenten sicher als Gütesiegel für die eigene Lehre und Forschung. Auch sind die Abbruchquoten in manchen, vor allem geisteswissenschaftlichen Studiengängen so verheerend, dass die Hochschullehrer sich über jeden Studenten freuen, der das Studienziel erreicht. Da lässt man auch bei einem Wackelkandidaten schon mal Milde walten und pampert ihn mit einem großzügigen, wenngleich unvedienten "gut".

Nobelpreisträger ante portas

Kritiker bemängeln zugleich, dass Professoren das Prüfungsgeschäft selten wirklich beherrschen. Und obendrein sind die Anforderungen an Examenskandidaten tatsächlich gestiegen: Reichte früher eine zarte 60-Seiten-Arbeit für einen Magistertitel, muss es heute häufig ein 200-Seiten-Brummer sein, über dem ein Student ein Jahr oder länger gebrütet hat - was wiederum die Studiendauer in die Höhe treibt.

Dass aber beispielsweise die Nachwuchsbiologen von Jahr zu Jahr intelligenter werden zu scheinen, bereitet Heinz Mehlhorn, dem Vorsitzenden der Fachkonferenz Biologie, Kopfzerbrechen. "Da muss eine Generation von Nobelpreisträgern heranwachsen", lästerte Mehlhorn gegenüber der "Zeit" und mahnte seine Kollegen zu mehr Disziplin. Die Note "ausreichend" etwa wurde laut Wissenschaftsrat an den deutschen Biologie-Fakultäten nicht ein einziges Mal vergeben.

Auch Reinhold R. Grimm, Vorsitzender des Deutschen Fakultätentages, beobachtet den Trend zur Kuschelnote mit Sorge. Das schade gerade jenen, die auf den ersten Blick profitieren: den Studenten. Zähle jede Anstrengung gleich viel, demotiviere das die Guten und wiege die weniger Guten in falscher Sicherheit, so der Romanist: "Betrogen sind beide."


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