Als Gaststudent in Israel "Bist du wieder im Krieg?"

Im Kinofilm "Waltz with Bashir" steigen junge Israelis aus dem blutroten Mittelmeer und ziehen in den Libanonkrieg. Für den deutschen Studenten aus dem Buch von Markus Flohr verwischen Fiktion und Wirklichkeit, wenn er vor Tel Aviv aus dem badewannenwarmen Wasser steigt.

AP

Der deutsche Gaststudent aus dem Roman "Wo samstags immer Sonntag ist" hat in Israel schon allerhand erlebt, er unternahm einen Ausflug zum Oktoberfest ins Westjordanland und floh vor Raketen. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht den fünften Auszug aus dem Buch:

Stell dich an einem Sommerabend, so im Juni, an den Strand von Tel Aviv. Am besten an einem Freitag, wenn der Schabbat beginnt und alle Menschen, auch die, die Gottes Gebote nicht einhalten, in ihrem Leben einen Gang runterschalten.

Geh nicht zu früh zum Strand, wenn die Jungs auf ihren Rollern kommen, mit der Freundin auf dem Sozius, und alles vollqualmen. Wenn der Strand und das Wasser übersät sind mit Surfern und Typen, die ihren Körper spazieren führen.

Geh, wenn die Sonne nur noch ein paar Daumen breit über dem Horizont steht. Geh langsam, du wirst nicht schwimmen, das kannst du nicht, die Wellen sind zu hoch.

Zuerst spürst du den Sand, der warm ist. Schau auf die Sonne, die pink und rund leuchtet. Rechts von dir planscht eine Muslimin, die Wellen heben ihr das Tuch vom Kopf und spülen den Rock an die Wasseroberfläche. Versuche nicht, sie zu retten, sie ist absichtlich so ins Wasser gegangen. Von links fliegt eine Frisbeescheibe her an, duck dich.

Setze den ersten Fuß ins Wasser. Wundere dich nicht, dass es dich nicht erfrischt. Den Strand nennen sie hier die "Badewanne", und das ist kein Spitzname, sondern eine Beschreibung der Wassertemperatur. Es duftet nach Salz und Meer, und meistens stinkt es auch nach faulem Ei oder totem Fisch.

Du stehst bis zum Knie im Wasser, eine schäumende Welle rollt dir entgegen. Du siehst nach links, auf die Dächer, die alten Häuser und den Kirchturm von Jaffa. Vielleicht hörst du einen Muezzin zum Gebet rufen, und du denkst : Das gibt es, hier, in Tel Aviv? Du musst die Sonne anschauen, solange sie noch nicht in die Wellen gefallen ist. Sie wird jetzt so pink, so hell, so kitschig und so schön wie eine reife Pampelmuse. Du gehst, Schritt für Schritt, bis das Wasser am Bauchnabel steht, auf die Sonne zu. Vielleicht bleibt eine zerrissene Plastiktüte an deinem Bein hängen, oder du trittst auf einen alten Eisbecher.

Das ignorierst du, denn die Pampelmuse am Himmel färbt alles rosa. Wenn du rosa bist bis zur Brust, bleibst du stehen. Schwimmen kannst du nicht, die Wellen sind zu hoch.

Du wartest, bis die Sonne, diese Pampelmuse, in der Badewanne versunken ist.

Dreh dich nicht um. Wenn du dich umdrehst, wird alles anders sein. Du wirst in eine Stadt zurückgehen, die du nicht kennst. Bleib noch einen Moment stehen. Nur einen Moment.

Ich weiß immer noch, wie still es war

Wenn ich mich umdrehte, da, im Wasser, ein paar Meter vor der Küste Israels, sah ich zuerst nach links, zur Promenade, den Hotelklötzen, dem "Dan Panorama", dem " David Inter Continental". Die Laternen davor leuchteten so hell, als wären sie Positionslichter für die Luftwaffe. Wenn ich aus dem Wasser zurück an den Strand watete, dachte ich, ich wäre ein Soldat. Vor hundert Jahren stapften sie hier aus dem Meer, sie kamen aus Europa und bauten Tel Aviv auf den Strand. Ich sah, wie die Lichter der Hotels und Häuser auf meiner Brust ein Muster ergaben, und fuhr mir mit der Zunge über die Lippen, um das Salz zu schmecken. Ich dachte für eine Sekunde, ich wäre ein jüdischer Soldat im Film "Waltz with Bashir". Ich hatte diese Bilder im Kopf, wie die jungen Israelis durch das flache Wasser am Strand von Beirut wateten, gegen das Licht der Blendgranaten blinzelten, die über den Dächern explodierten.

Ich dachte an die Soldaten in dem Film, die landeten, um in die Stadt hinterm Strand einzumarschieren, denn es gab Krieg, und die Regierung hatte sie in den Libanon geschickt, um zu schießen. Beirut sieht in "Waltz with Bashir" aus wie Tel Aviv.

Ich dachte daran, wie ich den Film das erste Mal gesehen hatte, in einem Kino in Jerusalem. Ich erinnerte mich vor allem an die Momente nach dem Film, als das Licht anging.

Ich weiß immer noch, wie still es war. Es war nicht still, wie es hier abends am Strand still ist oder wie es still ist in der Erlöserkirche in Jerusalem, wenn nach dem Gottesdienst alle gegangen sind. Es war so still, wie es nur in einem Raum sein kann, der voll ist mit Menschen, die nicht sprechen.

Immer wenn ich in Tel Aviv die letzten Schritte aus dem Wasser an den Strand machte, wenn an meinen nassen Füßen der trockene Sand kleben blieb, suchte ich nach meiner Uniform und nach meinem Gewehr, denn ich war ja im Krieg im Libanon und ein Soldat und sollte jetzt Libanesen erschießen. Ich stand da, mit einer Hose von Hannover 96, die mein Vater mir einst geschenkt hatte, eine richtige Badehose besaß ich nicht. Ich schaute den Strand hinunter, nach Jaffa im Süden, nach Norden zu den Hotels, und musste an den Krieg denken und an den Film "Waltz with Bashir". Ich war froh, dass ich kein Israeli war und keinen Film darüber machen musste, dass ich mit 19 meine Erinnerung verloren hatte, nachdem wir in unser Nachbarland einmarschiert waren, wie Ari Folman in "Waltz with Bashir".

Ich war froh, dass da keine Waffe im Sand lag, sondern Noa. Sie sagte: "Bist du wieder im Krieg? Also, wenn du mit Beirut fertig bist, können wir vielleicht etwas essen gehen? Mir ist kalt. Du stinkst nach Fisch. Deine Hose sieht lustig aus. Das mit der 96 sollten wir mal ausprobieren."

Auszug aus dem Kapitel "Pampelmuse"

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
F11182, 09.03.2011
1. Ich find es so seicht wie das Meer in Tel Aviv
Die Beschreibung der Umgebung und Stimmung ist sehr gut gelungen. Besonders tiefgehend oder anspruchsvoll ist der Textauszug aber nicht. Man merkt die mangelnde Erfahrung des Autors beim Schreiben. Da stellt sich schnell Langeweile ein, da es sich wie ein beliebiger Reisebericht liest. Es ist informativ aber auch nicht mehr. Vielleicht hat das Buch auch keinen höheren Anspruch, ich mag es nicht beurteilen.
ocinator 09.03.2011
2. buch
Zitat von F11182Die Beschreibung der Umgebung und Stimmung ist sehr gut gelungen. Besonders tiefgehend oder anspruchsvoll ist der Textauszug aber nicht. Man merkt die mangelnde Erfahrung des Autors beim Schreiben. Da stellt sich schnell Langeweile ein, da es sich wie ein beliebiger Reisebericht liest. Es ist informativ aber auch nicht mehr. Vielleicht hat das Buch auch keinen höheren Anspruch, ich mag es nicht beurteilen.
Ein Buch in dem Still könnte und wollte ich mir nicht antun. Ist mir zu seicht. Allerweltsbeobachtungen mache ich lieber selber ;-)
noa1 10.03.2011
3. ....um Libanesen zu erschiessen...
da spürt man doch sofort woher der Wind weht. Undifferenziert dem Leser vorzusetzen, dass Israel in den Libanon geschickt wurden, um Libanesen zu toeten, schuert - wie immer - den Hass auf Israel. Man keinen Spass das immer und immer wieder zu lesen. Noa
balls 10.03.2011
4. Bezalel
Ich habe zwar nur die zwei ausschnitte I'm spiegel gelesen..gut beobachtete momente intressant und unerschrocken verarbeitet.ich nehme an das der schreiber wohl auf der bezalel kunstschule war.klingt gut und nicht antiisraelischen im kontext ,da es einen breiten kontext gibt und nicht den kleinen ausschnitt den man nun einmal hat wenn man auf medien angewiesen ist.
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