Als Helfer nach Ruanda "Was bitte sind die Menschenrechte?"

Eigentlich studiert Henry Nording, 21, Medizin und Philosophie. Als Entwicklungshilfe-Praktikant erklärte er NGO-Mitarbeitern in Ruanda, warum sie unbedingt auf Menschenrechte pochen sollen. Doch was nützt ein Recht auf Wasser in Armenvierteln, in denen es keine Rohre gibt?
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Afrika-Praktikant: Als Kurzzeitretter nach Ruanda

Foto: Xenia von Polier

"Die Menschenrechte sind universell", sagt Henry Nording, 21, und seiner Stimme merkt man keinen Zweifel an. "Ihre Umsetzung ist ein langwieriger Prozess. Doch wir müssen es versuchen."

Der hochgewachsene Student steht in Jeans und hellem Hemd vor einer Tafel, hinter ihm flimmert eine Präsentation an der Wand. Nording sagt seine großen Sätze aber nicht an seiner Heimat-Uni in Tübingen, sondern in einer kargen Beton-Aula in einem Armenviertel Kigalis, der Hauptstadt von Ruanda. Bekannt wurde der kleine afrikanische Staat vor allem durch den Völkermord von 1994. Beim Genozid der Hutu an der Minderheit der Tutsi starben über 800.000 Menschen.

In der verdunkelten Aula des Jugendzentrums "Kimisagara" in Kigali ist es still. Blaue Vorhänge, die der Wind bläht, schirmen gegen das gleißende Sonnenlicht ab. In einem Halbkreis vor Nording sitzen Mitglieder mehrerer Hilfsorganisationen. Sie blicken interessiert, aber skeptisch, einige machen sich Notizen.

Der Tübinger Medizin- und Philosophiestudent, auf den sich alle Blicke richten, ist für vier Wochen als Praktikant der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Land. In Deutschland arbeitet Nording als Hilfskraft am Lehrstuhl für Medizinethik. Hier setzt er sich dafür ein, dass die Menschenrechte im ruandischen Gesundheitswesen geachtet werden.

Sie arbeiten für die Menschen, aber Menschenrechte sind ihnen fremd

Entwicklungshilfe in exotischen Ländern ist ein Berufsfeld, von dem viele Studenten träumen. Nordings Arbeit ist jedoch weit weniger romantisch, als sich das viele von Deutschland aus vorstellen. Entwicklungszusammenarbeit ist vor allem Schreibtisch- und Überzeugungsarbeit.

Die Zuhörer im Saal sind ruandische Vertreter etwa der SOS-Kinderdörfer und weiterer NGOs. Sie organisieren Anti-Drogen-Projekte, Fußballspiele zwischen den Bevölkerungsgruppen der Tutsi und Hutu oder beraten die Armen in Rechtsfragen. Mit ihrer Arbeit setzen sie sich für die Menschen ein, Menschenrechte aber sind den meisten kein Begriff.

Ein ruandischer Mann in schwarzem T-Shirt und heller Stoffhose meldet sich und fragt zögerlich: "Was beinhalten die Menschrechte konkret?" Nording springt zur nächsten Powerpoint-Folie und liest eine lange Liste vor: Recht auf Leben, Recht auf Nahrung, auf sauberes Wasser, auf Gesundheit und auf Bildung, auf Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit. Rechte, von denen in Ruanda viele täglich verletzt werden und von denen Nording und seine Zuhörer wissen: Dass sie im Ruanda von heute allesamt sofort verwirklicht werden, ist illusorisch.

Alle Macht geht von Kagame aus

Eineinhalb Jahrzehnte nach dem Völkermord ist das Land politisch erstaunlich stabil. Doch alle Macht im Staat geht von Präsident Paul Kagame aus. Ihm ist die Entwicklung seines Landes oft wichtiger als die Wahrung der Menschenrechte. Trotzdem hat Kagame manches für Ruanda erreicht: Die Schulpflicht und eine allgemeine Krankenversicherung wurden eingeführt. Die Wirtschaft wächst jedes Jahr beständig, verglichen mit anderen afrikanischen Staaten ist Ruanda wenig korruptionsanfällig. Das macht es bei ausländischen Investoren beliebt.

Zugleich zählt Ruanda zu den ärmsten Ländern der Welt. Große Teile der Bevölkerung sind mangelernährt, die Lebenserwartung liegt bei 49 Jahren, im Durchschnitt verdienen Ruander im Jahr weniger als 350 Dollar. Presse- und Redefreiheit gibt es nicht. Nationale Einheit ist Bürgerpflicht, die Volksgruppen der Hutu oder Tutsi zu benennen, ist bei Strafe verboten.

Die Tür der Aula des Jugendzentrums ist weit geöffnet. Draußen reflektiert der rote Sand die Äquatorsonne. Vom Sportplatz her klingen die Rufe der Jugendlichen herüber, die in der Hitze kicken. Sie spielen Fußball mit besonderen Regeln, "Football for Hope" genannt: Jeweils drei Mädchen und drei Jungen sind in einer Mannschaft. In strittigen Szenen sind immer die Mädchen die Schiedsrichter, das soll die Gleichberechtigung fördern.

"Wie kann ein Armer ein Recht auf Gesundheit haben?"

Rund ums Jugendzentrums regiert die Armut: Wie aneinander geschachtelte Schuhkartons überziehen kleine Lehmhütten mit Blechdächern den angrenzenden Hügel. Die Familien dort haben weder Strom noch fließend Wasser.

In der Aula erklären Nording und ein deutschen Entwicklungsfachmann die neuen Leitlinien der deutschen Entwicklungspolitik: Künftig sollen von Deutschland geförderte Entwicklungsprojekte stärker der Durchsetzung der Menschenrechte dienen. Was das bedeutet? Bislang galten die Armen den Entwicklungsorganisationen als Bedürftige. Diese Perspektive ändert sich gerade. "Nun sollen die Menschen zuerst als Rechtsinhaber betrachtet werden", sagt Nording.

"Empowerment" nennt man das im Jargon der westlichen Helfer, gemeint ist eine Demokratisierung der Gesellschaft von unten. Der Tübinger Student mit den lockigen Haaren sagt, die Menschen müssten ihre Regierung zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichten. "Jeder hat zum Beispiel das Recht auf eine angemessene gesundheitliche Versorgung."

Nordings Zuhörer sind skeptisch: "Nur die Reichen haben das Recht auf eine gute Gesundheit. Wie kann ein Armer dieses Recht haben?", will einer wissen. Nording argumentiert mit Papier. "Ruanda hat 1975 die Menschenrechtscharta unterschrieben", sagt er. "Also können die ruandischen Bürger ihren Staat in die Pflicht nehmen."

Kein Bekenntnis zu den Menschenrechten, kein Geld aus Deutschland

Am Entwicklungswillen fehlt es Ruandas Regierung nicht, aber manchmal gehen die neuen Ideen auf Kosten der Menschenrechte, wie sie die Entwicklungshelfer aus der westlichen Welt verstehen. Vor dem Hintergrund der Aids-Bekämpfung wurde etwa über eine Haftstrafe für Homosexualität debattiert, eine Drei-Kind-Politik, die Einschränkung sexueller Rechte für geistig Behinderte und ein verpflichtender HIV-Test vor der Eheschließung.

"Was bedeutet all das für unsere Arbeit?", will ein anderer Zuhörer wissen. "Was sind die Vorteile?" Sie müssten von nun an darauf achten, die Menschenrechte umzusetzen, sagt Nording. Das sei Voraussetzung für Geld von der GTZ. Kein Bekenntnis zu den Menschenrechten, kein Geld aus Deutschland, so die einfache Rechnung.

Nordings Zuhörer werden beim nächsten Antragsformular sicher darauf achten, ihren Einsatz für die Menschenrechte zu betonen. Nordings ist Idealist, aber auch er hält kurzfristig die Umsetzung der Menschenrechte nach westlichem Muster in Ruanda für schwierig: "Die Realisierung der Menschenrechte", sagt er, "das ist zunächst ein schöner Traum."

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