Alt-Linke Das stille Ende der Revolte
Der Professor hat das Programm für das Semester vorgestellt, jetzt wartet er auf verwegene Themenvorschläge. "Kapitalismus und Suizid am Beispiel des Unternehmers Merckle" könnte ein Referat nach seinem Geschmack lauten oder "Psychopathologien im Investmentgeschäft". Stattdessen hebt ein Student zögerlich die Hand. "Und wie macht man hier einen Schein?"
Dabei hätten die Studenten ihrem Hochschullehrer mit ein bisschen Aufmüpfigkeit eine Freude gemacht. Morus Markard ist der letzte Kritische Psychologe an der Freien Universität Berlin. Bald geht er in Pension - und mit ihm sein Fach. Markard hält eines seiner letzten Seminare, der Diplomstudiengang Psychologie läuft aus. Im Bachelor-Curriculum kommt Markards Fachgebiet nicht mehr vor.
Früher war die Kritische Psychologie hier die dominierende Schule. Die Lehrenden verfügten über ein eigenes Institut, propagierten die marxistische Lehre und suchten den Grund für psychisches Leid nicht im Menschen, sondern im ausbeuterischen System. Statt psychologischer Lehrbücher las man in ihren Seminaren "Das Kapital" und diskutierte, wie man den Menschen von wirtschaftlichen Zwängen befreien könne.
Eine Schule, die auch heute einen Nerv treffen könnte - Kapitalismuskritik und Managerschelte haben Konjunktur. Und tatsächlich, Markards Seminar ist gut besucht, sogar auf der Heizung sitzen Studenten. Hat die Krise des Kapitalismus sie politisch aufgeweckt? Formiert sich hier eine neue linke Zelle?
Studenten freut die "softe Benotung"
"Wenn sich die Studenten an der FU durch die Wirtschaftskrise wieder politisiert haben sollten, ist das an mir vorbeigegangen", sagt Morus Markard. Und so sind es auch weniger die Inhalte, die so viele Hörer in sein Seminar locken. Der Professor sei "soft, was die Benotung" angeht, sagt ein Student. Ein anderer will noch wissen, wo der Reader zu finden sei, dann ist das Seminar vorbei.
Eine Renaissance der Kritischen Psychologie bleibt aus. Die letzte revolutionäre Bastion an der FU Berlin wird wohl unwidersprochen abgewickelt, still verschwindet ein linkes Biotop.
Markards geistiger Ziehvater, Klaus Holzkamp, wurde Ende der sechziger Jahre noch von der Politisierung seiner Studenten und deren Begeisterung für Karl Marx mitgerissen. Fortan erklärte Holzkamp, die Hauptaufgabe der Psychologie sei es, den Menschen aus dem Zustand zu befreien, in dem er, laut Marx, ein "erniedrigtes, geknechtetes Wesen" sei. Seine Profession dürfe nicht länger eine "Herrschaftswissenschaft" sein, die den Interessen der Mächtigen diene und die wirklichen Probleme verschleiere.
Diese Interpretation dehnten die Kritischen Psychologen auch aufs Private aus: Angenommen, ein Paar mit drei Kindern lebe zusammen in zwei Zimmern. Seien Aggressionen und Konflikte in dieser Familie dann nicht eher ein ökonomisches als ein psychologisches Problem?
"Du immer mit deinen 68ern"
Diese Perspektive provozierte den Klassenfeind. Unter dem Titel "Freie Universität unter Hammer und Sichel" prangerte ein konservativer Verband die "rote Unterwanderung im Psychologischen Institut" an. Der damalige Berliner Wissenschaftssenator gab dem Drängen der Gegenströmung schließlich nach und gab den konservativeren, den sogenannten Mainstream-Psychologen 1970 ein eigenes Institut - ein in der deutschen Universitätsgeschichte einmaliger Vorgang.
Von nun an mussten sich die Studenten bei der Immatrikulation entscheiden: links oder rechts, Psychologisches Institut (PI) oder lieber Institut für Psychologie (IfP).
"Das war eine tolle Zeit", schwelgt die Dozentin Gisela Ulmann. Ulmann war Holzkamps erste Assistentin, über ihre Seminarpläne schrieb sie damals immer nur "ein Vorschlag". In späteren Zeiten haben die Studenten ihre Haltung dann wohl eher als Führungsschwäche interpretiert - sie hätten sie "angemacht", erzählt Ulmann: "Du immer mit deinen 68ern. Entscheide doch einfach."
Der stolze Kampfeswille ist tot
Dass die Studenten heute wenig Eigensinn und Kampfesmut zeigen, findet auch der Psychologiedozent Eckart Leiser. Die Wirtschaftskrise fördere diese Tendenz noch: "Die Studenten scheinen die Angst so zu verarbeiten, dass sie wie die Wilden studieren." Tatsächlich ist in der ersten Woche des Sommersemesters bei den Psychologen das Gedränge auf den Gängen groß. "Ich habe höchstens eine Planungskrise", sagt eine Studentin, angesprochen auf die Wirtschaftskrise, und deutet auf das Durcheinander von Zetteln, auf denen sie Veranstaltungen notiert hat. Und Christian Küpper, Psychologiestudent im neunten Semester, sagt: "Das Thema Krise hat hier keinen Mega-Impact gehabt."
In den siebziger Jahren sahen sich die Studenten der Kritischen Psychologie noch als Gestaltungsmacht: Sie rückten beim Großunternehmen Siemens an, um die Arbeiter zu politisieren. In Kreuzberg, damals ein Arbeiterbezirk, eröffneten sie einen Schülerladen mit dem Ziel, das richtige Bewusstsein schon bei den Kleinsten zu wecken. In einem von Holzkamp verfassten Kinderbuch war es so, dass beim glücklichen Einzelbauern "immer die Sonne scheint und die Lerchen zwitschern", anders als im anonymen Landwirtschaftsbetrieb, "wo die Leute ungeheuer um ihre Existenz kämpfen müssen".
1995, kurz vor Holzkamps Tod, musste das linke PI dann um seine Existenz kämpfen. Die Berliner Senatsverwaltung beschloss, das kritische Lager im gemäßigten aufgehen zu lassen, eine klare Entscheidung zugunsten der Mainstream-Psychologie. Die Diplompsychologin Christina Kaindl, heute 38 Jahre alt, besetzte damals mit ihren Kommilitonen wochenlang das Institut, die Studenten übernachteten in Schlafsäcken.
"Kritik ist ein Luxus"
Heute ist von dem stolzen Kampfeswillen nichts mehr zu spüren. "Die Tradition ist tot hier", sagt Markard. Das sieht selbst Ernst Hoff, Professor am Mainstream-Institut, als "Verlust des Pluralismus".
Die heutige Studentengeneration komme mehrheitlich "aus Elternhäusern, gegen die man nicht rebellieren muss", sagt Hoff. Außerdem sei das marktwirtschaftliche Denken in die Köpfe eingedrungen, es zähle die unmittelbare Verwertbarkeit akademischer Inhalte. Da haben es Wolkenkuckucksheime wie die Kritische Psychologie schwer. "Kritik ist ein Luxus, den sich die Menschen nicht mehr leisten", glaubt Christina Kaindl.
Ein Relikt aus den Siebzigern gibt es noch: Das "PI-Café" im zweiten Stock des Instituts, wo sich einst Studenten über das Ich und die Gesellschaft die Köpfe heißredeten. Die Einrichtung ist noch immer wild - rote, gelbe, blaue Tische, braune Cordsessel, an der Wand hängt ein Spiegel aus Scherben.
Doch wofür "PI" einmal stand, weiß die Studentin nicht, die hier sitzt. Sie komme wegen des guten Kuchens.