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10. Juni 2013, 13:42 Uhr

Linguist zur Uni Leipzig

"Wir benachteiligen Frauen"

Die Uni Leipzig verweiblicht ihre Grundordnung und eckt mit dieser Sprachreform an. Dem Linguistikprofessor Anatol Stefanowitsch, 43, gefällt die Debatte. Im Interview plädiert er für mehr geschlechtsneutrale Ausdrücke - gegen den Sammelbegriff "Professorinnen" hat er aber auch nichts einzuwenden.

SPIEGEL: Die Leipziger Hochschule hat beschlossen, in ihrer Grundordnung künftig nur noch weibliche Funktionsbeschreibungen zu verwenden, also Professorinnen statt Professoren. Ist das ein Auswuchs sprachlicher Gleichstellungsbemühung?

Stefanowitsch: Ich kann dem Senat der Universität Leipzig nur zu seiner mutigen Entscheidung gratulieren - wahrscheinlich haben die Kollegen nicht geahnt, wie sehr das bundesweit debattiert werden würde. Der Senat hat eine wichtige Diskussion über ein existierendes Problem angestoßen.

SPIEGEL: Welches Problem?

Stefanowitsch: Dass wir Frauen im gängigen Sprachgebrauch benachteiligen, indem wir männliche Bezeichnungen, das sogenannte generische Maskulinum, wählen, auch wenn beide Geschlechter gemeint sind.

SPIEGEL: Hilft es da, einen männlichen Lehrenden nun als "Professorin" zu bezeichnen?

Stefanowitsch: Es geht in Leipzig um einen einzelnen Satzungstext, nicht um individuelle Lehrende, die sich nun Herr Professorin nennen sollen. In Prüfungsordnungen an anderen Hochschulen gibt es bereits ähnliche Regelungen, etwa an der Universität Potsdam oder bei den Informatikern in Karlsruhe. Der Hochschulbetrieb hat dort nicht gelitten.

SPIEGEL: Warum verursacht der Leipziger Vorstoß so viel Wirbel?

Stefanowitsch: Er erzeugt Irritationen, und der erste Impuls ist, den angeblich unterdrückten Männern zu helfen. Die meisten Kritiker machen sich nicht klar, dass 99 Prozent aller Gesetzestexte, Verordnungen und Universitätssatzungen die männliche Form als allgemeingültig darstellen. Das ist genauso ungerecht. Viele Männer fühlen sich laut psycholinguistischen Untersuchungen schon benachteiligt, wenn beide Geschlechter genannt werden.

SPIEGEL: Wer konventionell spricht und schreibt, will meist niemanden diskriminieren. Wozu eine Reform?

Stefanowitsch: Es wird traditionell erwartet, dass weibliche Leser die fraglichen Begriffe interpretieren und jedes Mal überlegen: Bin ich gemeint? Männer wollen und brauchen das nicht zu leisten.

SPIEGEL: Welche Bezeichnung halten Sie denn für gerecht und verständlich?

Stefanowitsch: Zukunftsweisend sind geschlechtsneutrale Wörter.

SPIEGEL: Die leidigen "Studierenden"?

Stefanowitsch: An "Vorsitzenden" stößt sich doch auch niemand. Aus solchen Partizipialformen ließen sich neue Begriffe entwickeln, zum Beispiel "Busfahrende" statt "Busfahrer".

SPIEGEL: Damit könnten auch die Passagiere gemeint sein.

Stefanowitsch: Ja, aber das ist beim "Busfahrer" auch so. Wir wissen nur aufgrund einer Konvention, dass derjenige gemeint ist, der den Bus lenkt. In den USA hat man sich inzwischen auch an die "chairperson" gewöhnt, die den "chairman" abgelöst hat.

SPIEGEL: Lässt sich Sprache überhaupt steuern?

Stefanowitsch: Sprache wandelt sich, weil die Sprecherinnen und Sprecher ihre Gewohnheiten verändern. Ich würde einen gewünschten Begriff in Texten einführen und ihn ohne großes Aufheben verwenden.

SPIEGEL: Bezeichnen Sie sich noch guten Gewissens als Professor?

Stefanowitsch: Ja. Aber wenn die Freie Universität Berlin mich in einer Satzung unter dem Sammelbegriff "Professorinnen" einführen würde, hätte ich damit kein Problem.

Das Interview führte Jan Friedmann

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