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Anatomie-Skandal: Nasen in Eimern, Menschen neben Tierkadavern

Foto: Marius Becker/ dpa

Anatomie-Skandal in Köln Chaos im Leichenkeller

Die Uni Köln kommt wegen des Anatomie-Skandals nicht zur Ruhe: Der ehemalige Institutsleiter nahm sich das Leben. Im Keller des anatomischen Instituts herrschte schon länger pietätlose Schlamperei. Ein Insider berichtet jetzt über Eimer mit "Nasen" und "Neugeborenen" sowie defekte Kühlsysteme. 

Mit "Bestattungsrückstau" beschreibt die Universität zu Köln etwas vage die Zustände im anatomischen Institut, die vor drei Wochen bekannt wurden: Bis zu 100 Leichen von Körperspendern waren dort zur Hochzeit des Skandals nicht beerdigt worden, obwohl sie für die Ausbildung der Medizin-Studenten gar nicht mehr gebraucht wurden. Und bei drei Leichen ist bis heute unklar, welche Identität sie überhaupt haben und wie lange sie bereits im Keller der Anatomie lagern.

Als "absolut unangemessen" hatte Uni-Rektor Axel Freimuth die Situation bezeichnet und sich "zutiefst erschüttert und schockiert" gezeigt - besonders darüber, dass sich der frühere Leiter des Instituts nach Bekanntwerden der Situation das Leben genommen hatte.

Kerzen, Blumen, Briefe: Vor dem anatomischen Institut der Uni Köln lässt sich erahnen, wie tief der Tod des äußerst beliebten Anatomen die Studenten und Mitarbeiter getroffen hat. Der Mediziner war 2002 Geschäftsführender Direktor geworden und hatte diese Position Anfang 2011 seinem Nachfolger übergeben - der wiederum einige Monate später krankheitsbedingt abgelöst wurde. Im Zuge dieses doppelten Führungswechsels, so erklärte es die Uni zunächst, seien die Probleme in der Anatomie bekannt geworden.

"Sehr problematische Aktenführung"

In Leserbriefen und Diskussionen machen unterdessen die Studenten die Berichterstattung über die unhaltbaren Zustände und die fehlende Rückendeckung für den langjährigen Institutsleiter durch Uni-Leitung und Fakultät für den Freitod verantwortlich. Es sei "durch vorschnelle Verurteilung - auch durch die Presse - ein Lebenswerk und damit leider auch das Leben eines großartigen Menschen zerstört", schrieb ein Arzt, der selber an der Uni studiert hat. Trauernde Studenten haben außerdem eine Facebook-Gruppe zur Erinnerung an den Professor  eingerichtet, bei der sich innerhalb weniger Tage mehr als 1600 Mitglieder anmeldeten. Dort auch zu sehen: Ein an ein Heiligenbild erinnerndes Gemälde, das den verstorbenen Institutsleiter unter Dürers betenden Händen zeigt, offenbar gemalt von einem ehemaligen Studenten des Arztes.

Ein Sprecher der Uni Köln hatte zunächst "eine sehr problematische Aktenführung" für das Chaos im Leichenkeller verantwortlich gemacht; später war aus dem privaten Umfeld des früheren geschäftsführenden Direktors bekannt geworden, dass der die Zustände wohl gekannt und nur deshalb gedeckt habe, um eine überlastete Mitarbeiterin zu schützen. Auch habe es Ende 2010 schon Vereinbarungen gegeben, den Beerdigungsstau aufzulösen. Berichte mehrerer Insider und Aussagen des Uni-Rektors Axel Freimuth deuten darauf hin, dass das Durcheinander möglicherweise sogar in die Zeit vor Amtsantritt des nun verstorbenen Institutsleiters zurückreichen könnte.

Ein Uni-Mitarbeiter, der seine Identität geheim hält, schildert in einem ausführlichen Protokoll, wie sich im Dezember der derzeitige Chef der Anatomie auf die Suche nach Räumen machte, die er anders als bisher nutzen wollte. Im Untergeschoss von Gebäude 35 - hier ist die Anatomie untergebracht - entdeckte die Gruppe einen Raum, der offenbar zwei Jahrzehnte lang kaum genutzt wurde. Uni-Rektor Freimuth bestätigte Ende Februar, dass diese Begehung stattgefunden hatte.

"Nasen" und "Haifischköpfe" in Plastikeimern

Im Gedächtnisprotokoll des anonymen Teilnehmers, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es: "Zum Zeitpunkt der Besichtigung war die Kühlung defekt und dementsprechend roch es dort." Der Raum sei ohne Mundschutz kaum zu betreten gewesen. Besser ausgerüstet, habe sich am 14. Januar eine größere Gruppe auf den Weg in den Keller gemacht. Dabei verschafften sich Mitarbeiter von Institut und Uniklinik, ein Hausmeister, mehrere Vertreter der Feuerwehr, einer Uni-eigenen Dienstleistungs-GmbH und eines Entsorgungsunternehmens einen genauen Überblick in dem Raum - insgesamt etwa 15 Beteiligte, wie ein Mitarbeiter der Universität bestätigt.

Im betroffenen Raum sollen nicht nur Leichen von Erwachsenen gelegen haben, heißt es in dem Augenzeugenbericht weiter. Auch Tierkadaver und "eine riesige Anzahl" weißer Plastikeimer sollen sich in dem Raum befunden haben. Ein Eimer sei mit dem Wort "Nasen" beschriftet gewesen, ein anderer mit "Neugeborene", ein weiterer mit "Haifischköpfe". Etiketten und Schrift hätten darauf hingedeutet, dass einige der Eimer dort vor sehr langer Zeit abgestellt worden seien.

Die Gruppe habe Fotos gemacht und per Teleskopstange Proben aus den steinernen Wannen entnommen, in denen teilweise Leichen gelegen hätten. Die Szenerie sei "ziemlich ekelhaft" gewesen und habe ihn "an Gruselfilme erinnert". Der anonyme Zeuge der Begehung, der sich in der Anatomie gut auskennt, findet es nach seiner Schilderung schwer vorstellbar, dass von diesen Zuständen niemand in der Anatomie gewusst haben soll.

Aufarbeitung läuft

In einer Pressekonferenz Ende Februar hatte Uni-Rektor Freimuth eingeräumt, er könne nicht sagen, wie lange die Leichen schon im besagten Raum gelegen hätten. Die Tierkadaver könnten aus einer früheren Zusammenarbeit mit dem Kölner Zoo stammen, mutmaßte der Rektor. Mittlerweile gibt die Universität keine Auskünfte mehr: "Wir konzentrieren uns jetzt auf die Aufarbeitung der Situation und die Identifikation der unbekannten Leichen und geben keine weiteren Kommentare mehr ab, bis die Ergebnisse vorliegen", erklärte ein Sprecher.

Die Werkfeuerwehr der Uni-Kliniken, die mit mehreren Personen an der Begehung beteiligt war, schweigt ebenfalls zu dem Einsatz und verweist an die Uni-Pressestelle.

Geklärt werden muss noch, wer die Verantwortung für die Zustände im Uni-Klinikum trägt und damit auf die Situation hätte reagieren müssen. Was die Aufklärung im Falle eines anatomischen Instituts erschwert: Sind tote Körper erst in der Anatomie angelangt, sind die Todesfälle für das Standesamt ordnungsgemäß erledigt. Die Bestattungspflicht geht auf das Institut über - und wird nicht mehr amtlich überwacht. Damit endet die Spur der Leichen an der Tür zur Anatomie. Für den ordentlichen Umgang und die Beerdigung der sterblichen Überreste ist die Leitung, also das Institut und damit letztlich auch die Universität, verantwortlich.

Der Betrieb der Anatomie sei alleine Angelegenheit der Hochschule, erklärte ein Sprecher des NRW-Wissenschaftsministeriums in Düsseldorf. Das Kölner Gesundheitsamt winkt ebenfalls ab: "Wir sind nur für die Krankenhausbereiche des Klinikums verantwortlich, die Anatomie gehört dagegen zum Ausbildungsbereich."

Für die Bezirksregierung, zuständig für den Arbeitsschutz, erklärt Sprecher Oliver Moritz: "Die Einhaltung unterschiedlicher Gesetze, etwa des Arbeitsschutzgesetzes, des Chemikaliengesetzes und anderer Rechtsverordnungen hat primär der Arbeitgeber zu gewährleisten." Im Fall Anatomie Köln heißt das übersetzt: In der Anatomie der Universität Köln gab es offenbar keine funktionierende Struktur zur Qualitätssicherung, und das womöglich schon seit weit mehr als einem Jahrzehnt.

Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt im Fall des Suizids des ehemaligen Geschäftsführenden Direktors weiter. Für eine Untersuchung der genauen Umstände der Schludrigkeiten in der Anatomie sieht die Ermittlungsbehörde jedoch keinen Anlass.

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