Andrea Lohrmann Eine Studentin kämpft gegen Studiengebühren

Die Freiburgerin Andrea Lohrmann, 22. Semester, hat vor dem Bundesverwaltungsgericht gegen Langzeit-Studiengebühren geklagt und verloren. Im Gespräch mit UniSPIEGEL-ONLINE beklagt sie, dass mit dem Urteil die Studenten bestraft würden, die sich weiter qualifizieren wollten.

Von Ingo Butters


Der zähe Kampf gegen das teure Studium
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Der zähe Kampf gegen das teure Studium

"Oh Gott, eine Biologin." Mit diesen Worten wurde Andrea Lohrmann nach ihrem Studien-Abschluss auf dem Arbeitsamt empfangen. "Ich hatte mein Biologiestudium in 13. Semestern abgeschlossen, das war damals etwas besser als der Durchschnitt, und suchte einen Job." Die Berufsberater legten Lohrmann nahe, da sie als Biologin sowieso keine Berufschancen hätte, doch eine Lehre zu absolvieren. Und zwar eine fachfremde. Als medizinisch-technische Assistentin beispielsweise wäre sie überqualifiziert.

Das kam für Lohrmann nicht in Frage. "Ich schwankte zwischen Promotion und Medizinstudium. Die Doktorarbeit hätte zwischen drei und fünf Jahren gedauert. Ein Medizinstudium plus Doktorarbeit nur unwesentlich länger." 1996 nahm Lohrmann ihr Medizinstudium auf, um sich mit dieser Zusatzqualifikation für den Arbeitsmarkt fit zu machen.

Genau die erwischt es

Im vierten Semester flatterte dann ein Schreiben ins Haus: "Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich ab jetzt 1000 Mark Gebühren für jedes Semester zahlen muss." Lohrmann zahlte. "Ich hatte ja gar keine andere Möglichkeit. Schließlich wollte ich mein Studium fortsetzen." Und sie klagte. Zusammen mit hunderten Kommilitonen zog sie vor die Gerichte und landete schließlich vor dem Bundesverwaltungsgericht in Berlin. "Die Gebühren sind absolut unsozial. Wenn man eine gewisse Studiendauer überschreitet, fällt man aus allen studentischen Vergünstigungen heraus. Man bekommt kein Bafög mehr und fliegt aus der studentischen Krankenversicherung." Diese Studenten müssten dann voll arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. "Und wenn es dann auf die Abschlussprüfungen zugeht und die Leute nur noch Lernen und keine Zeit mehr zum Arbeiten haben, dann kommen jetzt noch die 1000 Mark Gebühren pro Semester dazu. Genau diese Leute trifft es doch."

Ihr Medizin-Studium zog Lohrmann rasant durch, gefördert durch ein Stipendium der EU. Für zwei Semester verließ sie Freiburg und studierte an der Uni Innsbruck. Dort traf sie auf bekannte Gesichter: "In Innsbruck waren irrsinnig viele Studenten aus Baden-Württemberg und Bayern." In Bayern kostet das Zweitstudium 1000 Mark pro Semester. "Die sind alle ins Ausland geflüchtet."

Zu schnell studiert für die Prüfung

Zurück in Freiburg wollte sie dann ihre Prüfungen für das zweite Staatsexamen ablegen. Die notwendigen Leistungsscheine hatte sie zusammen. "Aber ich durfte nicht. Ich hatte noch zu wenig Fachsemester." Erst dieses Jahr wird sie Mitte August vor die Professoren treten und dort ihr Wissen unter Beweis stellen.

Deshalb hat sie es eilig, als sie nach dem für sie enttäuschenden Urteil des Bundesverwaltungsgerichts den Sitzungssaal verlässt. "Ich fahre heute gleich nach Freiburg zurück. In drei Wochen ist schließlich die Prüfung." Studiengebühren muss sie nicht mehr zahlen. Denn das Gesetz kennt Ausnahmen. In Andreas Fall ist das ihre sechs Monate alte Tochter Tabea. "Bis sie fünf Jahre alt ist, muss ich keine Studiengebühren zahlen. Aber dann bin ich längst fertig." Das Thema wird sie aber noch ein paar Jahre beschäftigen. Andrea Lohrmann will ihren Fall jetzt vor das Bundesverfassungsgericht bringen.



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