Stasi-Vergangenheit Holm darf doch an der Humboldt-Universität bleiben

Der Berliner Stadtsoziologe Andrej Holm hat sich für seine falschen Angaben zu seiner ehemaligen Stasi-Tätigkeit entschuldigt - und darf nun weiter an der Humboldt-Universität arbeiten.

Andrej Holm
DPA

Andrej Holm


Am 19. Januar hatte Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität Berlin (HU), mitgeteilt: Andrej Holm werde als wissenschaftlicher Mitarbeiter entlassen, das Arbeitsverhältnis "ordentlich gekündigt".

Nun, drei Wochen und anhaltende Studentenproteste später, teilt die Uni mit: "Die Präsidentin sieht das Vertrauensverhältnis zwar gestört, aber nicht mehr vollständig zerstört und hat deshalb heute entschieden, statt einer Kündigung eine Abmahnung auszusprechen." Das heißt: Holm, der derzeit bis Ende 2018 beurlaubt ist, darf bleiben.

Zuvor hatte der 46-jährige Stadtsoziologe zugegeben, hinsichtlich seiner Tätigkeit für die Stasi Falschangaben gemacht zu haben - und sich dafür entschuldigt. Das hat nun offenbar zum Umdenken im Uni-Präsidium geführt.

"Herr Holm hat gestern erklärt, Falschangaben gemacht zu haben und dies bedauert", so Kunst gegenüber SPIEGEL ONLINE. Er habe schriftlich bestätigt, 2005 im Zuge seiner Einstellung seine Stasi-Mitarbeit verschwiegen zu haben. "Auf dieser Grundlage habe ich entschieden, Herrn Holm statt einer Kündigung eine Abmahnung auszusprechen."

Grund für die Entlassung war laut HU auch nicht Holms Tätigkeit für die Stasi gewesen, sondern, dass er "hinsichtlich seiner Biografie getäuscht und auch an dem wiederholt vorgebrachten Argument der Erinnerungslücken festgehalten hat".

Der 46-Jährige hatte in einem Personalfragebogen 2005 verneint, hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter gewesen zu sein und danach beteuert, er habe nicht wissentlich falsche Angaben gemacht.

In dem aktuellen Schreiben Holms an die HU heißt es nun: "Ich bin mir heute bewusst, dass ich gegenüber der HU objektiv falsche Angaben hinsichtlich meiner Tätigkeit für das MfS gemacht habe. Ich bedauere das und ebenso, dies nicht sofort gegenüber der HU zum Ausdruck gebracht zu haben. Ich versichere gleichzeitig, neben der Grundausbildung und den von mir geschilderten Tätigkeiten in der Auswertungs- und Kontrollgruppe keine weiteren Aufgaben, weder hauptamtlich noch inoffiziell, für das MfS erledigt zu haben."

Dass Holm, der am Lehrbereich "Stadt- und Regionalsoziologie" forschte und unterrichtete, falsche Angaben über seine MfS-Zugehörigkeit gemacht hatte, war bekannt geworden, als er nach der Berliner Landtagswahl in die Politik wechselte und den Posten als Staatssekretär Wohnen in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung der neu gebildeten rot-rot-grünen Regierung übernahm.

Studenten besetzen noch immer Uni-Institut

Von diesem Posten war er Mitte Januar zurückgetreten. Er kam mit diesem Schritt seiner von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) angestrebten Entlassung zuvor.

Der Berliner Bürgermeister hatte Holm mangelhafte Vergangenheitsbewältigung vorgeworfen: Interviews und Aussagen Holms zeigten, "dass er zu dieser Selbstprüfung und den dazugehörigen Rückschlüssen nicht ausreichend in der Lage ist".

Rückendeckung bekam Holm von Studenten der Humboldt-Universität. Nachdem die HU-Präsidentin ihr Vorhaben verkündet hatte, eine ordentliche Kündigung anzustreben, besetzten sie das Institut für Sozialwissenschaften mit der Forderung: "Holm muss bleiben".

Noch ist das Institut besetzt. "Die Freude ist ziemlich groß", so eine Sprecherin der Besetzerinnen. "Der erste Sieg ist heute errungen." Wie es weitergehe, müsse allerdings noch geklärt werden: "Ob wir weiter besetzen, wird morgen in der Vollversammlung besprochen."

Auch von Seiten der HU will man die weiteren Entwicklungen abwarten. "Ich gehe davon aus, dass nun aufgrund dieser neuen Lage bei den Besetzerinnen und Besetzern ein intensives Nachdenken darüber einsetzen wird, ob sie den Protest aufrecht erhalten", so Präsidentin Kunst.

Die Forderungen der Studenten gehen weit über die Personalie Holm hinaus. In einem offenen Brief hatte Kunst schon zugesichert, finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, um etwa zusätzliche Tutorien zu ermöglichen. Ein Treffen der beiden Seiten am Mittwoch war allerdings ergebnislos geblieben.

"Es ist positiv zu bewerten, dass die Studierenden sich in die Gestaltung der Lehre einmischen wollen", so Kunst. "Wie das strukturell umgesetzt werden kann, wird man in den kommenden Monaten gemeinsam erarbeiten - das gilt für das Institut, die Fakultät und die gesamte Universität."

Ebenfalls unklar ist, wann Andrej Holm wieder lehren wird. Noch habe er seine Beurlaubung, die bis Ende 2018 gilt, nicht zurückgezogen, heißt es von Seiten der Humboldt-Universität.

"Wann Andrej Holm uns besucht, wissen wir nicht", sagte eine Sprecherin der Besetzerinnen. "Aber er kann jetzt wieder vorbeikommen." Die Party, die die Gruppe für Samstagabend geplant hatte, wird auf jeden Fall stattfinden. Sie haben etwas zu feiern.

Anne Haeming/lgr

insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pusteblume68 10.02.2017
1. Prozess vermieden...
Und das hatte nichts damit zu tun, dass die HU eventuell den Arbeitsgerichtsprozess verloren hätte?
herkurius 10.02.2017
2. Durchsichtiges Manöver
War doch wohl klar. Der hat nie seine Arbeitskraft oder Ideen in den Dienst der Stasi gestellt, sondern war vor dem Zusammenbruch der DDR ein halbes Jahr zur Ausbildung bei derselben angemeldet. Das verstehe ich nicht unter einer "Tätigkeit für" die Stasi. Ich hasse Linke. Ich hasse Lügen noch mehr, und den Mann bundesweit mit falschen Angaben und schreienden Überschriften zu verleumden, war eine recht dreiste.
m.sielmann 10.02.2017
3. Wenigstens das klappt
Arbeitsrecht ist in seiner Verästelung manchmal für Außenstehende nicht sofort verständlich. Aber ein Beendigungsgrund ist in der Regel dann anzunehmen, wenn das Vertrauensverhältnis für eine Zusammenarbeit in der Zukunft irreperabel gestört ist. Geht man sachlich ran, handelt es sich um eine Jugendsünde über die gegenüber der Universität unrichtig Auskunft erteilt wurde. Bedenkt man weiter, dass diese Form der Informationsbeschaffung verfassungsrechtlich hoch problematisch ist (Niemand muss sich selbst belasten), wäre es interessant gewesen, wie ein Gericht damit umgegangen wäre. Wahrscheinlich hätte es wohl angenommen, dass der Vorgang eine Bagatelle ist, so dass nciht geklärt werden muss, ob die Datenerhebung im konkreten Fall zulässig gewesen wäre. Denn ernsthaft, wie soll sich eine Unterschrift eines 18jährigen bei der Stasi ohne praktische Umsetzung auswirken. Gesinnung ist nicht strafbar und eine Folge heute könnte höchstens eine Unterschrift bei einem existierenden Geheimdienst haben.
joG 10.02.2017
4. Er kann nachdem er....
.....Falschangaben in einem Dokument machte und seinen Arbeitgeber hinterging für den Staat weiterhin tätig sein? Das ist schon eine Ansage.
gabriel6000 10.02.2017
5. Unehrlich
Mag sein, dass seine Stasi Tätigkeit begrenzt war, in einem kurzen Zeitrsum statt fand, und er als junger Mensch einen Fehler gemacht hat. Dafür kann man sich entschuldigen, wir alle machen Fehler. Allerdings ist es sehr problematisch mehrfach hinsichtlich seiner Biographie zu lügen und das Signal an andere Biographie-Lügner ist hier meiner Meinung ganz falsch. Ich finde die Entscheidung sehr unglücklich und traurig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.