Erstes Interview von Joachim Sauer  "Ich profitierte von der DDR-Hochschulreform"

Zum ersten Mal gewährte Joachim Sauer, Gatte der Kanzlerin, einer Zeitung ein Interview. Er klagt darin über zeitraubende Vorlesungen, kritisiert das Bildungssystem und erklärt, warum eine Flucht aus der DDR für ihn nie infrage kam.
Joachim Sauer (Archivbild)

Joachim Sauer (Archivbild)

Foto: TORU HANAI/ AFP

Joachim Sauer, Quantenchemiker und Ehemann von Bundeskanzlerin Angela Merkel, tritt selten in der Öffentlichkeit auf. Nun hat der seit Oktober emeritierte Professor der "Berliner Zeitung" ein ausführliches Interview  gegeben. Allein: Um Politik durfte es nicht gehen.

Sauer nutzte das Gespräch, um die Bologna-Reform des europäischen Hochschulwesens mit Bachelor- und Masterstudiengängen zu kritisieren. "Sie hat die Freiheit der Lehre stark eingeschränkt, und die Studienordnung ist zu einem Hexen-Einmaleins geworden", sagte Sauer. "Mit der Festlegung von Kreditpunkten pro Semester, mit der strikten Fixierung auf Module, die ihrerseits wieder zahlreiche formale Kriterien erfüllen müssen." Das habe auch er als Lehrender als "sehr belastend" empfunden.

Sauer hielt im Oktober seine Abschiedsvorlesung an der Berliner Humboldt-Universität, an der er seit 1993 als Professor gearbeitet hatte. Exakt 50 Jahre zuvor hatte er sich dort immatrikuliert. Die Hochschule befand sich auf dem Gebiet der DDR.

Eine Flucht aus der DDR kam nie infrage

"Man versetzte uns damals in Angst und Schrecken", erinnert sich der 68-Jährige. "Es wurde einem als jungem Studenten klargemacht, dass man in diesem Land kein Bein auf die Erde bekommen würde, wenn man nicht an die Partei und das System glaube und dafür eintrete." Am Ende der Immatrikulationsfeier habe er einen Schwur auf den Arbeiter- und Bauernstaat leisten müssen.

Sauer ist bereits mit 25 Jahren promoviert worden. Wie er der "Berliner Zeitung" berichtet, wurde er früh eingeschult und profitierte später von einer DDR-Hochschulreform im Jahr 1967. "Man führte damals ein Forschungsstipendium ein, in dem man sofort nach den vier Jahren Studium und Ablegen der Hauptprüfungen in die Promotion einsteigen konnte." 1977 begann Sauer am Zentralinstitut für Physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Adlershof zu arbeiten.

Der Chemiker legte sich nicht offen mit dem System der DDR an. Aber einmal, als er gebeten wurde, seine Eindrücke von einem SED-Parteitag für eine Wandzeitung aufzuschreiben, wollte er die Staatsoberen doch ein wenig ärgern: "Ich habe im Text den Führungsanspruch der Partei dem Leistungsprinzip untergeordnet - also die offizielle Ideologie umgekehrt."

Als erfolgreicher Forscher durfte Sauer ab 1988 offiziell für das Zentralinstitut reisen. Auf die Frage, ob es ihn nie gereizt habe, bei einer Reise in den Westen dort zu bleiben, sagt Sauer: "Meine Kinder waren damals 12 und 14 Jahre alt. Das kam nicht infrage." Auch eine illegale Ausreise sei nicht infrage gekommen. "So ein Typ bin ich nicht." Sauer hat zwei Kinder aus erster Ehe.

"Konnte alle Möglichkeiten nutzen"

Sauer war 40 Jahre alt, als die Mauer fiel. "Das habe ich immer als mein Glück gesehen", sagt er. "Ich konnte alle Möglichkeiten nutzen." Dabei hat er das Ende der DDR nicht kommen sehen. Noch im Sommer 1989, als die Menschen das Land massenweise verließen, habe er nicht geglaubt, dass es so schnell gehen würde.

Als Professor im Ruhestand widmet Sauer sich anderen Projekten abseits der Lehre. Er forscht weiterhin als Senior Researcher an der Humboldt-Universität, reist für Vorträge um die Welt und berät etwa ein US-Forschungsinstitut, das sich mit der Trennung von Gasen befasst.

mja
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