Anja in Amerika Vorsicht Flirt-Falle!

Heiraten ist in den USA Volkssport, fachgerechtes Anbändeln eine Geheimwissenschaft, merkte Gaststudentin Anja Schröder. Flirten können Amerikaner erstklassig. Und ziemlich oft hoffen sie dabei gleich auf die Frau oder den Mann fürs Leben.


In den USA ist das so: Man kann sich sehr schnell sehr heimisch fühlen. Aber dann gibt es da diese Kleinigkeiten. Das sind die winzigen Dinge, die einem von einer Sekunde auf die andere in Erinnerung rufen, dass man hier nicht zu Hause ist. Die Sache mit der Liebe ist so eine Kleinigkeit.

"Love" an der Uni: Platz für sexuelle Orientierungen jeglicher Art
Charly Kurz

"Love" an der Uni: Platz für sexuelle Orientierungen jeglicher Art

Es war an einem Freitagabend im überfüllten "Red Sky", einer schicken Szene-Bar in der Altstadt von Philadelphia, als meine Freundin Tara mir ihre neueste Eroberung Kevin vorstellte. "Nice to meet you", sagte Kevin. "Nice to meet you, too", erwiderte ich und schüttelte seine Hand. Kevin sah gut aus, er war charmant und zeigte sich von seiner besten Seite - eben so, wie man das hier von den Männern gewohnt ist. Was ich gern trinken würde, wollte er wissen. Ich hatte gerade beschlossen, mit einem "Cherry Soda" in den Abend zu starten, da stellte mir Kevin seine zweite Frage: "Are you married?"

Sagen wir mal so: Wenn das hier eine After-Bullriding-Party in Aurora, Nebraska, gewesen wäre, hätte es keinen Anlass zur Verwunderung gegeben. Aber wir standen in einer von trendigen Twenty-somethings bevölkerten Szene-Bar in der zweitgrößten Metropole der amerikanischen Ostküste. Und Kevins Frage kam keinesfalls von ungefähr. Wie sich später noch herausstellen sollte, litt er vielmehr an den Folgen eines tiefsitzenden Beziehungstraumas. Denn Kevin war nicht nur 27 Jahre alt und charmant - er war auch frisch geschieden.

Ehen mit frühem Verfallsdatum

Heiraten ist in Amerika eine Art Volkssport. Allerdings: Der Bund fürs Leben ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auffällig oft mit einem frühen Verfallsdatum versehen. Wie Wissenschaftler der Rutgers University in ihrem Heirats-Report "The National Marriage Project" ausgerechnet haben, liegt die Scheidungsquote bei amerikanischen Durchschnittspaaren zwischen 40 und 50 Prozent. Und je jünger die Ehepartner, desto höher ist das Risiko. Das durchschnittliche Heiratsalter steigt zwar auch hier an. Mit 25 Jahren für Frauen und 27 für Männer lag es 2004 jedoch vier beziehungsweise fünf Jahre unter dem deutschen Schnitt. Mit anderen Worten: Heiraten vor 30 gehört hier ganz selbstverständlich dazu. Und das gilt auch für Studenten.

Paar auf dem Penn-Campus: Heiraten ist Volkssport
Charly Kurz

Paar auf dem Penn-Campus: Heiraten ist Volkssport

Als ich mich das erste Mal mit meinem Kommilitonen Chris unterhielt, bat er mich, ihn einen Moment zu entschuldigen, weil er mal eben seine Frau anrufen müsse, damit die ihn mit dem Auto abholen käme. Chris ist 26 und in Virginia aufgewachsen. Vor vier Jahren hat er Ellen geheiratet. Da waren die beiden gerade mal neun Monate zusammen. Hauptgrund für den schnellen Schritt vor den Altar war vor allem die Weltanschauung der künftigen Schwiegereltern. "Ziemlich konservativ", sagt Chris und erzählt, wie das so war, als Ellen und er damals zusammenziehen wollten: sehr schwierig, weil eine gemeinsame Wohnung in den Augen der Verwandtschaft ohne Trauschein undenkbar war.

Insofern kann man sagen, dass sich meine Kommilitonin Marianna richtig viel Zeit gelassen hat. Ihren Freund hat die Juristin aus New Orleans erst kürzlich, nach zwei Jahren Beziehung, geheiratet. Und das in vergleichsweise hohem Alter: "Mit 29 war ich unter meinen Freundinnen so ziemlich die Einzige, die noch nicht verheiratet war", sagt Marianna.

Es ist daher nicht so verwunderlich, dass die Zeit in College und Graduate School für all diejenigen, die noch nicht in den Campus-Apartments für die "married couples", sondern in den Einzelzimmern wohnen, zur permanenten Jagdsaison wird. Und weil der Wahlspruch "time is money" auch in der Liebe gilt, wird nicht lange gefackelt, sondern vielmehr effizient geflirtet.

Extrem konservativ, extrem offen

Ich befand mich erst wenige Minuten auf amerikanischem Boden, als auf dem Philadelphia International Airport ein Typ in
College-Kapuzenpulli und Flip-Flops meine beiden 32-Kilo-Koffer vom Band wuchtete und sich mit den Worten vorstellte: "I think you need a boyfriend!" "Danke, ich brauche erst mal ein Taxi", entgegnete ich. Doch der Taxifahrer, den ich kurze Zeit später anheuern wollte, hatte keine Ahnung, wo meine Straße lag. Stattdessen wartete er mit einem Vorschlag für die gemeinsame Abendplanung auf.

Vielleicht gerade weil das Flirten hier eine leicht inflationäre Entwicklung genommen hat, haben sich viele ungeschriebene Gesetze herausgebildet. Wie leicht man danebenliegen kann, erlebte ich mit einem Kommilitonen. Ich hatte Phil lediglich gefragt, ob er auch mit zum Abendessen kommen wollte. Über Umwege erfuhr ich: Die Tatsache, dass die beiden anderen am Dinner Beteiligten ein Pärchen waren, hatte bei ihm zu der sicheren Annahme geführt, ich beabsichtige ein "double date".

Ich war empört. Erstens, weil er mit seinem Verdacht falsch lag. Und zweitens, weil die Vorstellung, mit mir ein "double date" zu haben, für Phil offenbar so abschreckend gewesen war, dass er unter einem Vorwand lieber gleich ganz zu Hause blieb. Doch weil es hier zum guten Ton gehört, auch unangenehme Dinge mit einem konstruktiven "Let's talk about it!" anzugehen, landeten wir ein paar Tage später bei Starbucks, wo man sich darauf einigte, dass man es hier wohl mit einem kulturellen Missverständnis zu tun hatte - "a cultural thing", wie Phil es ausdrückte.

Es ist ein eigenartiger Dualismus aus extremem Konservatismus einerseits und überraschender Offenheit andererseits, der einem hier täglich begegnet. In South Dakota hat der Gouverneur gerade ein Gesetz unterzeichnet, das als das schärfste Abtreibungsgesetz des ganzen Landes gilt, weil es nahezu jeden Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellen soll. Auf dem Campus lese ich unterdessen am schwarzen Brett eine Einladung an die Studentinnen, in der es heißt: "Share your abortion story!" Und während der State Supreme Court von New Jersey noch darüber verhandelt, ob die gleichgeschlechtliche Ehe außer in Massachusetts demnächst auch in einem zweiten US-Bundesstaat erlaubt werden soll, bietet das "Lesbian Gay Bisexual Transgender Center" meiner Uni "safezones" auf dem Campus an, in denen in Ruhe über sexuelle Orientierungen jeglicher Art diskutiert werden kann. Und oftmals sind auch die nicht nötig: In einem Seminar habe ich es neulich erlebt, dass ein Student zur Überraschung aller Anwesenden ganz nebenbei erwähnte, dass er noch bis vor kurzem eine Frau gewesen sei.

Dating mit kompliziertem US-Code

Wer will, erfährt hier einiges - und soll nicht selten auch etwas von sich preisgeben. "A few questions" bezüglich meiner "sozialen Bedürfnisse und Aktivitäten" richtet meine Uni in einem Fragebogen für die ausländischen Studierenden an mich. Und eine der ersten lautet: "Are you single?" Allerdings: Das ist keinesfalls eine Frage, die man mal eben so zwischendurch beantworten könnte. Es ist, gemessen am US-Standard, eine Wissenschaft für sich.

Los geht alles mit "dating someone", der unverbindlichsten Form, die für überwiegend harmlose Aktivitäten steht und gegenseitige Ansprüche jeglicher Art ausschließt: Man kann eine Person oder aber eben beliebig viele "daten". Grundsätzlich steht und fällt alles mit dem Label "exclusive" oder "non-exclusive". Während Ersteres am ehesten dem nahekommt, was man üblicherweise Beziehung nennt, steht "non-exclusive" ganz einfach für mehrere solcher "Beziehungen". Der Spaß hört schließlich spätestens da auf, wo jemand von sich selbst behaupten kann, einen "significant other" gefunden zu haben. Von hier führt der Weg über das "engagement" mehr oder weniger schnurstracks in die Ehe, vorausgesetzt, alles läuft nach Plan. Falls nicht, zieht man in den Rosenkrieg. In unserem Campus-Magazin "34th Street" etwa stehen so anonyme Unfreundlichkeiten wie: "To Jennifer: I gave your e-mail address to 1,000 spammers as revenge." Und hin und wieder reduziert sich auch alles auf einen einzigen Kommentar: "Bad in bed."

Was Tara und Kevin betrifft, war die Sache auch durch ein halbherziges "non-exclusive" nicht mehr zu retten gewesen. Tara zog Konsequenzen. Eigentlich hatte sie bei www.craigslist.com ja nach einem gebrauchten Snowboard gesucht. Doch irgendwie war sie dabei in die Kennenlern-Rubrik geraten. Sein Name war Nick. "And guess what", sagte Tara. "What?", wollte ich wissen. "Ich habe ihn gefragt, ob er geschieden ist, und er hat nein gesagt. Ist das nicht großartig?" "Das ist phantastisch", sagte ich. Nicht ohne mich vorher zu erkundigen, ob sie auch die zweite Frage gestellt hatte - die nach dem Trauschein.



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