Ansturm auf Unis So eng wird's auf dem Campus

Die Studentenflut steigt auf Rekordhöhen - so lautet die Prognose. Wegen Doppel-Abi und Wehrpflicht-Ende gibt es mehr Studienberechtigte denn je. Aber wie dramatisch wird die Lage an den Hochschulen wirklich? Eine Umfrage zum Semesterstart zeigt: Die Bewerberzahl ist tatsächlich gewaltig.
Hörsaal in Heidelberg: Wie viele Studenten strömen wirklich an die Unis?

Hörsaal in Heidelberg: Wie viele Studenten strömen wirklich an die Unis?

Foto: Uwe Anspach/ dpa

Ein Mann auf der Bühne versucht, die hereinströmenden Studenten zu dirigieren: "Gehen sie bitte auch auf die Empore, da ist genügend Platz. Oder in Hörsaal C, dort gibt es eine Videoübertragung." Bis auf den letzten Platz ist das Auditorium Maximum belegt, selbst auf dem Boden hocken die Neu-Studenten im größten Hörsaal der FU Berlin - Einführungstag für Erstsemester.

Auch für Sven Soukup, 19, ist es der erste Uni-Tag. Für Physik hat er sich eingeschrieben - obwohl er eigentlich Deutsch und Philosophie studieren wollte. Doch dafür reichte sein Abi-Schnitt von 2,5 nicht. "Physik ist eines der wenigen Fächer ohne Zulassungsbeschränkung und ich bekomme schon mal mit, wie das an der Uni so läuft." Später will er sich an der Universität der Künste für "Szenisches Schreiben" bewerben.

Wie in Berlin strömen überall in Deutschland die Studienanfänger an die Unis, wälzen Vorlesungsverzeichnisse, schreiben Stundenpläne, gewöhnen sich ans Campusleben, drängeln sich in die Hörsäle. Und wie Sven Soukup nehmen viele Abiturienten einen Umweg auf dem Weg zum Studium, studieren erstmal irgendwas oder bewerben sich mehrfach.

Denn in diesem Herbst, so lauteten jedenfalls die Prognosen, könnte die Studenten-Flut auf Rekordhöhen steigen - so viele Neu-Studenten wie noch nie, das waren die Vorhersagen. Auch weil mit Bayern und Niedersachsen zwei große Bundesländer doppelte Abiturjahrgänge entließen. Und weil junge Männer keinen Wehrdienst mehr leisten müssen. Unis und Studenten versuchten sich zu wappnen, um den Hörsaalstau zu verhindern.

Kommt die Studentenflut wirklich? Und wie heftig wird sie?

Jetzt, zum Semesterbeginn, müsste sich zeigen, ob die Flut-Warnungen berechtigt waren. Höchste Zeit also für einen Rundruf an den Massen-Unis, ob und um wie viel ihre Masse zunimmt. Anders gesagt: Gibt es die Studentenflut wirklich - und wenn ja, wie verteilt sie sich?

Im Norden sieht es ganz nach Ansturm aus. Nach Angaben der Universität Hamburg haben sich 20 Prozent mehr Interessierte für die Bachelor-Studiengänge beworben als im Jahr zuvor. Trotz 1300 zusätzlicher Studienplätze klafft eine Lücke zwischen Nachfrage und Angebot, gerade bei den beliebten Studienfächern: Auf 38 Plätze in Medien -und Kommunikationswissenschaften kommen 3317 Bewerbungen.

Gestiegen ist die Zahl im Doppel-Abi-Bundesland Niedersachsen: Die niedersächsischen Unis melden laut einer Umfrage des NDR zwischen 16 und 33 Prozent Bewerberzuwachs. Sie haben sich aber offenbar auf den Ansturm vorbereitet und auch mehr Studienplätze geschaffen: So haben sich an der Leibniz-Universität Hannover nach Uni-Angaben schon 42 Prozent mehr Erstsemester eingeschrieben als im Jahr zuvor.

Mehr Bewerber - und trotzdem bleiben Plätze frei

Da sich viele Studienanfänger mehrfach bewerben, könnten aber trotz Ansturm am Ende Studienplätze frei bleiben. Denn bei der Vergabe regieren seit Jahren Chaos, Zufall und Kleinklein an den Hochschulen. An einer Software, die das Problem bundesweit lösen soll, wird seit Jahren erfolglos gewerkelt. Also suchen sich Studenten ihre eigenen Wege und gehen mit Mehrfachbewerbungen auf Nummer Sicher. Laut NDR zeichnet sich das etwa bereits in Oldenburg ab: Bewerberplus von 33 Prozent - doch nur ein Viertel der Studenten mit Zusage habe sich eingeschrieben.

Auch die Universität Bremen meldet ein Bewerberplus, jedoch trotzdem noch viele freie Studienplätze. Die Universität hat deshalb in einigen Fächern die Einschreibungsfrist bis zum 15. Oktober verlängert - etwa in Elektrotechnik, Mathematik und Soziologie. Laut Uni hatten sich die Studienwünsche auf wenige Fächer konzentriert, auf Psychologie etwa oder Germanistik.

Nordrhein-Westfalen erwartet den richtig großen Ansturm erst 2013. Dann werden auch in diesem Bundesland zwei Jahrgänge gleichzeitig Abitur machen. Die Universität Köln meldet aber schon für dieses Wintersemester 20 Prozent mehr Bewerber, vor allem für das Fach Betriebswirtschaftslehre (BWL). Nach Angaben der Universität sind es hier 10.000 Bewerber auf "einige hundert" Studienplätze.

Auch Bayern hat dieses Jahr einen doppelten Jahrgang Abiturienten entlassen. Das bekommt zum Beispiel die Technische Universität München zu spüren: 34 Prozent mehr Bewerbungen auf die Bachelorstudiengänge als im Vorjahr.

In Berlin allerdings, wo sich die Erstsemester gerade im Hörsaal drängen, ist von einem größeren Ansturm nichts zu merken - die Hauptstadt ist schon seit Jahren ein begehrter Studienort. Nach Angaben der FU gingen für dieses Wintersemester 30.500 Bewerbungen für die Studiengänge mit dem Abschluss Bachelor oder Staatsexamen ein, genau so viele wie im Jahr zuvor. Allerdings gibt es nur 4000 Studienplätze für alle die Bewerber. Die Konsequenz: Nahezu alle Studienfächer haben einen Numerus Clausus. An der Humboldt Universität sind die Bewerberzahlen sogar leicht rückläufig.

Eine wirklich aussagekräftige Auswertung der Bewerberzahlen wird es an den Hochschulen aber erst in den nächsten Wochen geben, doch der Trend deutet schon jetzt auf die erwartete Flut hin.

Ob Physikstudent Sven Soukup mit überfüllten Hörsälen rechnen muss, wird sich zeigen. Seine Lehrer hätten ihn zumindest bestens vorbereitet: "Die haben uns eingetrichtert, dass wir froh sein müssen, wenn wir auf dem Boden sitzen dürfen und eine Heizung in unserer Nähe ist", sagt er.

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