Apo-Veteran Albers "Arbeitslosigkeit kannten wir 68er nur aus Büchern"

Das Transparent "Unter den Talaren..." machte ihn einst bekannt, heute ist Detlev Albers selbst Professor. Im Interview spricht der Bremer Politologe und SPD-Politiker über zynische Kollegen, verhängnisvollen Zeitdruck und seine Vergangenheit als Bannerträger der 68er.


UniSPIEGEL:

"Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren": Sie haben das bekannteste Transparent der Studentenbewegung getragen. Können Sie uns die Szene beschreiben?

Albers: Das war am 9. November 1967 bei der feierlichen Übergabe des Rektorats von einem Ordinarius an den anderen, dem sogenannten dies academicus. Die beiden Würdenträger ziehen an der Spitze der Lehrstuhlinhaber ins Audimax der Universität Hamburg ein. Ich hatte das Transparent in der Innentasche meines Anzugs gefaltet, dann haben wir es ausgerollt und sind vor die Prozession gesprungen. Es ist schwarz, weil wir es wenige Monate zuvor bei der Sternfahrt zur Trauerfeier unseres getöteten Berliner Kommilitonen Benno Ohnesorg benutzt hatten.

UniSPIEGEL; Wofür haben Sie als Hamburger Asta-Vorsitzender gekämpft?

Albers: Mit dem Transparent wollten wir die Hochschulen darauf stoßen, dass sie sich bislang vor der Aufarbeitung ihrer Rolle im "Dritten Reich" gedrückt hatten. Außerdem war es die Zeit der außerparlamentarischen Opposition gegen die erste Große Koalition: Wir kämpften gegen die Notstandsgesetze, gegen den Vietnam-Krieg und für nichts weniger als eine Umwälzung der gesamten Gesellschaft.

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Studentenrevolte: Muff von 1000 Jahren

UniSPIEGEL: Ehrgeizige Ziele - was war mit den Alltagsproblemen Ihrer Kommilitonen?

Albers: Wir wollten eine grundlegende Demokratisierung der Hochschule, eine echte Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Dazu gehörte die gleichberechtigte Mitbestimmung von Studenten, Uni-Mitarbeitern und Hochschullehrern in den Gremien. Ich habe später zusammen mit dem anderen Bannerträger, meinem Freund Gert Hinnerk Behlmer, drei Jahre lang als studentischer Vertreter im Gründungssenat der Universität Bremen gesessen. Dort haben wir eben diese Drittelparität erreicht.

UniSPIEGEL: Viele Professoren sind heute genervt vom Gremienwirrwarr. Und den meisten der Studenten ist Mitbestimmung herzlich egal, oder nicht?

Albers: Die Selbstverwaltung hat zu manchem Übermaß geführt. Aber der Dialog über Interessenstandpunkte ist ein Wert an sich. Und die Qualität der Entscheidungen wächst mitnichten, wenn sie nur von älteren Professoren getroffen werden. Die Forderung nach Autonomie der Hochschulen wird immer dann hohl, wenn sie nicht begleitet wird von der Bereitschaft zur Öffnung nach innen. Hier haben die Studenten schon viele Gefechte verloren, und deshalb muss es einen nicht wundern, wenn in der Studentenschaft politische Gleichgültigkeit um sich greift.

UniSPIEGEL: Was ist falsch daran, wenn sich Studenten auf das Studium konzentrieren?

Albers: Die Fähigkeit, eigene Positionen zu vertreten, braucht Rückhalt und Ermutigung von Seiten der Lehrenden. Ich finde es zynisch, wenn ausgerechnet wir mit dem Finger auf die geringe Wahlbeteiligung bei Asta-Wahlen zeigen. Es ist ja schließlich unsere Aufgabe, das politische Interesse der Studenten zu stärken, indem wir etwa in den Lehrveranstaltungen die gesellschaftliche Relevanz von Wissenschaft und Hochschule thematisieren.

UniSPIEGEL: Darüber ließ sich 1968 noch trefflich streiten. Haben die Studenten heute nicht andere Sorgen?

Albers: Ich räume ein, dass sie es wesentlich schwerer haben, ihren Platz in der Gesellschaft aktiv einzunehmen. Arbeitslosigkeit kannten wir 68er zumeist nur aus Büchern.

UniSPIEGEL: Mehr denn je zählt heute die fachliche Leistung.

Albers: Unter dem Stichwort der Elitenförderung betreiben die Hochschulen eine immer härtere Auswahl. Exzellenz wird gemessen an der Zahl von Nobelpreisträgern und solchen, die es einmal werden wollen. Dabei weiß doch jeder: Breitensport und Spitzensport bauen aufeinander auf und bedingen einander. Das heißt für die Hochschulen: Sie dürfen sich nicht auf ein meritokratisches System versteifen, das vor allem den Output an wissenschaftlich unselbständigen Leistungen misst.

UniSPIEGEL: Was würden Sie sich auf die Fahnen schreiben, wenn Sie heute Studentenvertreter wären?

Albers: Begünstigung von Eigensinn, Kritik gegenüber oberflächlichen Leistungsstandards. Wissenschaftliches Arbeiten setzt Kreativität voraus, und die kann nicht entstehen, wenn Studenten durch einen verpflichtenden Kanon von 180 Credit Points in sechs Semestern Bachelorstudium gejagt werden. Ich würde auch dagegen ankämpfen, bestimmte Übergangsquoten vom Bachelor- zum Masterstudium festzulegen. Das sollte allein nach Begabung geregelt werden. Jede Quotierung ist eine Krücke.

INTERVIEW: JAN FRIEDMANN

© UniSPIEGEL 6/2005
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