Arbeiten "EINE INTELLEKTUELLE HERAUSFORDERUNG"

Heinrich August Winkler über die Berufsperspektiven für Historiker


UniSPIEGEL:

Herr Professor Winkler, wenn Sie heute ein Abiturient aufsuchen und fragen würde, ob Sie ihm zum Studium der Geschichte raten können: Unter welchen Bedingungen würden Sie das tun?

Winkler: Der junge Mann oder die junge Frau sollte ein überdurchschnittliches Denkvermögen mitbringen, sich gut auf Deutsch ausdrücken und einige Fremdsprachen zumindest lesen können.

UniSPIEGEL: Nur wenige Historiker werden noch als Lehrer in den Staatsdienst übernommen. Womit verdienen Ihre Absolventen heute ihr Geld?

Winkler: Am attraktivsten sind sicher die Medienberufe ­ ob dann alle dort auch einen Job bekommen, ist eine andere Frage.

UniSPIEGEL: Wer fünf oder sechs Jahre Geschichte studiert und sich dabei in Vorlesungen und Seminaren mit höchst anspruchsvollen wissenschaftlichen Themen herumgequält hat, soll nun also im Frühstücksradio den Wetterbericht vortragen. Ist das nicht eine Vergeudung von Kompetenzen?

Winkler: Nein, durchaus nicht. Es bleibt doch in der Regel nicht beim Wetterbericht. Denken Sie nur an die Recherche, die zum Kern jeder journalistischen Arbeit gehört: Im Geschichtsstudium lernen Sie im Grunde dasselbe, nämlich die Bewertung und Interpretation historischer Quellen. Das ist eine exzellente Vorbereitung für den Beruf des Journalisten.

UniSPIEGEL: Das heißt: Es geht nicht so sehr um die Inhalte des Studiums, sondern um die Methoden?

Winkler: Das ist jedenfalls ein wesentlicher Teil der Berufsvorbereitung. Natürlich erwerben Sie mit dem Geschichtsstudium auch ein politisches Begriffssystem sowie ein Hintergrundwissen, das Ihnen andere Studiengänge nicht vermitteln.

UniSPIEGEL: Früher gab es in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern eine geheime Hierarchie der Abschlüsse: Das Staatsexamen zählte mehr als der Magister. Gilt das heute auch noch?

Winkler: Nein. Die Anforderungen sind einfach nur unterschiedlich. Beim Staatsexamen müssen beispielsweise noch Pädagogik-Scheine vorgelegt werden, beim Magister-examen hingegen ist die Zahl der möglichen Fächerkombinationen sehr viel größer. Insofern liegt hier auch eine besondere intellektuelle Herausforderung. Heute gibt es im Übrigen sehr viel mehr Magister- als Staatsexamensabsolventen.

UniSPIEGEL: Beim Staatsexamen wird die ganze Breite eines Fachs abgefragt, Magisterkandidaten können sich die Rosinen herauspicken.

Winkler: Natürlich kann das eine Kehrseite der freien Wahl sein. Manch einer weicht so den schwierigen Themen aus. Aber das ist doch eher die Ausnahme.

UniSPIEGEL: Gerade in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten wird vielerorts über die Einführung der angelsächsischen Bachelor- und Master-Abschlüsse diskutiert. Vor allem der Bachelor, so heißt es, könnte vielen Studenten einen frühzeitigen Start ins Berufsleben ermöglichen. Geben Sie dem BA bei den Historikern eine Chance?

Winkler: Ja. Man müsste diesen Abschluss nur mit möglichst geringem bürokratischem Aufwand einführen. Ich denke, nach der Zwischenprüfung und drei Hauptseminarscheinen wäre der richtige Zeitpunkt für den Bachelor. Wie der Arbeitsmarkt diese Absolventen aufnimmt, wird man dann sehen.

UniSPIEGEL: Wenn Sie auf Ihre Laufbahn als Hochschullehrer zurückblicken: Wie haben sich die Interessen der Geschichtsstudenten inhaltlich verändert? Gibt es Themen oder Epochen, mit denen sich junge Historiker besonders intensiv auseinander setzen ­ und solche, die sie eher vernachlässigen?

Winkler: Ich stelle fest, dass es einen sehr starken Run auf die Zeitgeschichte gibt, den so genannten Presentism. Dabei lässt sich auch die Gegenwart nur verstehen, wenn man sich in den früheren Epochen solide auskennt. Ohne Kenntnisse des Mittelalters kann man zum Beispiel auf die so häufig gestellte Frage »Gab es einen deutschen Sonderweg?« überhaupt keine Antwort geben.

UniSPIEGEL: Sie müssen das Interesse der Studenten an den Epochen vor der Zeitgeschichte vielfach erst wecken?

Winkler: Man muss ein wenig nachhelfen, ja. Der Nationalsozialismus ist nun mal als Thema mehr »in« als das 19. Jahrhundert.

UniSPIEGEL: Was ja verständlich ist.

Winkler: Sicher. Aber inzwischen ist Hitler, ist der Nationalsozialismus generell zu einem neuen Mythos geworden. Viele Studenten glauben deshalb, dass schon dieses Thema die Quintessenz des relevanten historischen Wissens darstellt. Und das ist eben falsch. Man kann den Nationalsozialismus nicht erklären, wenn man nicht weit in die deutsche Geschichte zurückgeht.

UniSPIEGEL: Und wie sind Sie selbst zur Geschichtswissenschaft gekommen?

Winkler: Ich bin historisch vorbelastet. Meine beiden Eltern waren promovierte Historiker. Als Schüler habe ich allerdings lange zwischen Jura und Geschichte geschwankt. Das Dilemma ließ sich dann dadurch lösen, dass ich neben Geschichte noch Öffentliches Recht und eine Reihe anderer Fächer studiert habe ­ ein Verfahren, das ich auch den Studenten heute empfehlen möchte: Es bewährt sich immer, wenn man über die Grenzen des eigenen Fachs hinausschaut.

INTERVIEW: MARTIN DOERRY



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