Arbeiten "ETWAS SCHIEF UND KRUMM"

Eine Theologin geht in eine PR-Agentur, zwei Politologen gründen eine Firma für E-Commerce ­ manche Geisteswissenschaftler machen Karrieren, von denen sie kaum träumten.


Sie hat gelernt, die Bibel zu interpretieren, sie kann Predigten schreiben und vermag einfühlsam mit ratlosen Gläubigen umzugehen. Aber der Schreibtisch der Theologin Sibylle Knapp, 28, steht nicht in einem Pfarrbüro, sondern in einer PR-Agentur in Berlin, und statt Gottesdiensten organisiert sie Pressekonferenzen für die Expo 2000 im Ausland.

Studium ist das eine, die Berufswahl das andere, und Sibylle Knapp traf ihre Entscheidung nach nüchternem Abwägen: "Kirche hätte bedeutet: noch zwei Jahre Vikariat und danach erst einmal einen Hungerlohn." Wenn sie denn angesichts der leeren Kassen der Landeskirchen überhaupt eine Stelle bekommen hätte. Praktika und Jobs in Politik und Öffentlichkeitsarbeit hatte sie schon zuvor absolviert ­ das zahlte sich jetzt aus.

Oliver Seyboldt, 27, und Oliver Frueauff, 35, sind wider Erwarten Unternehmer geworden: Das Firmenschild "mediasonar" glänzt noch nagelneu am Aufgang einer Fabriketage in Berlin-Friedrichshain. Im Wachstumsmarkt E-Commerce entwickeln die beiden Diplom-Politologen Internet-Lösungen für kleinere und mittlere Unternehmen ­ und planen eifrig ihre Expansion.

Noch helfen Familienangehörige mit Geld und buchhalterischem Know-how, noch telefonieren die beiden täglich mit dem Existenzgründerberater, und das eigene Einkommen ist fürs Erste schmal. Dennoch zweifeln sie nicht am Sinn des Studiums, das sie hinter sich brachten: "Die Analyse von Systemen und Strukturen, das Lösen von Problemen ­ alles sehr gut zu gebrauchen. Ganz abgesehen vom überzeugenden Präsentieren und Referieren, wo wir sicher mehr gelernt haben als mancher Betriebswirt."

Ob sie nun Theologie oder Politologie studiert haben, viele Geistes- und Sozialwissenschaftler merken spätestens am Ende ihres Studiums, dass sie kaum Aussicht haben, im erlernten Beruf unterzukommen. Notgedrungen sehen sie sich nach Alternativen um.

So starten Philologen oder Historiker, Soziologen oder Linguisten Karrieren, von denen sie nicht unbedingt geträumt haben. An abschreckenden Gegenbeispielen ist ja auch kein Mangel: knapp 9000 Geisteswissenschaftler und gut 2000 Soziologen sind arbeitslos, viele von ihnen haben es wegen ihres fortgeschrittenen Alters besonders schwer, irgendwo unterzukommen.

"Die Absolventen fassen zunehmend die freie Wirtschaft als Arbeitsfeld ins Auge, und die Wirtschaft öffnet sich auch ihnen gegenüber", beobachtet Manfred Bausch, Arbeitsmarktexperte bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt am Main, mit gebotener Sachlichkeit. Die Jobmaschine Internet bietet nicht nur Computerfreaks Berufschancen, bestätigt der Experte Bausch: "Geistes- und Sozialwissenschaftler profitieren davon, sofern sie die betriebswirtschaftlichen Grundlagen kennen und fit am Computer sind. SAP, HTML, Java sollten keine Fremdworte sein."

Die studierte Soziologin Eva Neff, 28, ist bei der Internet-Agentur »mediaworx« in Berlin zwar eigentlich noch Trainee, tatsächlich aber schon Projektleiterin und koordiniert die Arbeit verschiedener Teams aus Programmierern und Grafikern. Sie erarbeitet mit den Kunden das Konzept ihrer Internet-Auftritte und sorgt für die Umsetzung; inzwischen ist sie im Unternehmen schon fast unentbehrlich.

Die Programmiersprache HTML hatte sie bei ihrer Diplomarbeit über Marktforschung im Internet gelernt. Geholfen hat ihr auch, dass sich vor ihr ein Soziologe in der Geschäftsleitung etabliert hatte: "Unser Ruf ist: Die können alles", lacht sie, "organisieren, kommunizieren, leiten ­ wenn auch manchmal chaotisch."

Neudeutsch werden solche Fähigkeiten "soft skills" genannt. Sie geben den Ausschlag, wenn nicht ein Betriebswirt, sondern ein Archäologe einen Marketing-Job bekommt. Arbeitsmarkt-Experte Bausch hat Stellenanzeigen für Soziologen darauf ausgewertet, was von Bewerbern erwartet wird: "Neben EDV- und Sprachkenntnissen stehen ganz oben: Teamfähigkeit, Engagement, Kreativität, Kommunikationsfähigkeit und Selbständigkeit."

"Der Bauernhof war hilfreich", meint Karl Lohmann, 34. Er ist gelernter Landwirt, studierter Agrarökonom, promovierte zum Doktor der Philosophie, arbeitete als Unternehmensberater und ist jetzt Chef des strategischen Marketing beim Stromerzeuger PreussenElektra. Seinen eigenen Weg, "sicher etwas schief und krumm", hat er auch im Kopf, wenn er heute Nachwuchs einstellt: "Mir ist wichtig, dass jemand ein spannendes Studium mit selbst gewählten und dann auch durchgezogenen Schwerpunkten vorweisen kann. Dann ist mir Jean Paul und die Literatur des 19. Jahrhunderts lieber als eine Schnellbildung in Ökonomie." Und: "Im Strommarkt werden gerade alle Regeln neu geschrieben, da braucht es neben Ökonomen auch Menschen mit offenem Blick und der Fähigkeit zum Querdenken."

Große Unternehmen schätzen durchaus interdisziplinär zusammengesetzte Teams. Unternehmensberatungen wie ATKearney, Boston Consulting, Kienbaum oder McKinsey arbeiten selbst so ­ und verbreiten diese Kultur auch bei ihren Klienten.

Das Zauberwort aus der amerikanischen Management-Lehre heißt "managing diversity". Katharina Heuer, Personalleiterin beim Finanz- und Computer-Dienstleister Debis, erzählt, was damit gemeint ist: "Vielfalt der Geschlechter, der Nationalitäten und eben der Qualifikationen, das ist nach unserer Erfahrung eine Bereicherung für die Firma. Die unterschiedlichen Herangehensweisen an Probleme bringen bessere Lösungen für unsere Kunden." Geistes- und Sozialwissenschaftler arbeiten bei Debis in allen Bereichen.

"Im Prinzip steht jede Funktion allen offen", verspricht auch Claudia Reyer von Procter & Gamble ­ Bewerbungen von Geistes- und Sozialwissenschaftlern mit interessantem "Gesamtprofil" sind dem Chemiekonzern willkommen, auch wenn die Mehrheit noch immer aus den Wirtschaftswissenschaften kommt. Bedingung auch hier: "Die Bewerber sollten im Praktikum oder sonstwie außeruniversitär schon mal richtig etwas bewegt haben."

"Es war gut für mich, dass ich endlich die Ferien für ein Praktikum freigeschaufelt habe", erinnert sich Marijan Kojic, 25. Dazu war er gezwungen, weil er ein Programm beim "Career Service" an der Freien Universität Berlin absolvierte, das Geistes- und Sozialwissenschaftler auf den Arbeitsmarkt vorbereiten soll. Er musste zwei Semester Grundlagen in Betriebswirtschaft und EDV lernen, wurde in Rhetorik geschult und für Bewerbungsgespräche trainiert. Sein Praktikum leistete der Literaturwissenschaftler in einem Grafikbüro ab, für das er heute fest arbeitet.

Programme wie den Career Service gibt es inzwischen auch an anderen Universitäten, etwa in München, Bamberg, Hannover oder Tübingen. Anders als Aufbaustudiengänge oder sonstige Weiterbildung nach dem Examen verlängern solche Programme nicht die Studienzeit ­ dafür kosten sie allerdings auch zwischen 150 und 250 Mark pro Semester.

Ob mit oder ohne Hilfestellung der Uni: Aktiv zu werden ist alles. Olaf Amblank, Unternehmensberater bei Kienbaum, sieht die Sache ganz nüchtern: "Jeder muss sich irgendwann entscheiden, wohin es gehen soll. Und wenn nicht die Stelle als Professor das Ziel ist, dann muss man Praxiserfahrung sammeln."

MATTHIAS KOLBECK



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