Arbeiterkinder an Unis "Die fremde Welt hat mich eingeschüchtert"

Noch immer studieren Kinder von Arbeitern seltener als aus Akademikerhaushalten. Doch das liegt meist weder an ihnen selbst noch am fehlenden Geld, weiß Katja Urbatsch aus eigener Erfahrung.
Von Silvia Follmann
Studenten stehen auf dem Campus

Studenten stehen auf dem Campus

Foto: Jan Woitas/ picture alliance / dpa

Ob man studiert oder nicht, das scheint vielen heute auf den ersten Blick vor allem eine private Entscheidung, die kaum noch an äußere Faktoren wie Einkommen oder familiärer Hintergrund gebunden ist.

Doch das ist nicht die Realität, denn während Kinder aus akademischen Haushalten meist ganz selbstverständlich ein Studium ergreifen, so sieht das bei Kindern aus nicht akademischen Haushalten ganz anders aus: Von 100 Nichtakademikerkindern studieren gerade einmal 23, von 100 Akademikerkindern sind es 77. Wollen die anderen einfach nicht?

Nein, so einfach ist es nicht. Katja Urbatsch, Gründerin der Initiative Arbeiterkind.de  erklärt, woran es wirklich liegt - und was getan werden kann, damit die Herkunft nicht mehr dafür entscheidend ist, ob jemand, der studieren möchte, das auch tut.

Zur Person
Foto: imago

Katja Urbatsch, Jahrgang 1979, ist Gründerin von Arbeiterkind.de  und war selbst in ihrer Familie zusammen mit ihrem Bruder die Erste, die studiert hat. Die Initiative berät Jugendliche aus nicht-akademischen Haushalten, die studieren wollen, aber nicht wissen, wie sie das Thema angehen sollen.

Frage: Du hast als Erste in deiner Familie studiert. Welche Hürde war für dich schwerer zu nehmen: überhaupt den Entschluss zu fassen oder alles was damit an Geld und Bürokratie verbunden ist?

Katja Urbatsch: Genau genommen war mein Bruder der Erste in unserer Familie, der studiert hat. Wir haben aber fast zeitgleich studiert, und das war auch ganz wichtig. Der Entschluss fiel mir gar nicht so schwer, denn mir ist gar kein Ausbildungsberuf in den Sinn gekommen, der mir Spaß machen würde. Also war sicherlich alles, was danach kam, die größere Hürde.

Frage: Haben deine Eltern euren Entschluss befürwortet?

Urbatsch: Ja, sie haben das schon befürwortet. Aber sie haben zunächst nicht verstanden, warum wir Kinder dafür beide nach Berlin wollten, das war ihnen zu weit weg. Natürlich war ein Studium etwas Neues in unserer Familie und deshalb wurde schon auch nachgefragt, warum wir nicht erst einmal eine solide Ausbildung machen und Geld verdienen wollten.

Auf Familienfeiern mussten wir uns auch immer wieder lustig gemeinte Sätze wie "Studenten sind doch alle faul" und "Du wirst mit deinem Studium doch sowieso nur Taxifahrer" anhören - auch wenn sie es nicht böse meinten, hat mich das nachhaltig geprägt. Dieses Unwissen, das dann in Vorurteile und Berührungsängste umschlägt. Und natürlich hat es mich auch verunsichert, denn auch mir war all das ja lange noch fremd.

Frage: 2008 hast du dann die Initiative "Arbeiterkind" gegründet. Warum hat dich das Thema nicht mehr losgelassen?

Urbatsch: Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen, weil viele meiner Freunde, die auch einen nichtakademischen Hintergrund haben, studieren wollten, es aber nicht gemacht haben. Auf Nachfrage von mir kam dann meist: "Ich habe mit meinen Eltern gesprochen und die fanden eine Ausbildung sinnvoller." Ein Fall war besonders absurd: Eine Freundin, die eine Fünf in Mathe hatte und dann eine Banklehre machte, obwohl sie eigentlich Soziologie studieren wollte - nur weil die Eltern das für das Richtige hielten.

Da habe ich das erste Mal begriffen, was für eine große Rolle der Familienhintergrund bei dieser Entscheidung spielt. Das sah ich auch ganz klar während meines eigenen Studiums: Ich war an der FU in Berlin und traf dort auf eine Klientel, die ich überhaupt nicht kannte und so gar nichts mit meinem eigenen Hintergrund zu tun hatte. Das hat mich erst einmal ziemlich klein fühlen lassen - trotz Einser-Abi und dem Ruf, nicht wirklich schüchtern zu sein.

Frage: Was hat dich so eingeschüchtert?

Urbatsch: Die mir fremde Welt. Es macht dich einfach klein, wenn du hörst, was die anderen schon alles gemacht und gesehen haben, dass sie Eltern haben, die Bücher schreiben oder ihnen Praktika im Bundestag vermitteln können. Meine Kommilitonen wurden auch bei Referaten von ihren Eltern unterstützt oder konnten zumindest über unsere Studieninhalte mit ihnen diskutieren - für mich undenkbar. Das waren Menschen, für die es immer klar war, dass sie studieren werden, die wussten, wie man an Stipendien und andere Förderungen kommt.

Ich habe durch diese Erfahrung sehr schnell kapiert, warum viele Kinder aus Arbeiterfamilien nicht studieren, und dass das nicht an den Kindern selbst liegt. Also habe ich damit begonnen, meine Stipendienanträge als Vorlage an andere weiterzugeben und habe bei Bedarf Bekannte mit ähnlichen Problemen gecoacht. Das war sicherlich der Grundstein für Arbeiterkind.de - aber bis ich die Idee dann wirklich umgesetzt habe, hat es noch ein paar Jahre gedauert.

Frage: Wie wichtig ist der finanzielle Aspekt bei der Entscheidung für oder gegen ein Studium?

Urbatsch: Natürlich spielt Geld eine Rolle, aber viel entscheidender ist der kulturelle Aspekt. Denn es gibt ja auch Akademikerkinder, die mit einer alleinerziehenden Mutter aufwachsen und bei denen das Geld knapp ist. Trotzdem studieren sie wesentlich häufiger als die Kinder aus den nicht akademischen Haushalten. Denn der Unterschied ist: Sie wissen, auch wenn sie nicht alle finanziellen Möglichkeiten haben, wie wichtig Bildung ist und setzen dann Himmel und Hölle in Bewegung, um ihrem Kind das Studium zu ermöglichen. Das Geld spielt also gar nicht die entscheidende Rolle, auch wenn das viele als Grund nennen.

Wenn das Geld ein Problem ist, dann vor allem in der Hinsicht, dass eine große Angst davor besteht, Schulden zu machen, die man nicht zurückzahlen kann oder dass Bafög-Zahlungen erst nach zwei Monaten kommen. Eine tolle Initiative in der Richtung kommt etwa vom Freiburger Studentenwerk, die für die ersten Monate eine Übergangsleistung an Menschen zahlen, deren Bafög auf sich warten lässt, damit eben diese Not nicht entsteht.

Frage: Wie genau sieht die Unterstützung für die Jugendlichen aus, wenn sie auf euch zukommen?

Urbatsch: Wir schauen, wo die nächste lokale Arbeiterkind-Gruppe ist und dort können sie in die Sprechstunde oder zu offenen Treffen gehen, um sich zu informieren. In erster Linie geht es aber darum, sich kennenzulernen, auszutauschen und Mut zu machen. Im nächsten Schritt schaut man dann gemeinsam, ob es eine Finanzierung des Studiums braucht und wo man Förderungen beantragen kann.

Frage: Gibt es einen Fall, der dich besonders bewegt hat?

Urbatsch: Erst letzte Woche habe ich bei einer Veranstaltung ein Mädchen getroffen, das aus einer Hartz-IV-Familie kommt, die gern ein MINT-Fach studieren will und Bestnoten in Mathe und Technik hat. Das ist doch ein Traum! Genau diese Menschen suchen wir als Gesellschaft doch die ganze Zeit. Aber sie hat sich gar keine Chancen auf ein Studium ausgerechnet, weil sie nicht wusste, wie sie es finanzieren soll und wie man die ganze Sache überhaupt angeht.

Frage: Was müsste von Seiten der Politik passieren, um Bildung nicht mehr im Elfenbeinturm zu halten?

Urbatsch: Wenn Jugendliche heute anfangen zu studieren, wissen sie überhaupt nicht, wie viel Bafög sie bekommen und wann. Gerade wenn man aus einer ärmeren Familie kommt, braucht man Sicherheit und muss wissen, mit was man rechnen kann.

Zum einen müssen wir, und das stößt mir wirklich auf, uns von dem Gedanken des Akademisierungswahns verabschieden. Das ist nicht die Realität, nur 20 Prozent der Deutschen sind Akademiker. Es ist bizarr, denn die meisten, die dieses Argument anführen, sagen auch: Eine Ausbildung ist prima, aber meine Kinder sollen natürlich alle studieren. Das ist einfach nicht ehrlich, denn den eigenen Kindern empfiehlt man immer das, was man selbst als zukunftsweisend empfindet.

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