Atomkraftdoktorand im Interview "Ich fühle mich sicher"

Heiße Stäbe aus strahlendem Metall sind Lars Holts Doktorarbeitsthema. Kurz vor dem Reaktorunglück von Fukushima verteidigte der 25-jährige Promotionsstudent im UniSPIEGEL-Streitgespräch die Atomenergie - dann kam der Tsunami und die Strahlenkatastrophe. Was sagt er jetzt?

Lars vor dem AKW Emsland bei Lingen: "Ein Restrisiko wird immer bleiben"
Henning Maier-Jantzen

Lars vor dem AKW Emsland bei Lingen: "Ein Restrisiko wird immer bleiben"


UniSPIEGEL: Lars, bei dem Streitgespräch mit der Greenpeace-Aktivistin Elisabeth Schneider im letzten UniSPIEGEL haben Sie die "Renaissance der Kernkraft" begrüßt. Haben die Ereignisse in Fukushima, die Bilder von den Kindern, die mit Geigerzählern untersucht werden, Ihren Blick auf die Atomenergie verändert?

Lars: Natürlich ist man beunruhigt und macht sich Gedanken, gerade wenn man, wie ich, neben einem Kernkraftwerk wohnt. Das ist einfach menschlich. Aber es ist auch klar, dass ein Restrisiko immer bleiben wird. Zugleich weiß ich, wie exzellent die Leute in deutschen Kernkraftwerken ausgebildet sind ...

UniSPIEGEL: ... ein Reaktorsicherheitsfachmann hat sich jüngst beim SPIEGEL darüber beklagt, dass selbst die technischen Leiter ihr Atomkraftwerk nicht mehr so gut kennen, wie es eigentlich nötig wäre.

Lars: Das halte ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen für Unsinn.

UniSPIEGEL: "Wenn es heute eine Kernschmelze gäbe, würde die Radioaktivität gar nicht nach außen dringen" - was Sie im Streitgespräch sagten, wurde durch die Katastrophe in Japan wohl widerlegt.

Lars: Was ich da gesagt habe, bezog sich auf neue Kernkraftwerke, die in Finnland oder Frankreich gebaut werden. Sie haben ein Kernschmelze-Auffangbecken, den sogenannten Core-Catcher. Damit wäre eine Kernschmelze, wenn es eine gäbe, beherrschbar.

UniSPIEGEL: Deutsche Kernkraftwerke verfügen nicht über Core-Catcher.

Lars: Aber bei uns gibt es gute Möglichkeiten, bei einer Kernschmelze den Reaktordruckbehälter von außen zu kühlen. Die Analyse des Störfalls in Japan wird hier womöglich Nachrüstungen erforderlich machen.

UniSPIEGEL: Dafür haben die hiesigen AKW andere Schwachstellen. Eine moderne Panzerfaust könnte den Sicherheitsbehälter selbst der jüngsten deutschen Kernkraftwerke bloßlegen.

Lars: Moment, Sicherheitsbehälter ist nicht gleich Reaktordruckbehälter! Aber klar, die Risiken verändern sich mit der Zeit, deswegen geht die Forschung an der Sicherheit der Kernkraftwerke beständig weiter. Auch an all den Not- und Nachkühlsystemen. Da sind die Anforderungen zwar schon sehr hoch, aber natürlich muss man darüber nachdenken, ob man noch was an Sicherheit drauflegen kann - und muss.

UniSPIEGEL: Experten rechnen vor, dass, wenn man alles nachrüsten würde, was man müsste, um eine Katastrophe wie in Japan auszuschließen, keines der 17 Kernkraftwerke hier noch rentabel wäre. Ist Abschalten nicht doch die bessere Lösung?

Lars: Sicherheit geht vor. Es muss aber bedacht werden, dass wir bei einem radikalen Kernenergieausstieg Strom aus ausländischen Kernkraftwerken importieren müssen. Auf die Sicherheit dieser Meiler haben wir aber keinen Einfluss. Österreich macht das so - aber ist das wirklich besser?

UniSPIEGEL: Ist es so verkehrt, nach Fukushima das Restrisiko neu zu bewerten?

Lars: Das ist eine gesellschaftspolitische Frage. Wollen wir weiterhin Industriestandort sein, auch für so energieintensive Branchen wie die chemische Industrie? Wollen wir die Klimaschutzziele erreichen? Und wie sieht es mit der Versorgungssicherheit aus? Wollen wir abhängig sein von Russland, das uns von heute auf morgen den Gashahn zudrehen kann? Ist die Gewinnung von Schiefergas in Deutschland umweltverträglich? Wann sind Stromspeicher in großem Maßstab vorhanden und die Erneuerbaren Energien grundlastfähig? Ich hoffe, dass am 22. Mai keine Flaute ist, dann werden nämlich nur noch vier Kernkraftwerke am Netz sein.

UniSPIEGEL: Wieso das?

Lars: Von den Kernkraftwerken, die trotz Moratorium weiterlaufen dürfen, sollen dann einige planmäßig in die Revision gehen. Da werden beispielsweise Brennelemente ausgewechselt und der Reaktordruckbehälter geprüft, jedenfalls werden die Kernkraftwerke heruntergefahren. Woher soll bei einem windstillen und wolkenreichen Tag dann der Strom kommen?

UniSPIEGEL: Würden Sie jetzt nach Japan fahren und am Reaktor arbeiten?

Lars: Wenn ich Schichtleiter in Fukushima wäre, würde ich selbstverständlich am Reaktor arbeiten. Dann steht man dafür auch ein, das ist klar. Die Leute, die vor Ort die Anlage betreiben, kennen sich am besten damit aus, insofern hat es wenig Sinn, Externe dazuzuholen.

UniSPIEGEL: Sie haben Ihre berufliche Zukunft eigentlich in deutschen AKW gesehen - aber deren Tage scheinen gezählt. Haben Sie Ihre Lebensplanung jetzt umgeschmissen?

Lars: Ich habe alles im Studium gemacht, Kohlekraftwerke, Gas, Erneuerbare Energien, deswegen bin ich nicht von der Kernenergie abhängig. Aber ich möchte die Branche trotzdem nicht wechseln. Da ich mich auf Störfallanalyse spezialisiert habe, möchte ich mich gern daran beteiligen, Kernkraftwerke in anderen europäischen Ländern noch sicherer zu machen.

UniSPIEGEL: Hand aufs Herz - wie gut können Sie noch schlafen in direkter Nachbarschaft des Lingener Kernkraftwerks?

Lars: Es ist das zweitjüngste Kernkraftwerk in Deutschland, und ich fühle mich absolut sicher dort. Noch sicherer könnte ich mich nur fühlen, wenn wir ein ganz neues Kernkraftwerk mit Core-Catcher bekommen würden. Aber das deutsche Atomgesetz verbietet ja den Neubau von Kernkraftwerken.

Das Interview führte Sven Becker



insgesamt 409 Beiträge
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Seite 1
freigeist56 18.04.2011
1. Ich kann es ja verstehen....
Das falsche Studiert...Genauso wie all diejenigen die 1989 Marxismus im Osten Studiert haben. Aber Kopf hoch lieber Lars - ein paar Semester dranhängen und Teilchen Physik studieren - In Cern gibt es auch gigantische Großanlagen und Kernspaltung...
fatherted98 18.04.2011
2. Alles nur...
...Gelabber (schon zig mal gehört) von einem der von der Atomwirtschaft lebt...ja mei was glauben Sie denn was der sagen wird. Dieselbe Meinung bekommt man im Vorstand von RWE, in jedem Atomkraftwerk und bei dem daran hängenden Gewerbe...klar eine volle Brieftasche ist erst mal besser als ein "sicheres" Umfeld...aber da fragen wir mal besser die Leute rund um Fukushima....aber das ist ja in Japan und hier nie und nimmer möglich...bla bla...
si_tacuisses 18.04.2011
3. aber aber,,,,
Zitat von sysopHeiße Stäbe aus strahlendem Metall sind Lars Holts Doktorarbeitsthema. Kurz vor dem Reaktorunglück von Fukushima verteidigte der 25-jährige Promotionsstudent im UniSPIEGEL-Streitgespräch die Atomenergie - dann kam der Tsunami und die Strahlenkatastrophe. Was sagt er jetzt? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,756250,00.html
Was kann Lars denn anderes von sich geben. Sollte er komplett verblödet sein, sich um Kopf und Kragen und einen zukünftigen Job zu quatschen ?? Leute, würde denn ein Politiker wie Westerwelle zustimmen, dass nicht die HTZ 4 er in dekadentem anstrengungslosem Wohlstand leben sondern Teile unser Volksverdummer ???
hladik 18.04.2011
4.
Die interessanteste Frage wurde nicht gestellt: "Wann wuerden Sie einen schnellen Ausstieg fuer richtig halten?"
mk70666 18.04.2011
5. Vertrauen
Tja, Herr Holts, mittlerweile haben Kernenergie befürwortende Experten wie Sie ein Glaubwürdigkeitsproblem. Seit die Kernkraft zur Energie-Gewinnung genutzt wird, wird von Leuten wie Ihnen zwar ein gewisses Restrisiko eingeräumt, an den angeblich "statistisch betrachtet alle 10000 Jahre vorkommenden" GAU haben wir uns aber leider binnen weniger Jahrzehnte gewöhnen müssen. Ebenso wie an die üblichen Ausreden von Leuten wie Ihnen, dass man natürlich mit diesem oder jenen technischen Feature sicher gewesen wäre. Zur Zeit mag es ein Core-Catcher sein. Nachdem ein Airbusabsturz oder Terroranschlag auch diese Sicherheitshürde geknackt hat, soll dann in Zukunft eben ein Super-Mega-Kubikkilometer-Bleimantel notwendig sein, oder was auch immer... Ich werde Leuten wie Ihnen zu meinen Lebzeiten ganz sicher keinen Glauben an die Beherrschbarkeit dieser Technologie mehr schenken.
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