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Aufnahmerituale in Frankreich: Die Studentensoldaten

Foto: OLIVIER MORIN/ AFP

Aufnahmerituale an französischen Unis "Sie wollen dich brechen und neu formen"

Sie werden geschlagen und müssen Erbrochenes essen: Jedes Jahr lassen sich Erstsemester an französischen Elite-Unis von ihren Kommilitonen erniedrigen. Warum tun sie sich das an?
Von Verena Hölzl

An diesen Abend kann sie sich noch gut erinnern: Irgendwann konnte ihr Kommilitone nicht mehr. Er ging vor die Tür und brüllte los. Drinnen skandierten sie weiter die Hymne. Dazu marschierten sie in ihren einheitlich-grauen Kitteln im Gleichschritt.

Selbst ausgerastet ist sie nie. Sie ertrug Schikane und Drill schweigend. Dafür hat sie acht Kilo abgenommen und weinte oft. Anaïs, die eigentlich anders heißt, ist Anfang 20 und studiert an der französischen École des Arts et Métiers, einer renommierten Kaderschmiede für Ingenieure. Jedes Jahr machen die französischen Spitzen-Universitäten, die sogenannten Grandes Écoles, Schlagzeilen mit aufsehenerregenden Riten, mit denen die Erstsemester in die Schulgemeinschaft eingeführt werden.

Tradition aus dem 12. Jahrhundert

Die Bandbreite reicht von harmlosen Aktionen wie Wettessen und Klopapierverkauf bis zu Schlägen, erniedrigenden Orgasmus-Simulationen, der Penetration mit einer Karotte oder der Verabreichung von Erbrochenem. Nicht selten enden solche Einführungswochenenden im Krankenhaus. Im Falle eines jungen Mannes wird ermittelt, ob sein Tod mit einem Prüfungsritual zusammenhängt. Er ertrank unter mysteriösen Umständen nachts in einem See.

Die Tradition dieser sogenannten bizutage reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück und ist unter anderem auch in den USA und in Belgien zu beobachten. In Frankreich ist der Brauch seit 1998 gesetzlich verboten. Sechs Monate Gefängnis und 7500 Euro Strafe stehen darauf. Auch dann, wenn das Opfer in die Handlungen eingewilligt hat. Durch das Gesetz geändert hat sich allerdings wenig.

"Sie wollen dich brechen und neu formen", sagt Anaïs. So soll aus einem neuen Jahrgang eine Gemeinschaft werden.

An der Arts et Métiers dauert die bizutage nicht nur ein Wochenende, sondern fast drei Monate. Es geht weniger um körperliche Gewalt oder perverse Aktionen als um Gehirnwäsche. Die Zweitsemester sind in dieser Zeit uneingeschränkt zu respektieren, sie dürfen nicht angesprochen werden und haben das Recht, die Jüngeren - fortan ohne Vornamen - zu terrorisieren. Das alles darf Anaïs eigentlich nicht erzählen. Sektengleiche Geheimniskrämerei ist an ihrer Schule Teil der Tradition, sie nennen es dort "Überraschung".

"Als ich am ersten Abend die Fackeln im Hof gesehen habe, musste ich noch schmunzeln", erzählt sie. Dann hat das Aufnahmeritual ihr immer mehr Zeit abverlangt. Rund fünfmal die Woche hieß es jeden Abend: antreten.

"Regelrechter Psychoterror"

"Wir mussten uns in Schwarzlicht-Räumen der Größe nach in Reih und Glied aufstellen, im Gleichschritt marschieren und uns anbrüllen lassen, wenn wir die Schulhymne nicht auswendig konnten", erzählt sie. Ausgewählte Zweitsemester ließen sich monatelang Haare und Bart wachsen und verdeckten so große Teile des Gesichts. In ein Büchlein wurden Liedtexte, Kodizes und der schuleigene Dialekt notiert - mit einem alten Füllfederhalter in gotischen Lettern.

Warum sie es nicht geschafft hat auszubrechen? Anaïs gehört zur Elite Frankreichs. Sie hat sich nach dem Abitur zwei Jahre durch eine Vorbereitungsklasse gequält, um an einer Grande École studieren zu dürfen und damit Teil eines Zirkels zu werden, dessen Einfluss bis in die obersten Etagen der Wirtschaft reicht und eine sichere Karriere bedeutet. "Wer nicht mitmacht, setzt die Unterstützung der Alumni aufs Spiel", erklärt sie. Außerdem habe sie anfangs auch daran geglaubt, wenn Freunde ihr versicherten, dass es sich lohne: "Das ist eine Tradition, die uns stärker macht."

Hierarchie spielt im französischen Bildungssystem eine wichtige Rolle. Die bizutage ist Teil dieses Systems, in dem die Autorität einer ranghöheren Person traditionell nicht in Frage gestellt wird. "Was die Studenten aus höheren Semestern vorgeben, wird deshalb fraglos befolgt", erklärt Marie-France Henry. Die 69-Jährige ist Vorsitzende des nationalen Komitees gegen die bizutage.

Henry macht seit 17 Jahren Lobby gegen das Phänomen, das in Frankreich vor allem an den Grandes Écoles und Medizin-Fakultäten verbreitet ist, teilweise auch an Gymnasien und beim Militär. Insgesamt würden dem Verein pro Jahr 15 bis 20 problematische Einführungswochenenden gemeldet, sagt sie. Die Arts et Métiers zählt zu Henrys Problemfällen: "Bei denen haben wir es mit regelrechtem Psycho-Terror zu tun." An der Arts et Métiers selbst nennen sie es "Weitergabe von Werten unserer Schule". Mit bizutage habe das nichts zu tun, denn die sei schließlich verboten, teilte das Büro des Direktors auf Anfrage mit.

Und Anaïs? Verurteilt sie ihre Peiniger? "Nein, wieso? Die denken ja, sie tun etwas Gutes", sagt sie.

Seit Anfang Dezember ist für die aktuellen rund tausend Erstsemester ihrer Schule der Spuk vorbei. Sie dürfen nun auch wieder mit ihren älteren Kommilitonen sprechen. Alles andere wäre auch zu schade: Denn eine pompöse Gala führt die Erstsemester final in die Gemeinschaft ein. Damit ist die bizutage beendet.

Bis im nächsten Jahr für die Neuen alles von vorn beginnt.

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