Ausgebremster Regierungschef Zum Teufel mit dem Studium

Für die Zeit nach seiner politischen Karriere hat Erwin Teufel einen Traum: mit 66 Jahren noch studieren, Philosophie, in München. Nur reicht die Mittlere Reife nicht. Teufels Studienwunsch und die leise Häme in der Debatte darüber - beides scheint durchaus typisch Schwäbisch.

Erwin Teufel sei die fleischgewordene Rechtschaffenheit, sagen seine Landeskinder über den "Minischterpräsidenten". Und bestätigen ihm, er habe den Charme eines Arbeitskittels. Das ist im "Muschterländle" Baden-Württemberg ein hohes Lob, wo der Schwabe doch seiner Frau das schönste Kompliment macht, wenn er ihr sagt: "Liebling, heute siehst du besonders abgeschafft aus!"

Erwin Teufels Studienpläne nach Beendigung seiner politischen Spitzenkarriere wären so recht nach dem Herzen der Schwaben: Nur nicht die Hände in den Schoß legen, es muss weitergeschafft werden - im Lande von Schiller, Uhland, Hölderlin, Hegel, Hauff und Mörike gilt das weiterhin. Denn schließlich: Wer seine Häusle fertig gebaut hat, der kriegt Herzrhythmusstörungen, wenn er aufhört mit dem Wühlen und Schaffen.

Dass nun ausgerechnet Erwin Teufel mit seinem Studienwunsch in München eine leicht schadenfrohe Diskussion heraufbeschwört, ob er denn überhaupt dazu die nötigen Voraussetzungen habe, ist sicher auch etwas sehr Schwäbisches: Wenn man sich selbst nichts gönnt, außer "schaffe, schaffe", gönnt man es auch nicht einem verdienten Ministerpräsidenten, auf seine alten Tage etwas zu genießen, wofür er sich nicht genügend den Hintern platt gesessen hat.

Denn Erwin Teufel hat nur das Einjährige, wie man zu seiner Zeit noch die Mittlere Reife nach Abschluss der zehnten Gymnasiumsklasse bezeichnet hat. Seine Verwaltungskarriere ist lückenlos und ohne Makel. Aber wenn seine Biografie behauptet, er habe nach dem Gymnasium an der Verwaltungsfachschule studiert, dann wird "hälingen" - hochdeutsch: verstohlen - darüber hinweggegangen, dass er das Gymnasium nicht mit Abitur verließ. Und dass das "Studium an der Verwaltungsfachschule" ein etwas vollmundiger Begriff ist, denn die hatte nicht den Rang einer Universität oder einer Fachhochschule.

Die Südstaaten sind beim Studium besonders streng

Da nützten auch keine lupenreine Parteikarriere in den Zeiten Hans Filbingers und Lothar Späths, die Teufel sozusagen beerbt hat. Gerade auch Lothar Späth, dem die Landsleute den allzu laxen Umgang mit der Macht und die allzu große Nähe zur Industrie übel nahmen - gegenüber Späth stellte der rechtschaffene und solide Erwin Teufel sozusagen ein Gesundungsprogramm in Sachen Geradlinigkeit und Unbestechlichkeit dar.

Nun prüft das Regierungspräsidium Tübingen nach, welche schulischen Voraussetzungen Teufel genau hat. Dabei kam schon jetzt heraus, dass sein damaliger Abschluss an der Verwaltungsfachschule Haigerloch nicht dem Diplomverwaltungsfachwirt entspricht, den es heute in Baden-Württemberg gibt und für den man auf jeden Fall das Abitur braucht.

Schlimm kann es kommen, wenn die Verwaltung der Münchner Hochschule für Philosophie ebenfalls darauf besteht, dass ohne ein richtiges Abitur nix geht. Denn Bayern und Baden-Württemberg sind die Bundesländer, die mit einer gewissen Gnadenlosigkeit drauf bestehen, dass man vor dem Studium erst einmal die volle Reifeprüfung ablegt.

Dann wird es höchst delikat. Dem dienstältesten Ministerpräsidenten, der ja auch jahrzehntelang Hochschulpolitik und die Werbung für eine möglichst gute Schulbildung mitbestimmt hat, ein Alters- oder Hobbystudium zu verwehren, nur weil er vor 40 Jahren kein Abitur gemacht hat - das ist zumindest sehr skurril.

Nicht auszudenken, wenn Teufel als Student in ein anderes Bundesland abwandert, um als Gasthörer oder beispielsweise im Programm "50 plus" an der Uni Mainz zu studieren. Dort winkt ihm zwar kein offizieller Abschluss mit Doktorhut oder Diplom, aber er darf zumindest in den Hörsaal und den Vorlesungen beiwohnen. Und das ausgerechnet in einem sozialdemokratisch regierten Bundesland, dessen gleichmacherische Bildungspolitik ein christdemokratischer Teufel wie das Weihwasser fürchten müsste.

Von Michael Bollinger,
"Campus & Karriere"  / Deutschlandfunk



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