Ausländische Studenten Bleibt doch noch!

Von Benjamin Hammer

2. Teil: Kein "Klebe-Effekt" - Deutschland braucht Gaststudenten, vergrault sie aber


Großbritannien beispielsweise hat sich zum Ziel gesetzt, 100.000 Ausländer zusätzlich an seine Unis zu locken, 320.000 Gaststudenten gibt es dort bereits. Oder Australien und Neuseeland: Die dortigen Unis sind bekannt für ihren Rundum-Sorglos-Service. Und Hochschulen in den Niederlanden oder Skandinavien locken mit englischsprachigen Studiengängen und exzellenten Bedingungen.

"Der internationale Wettbewerb ist härter geworden", sagt DAAD-Chef Bode. Offenbar hat man andernorts begriffen, was hier erst mühsam ins Bewusstsein der Bildungs- und Wirtschaftspolitiker dringt: Ein hochentwickeltes Industrieland braucht Gaststudenten, nicht nur im Sinne der Völkerverständigung oder für buntes Multikulti-Gefühl, sondern schlicht aus Eigennutz.

Deutschland kann es sich nämlich nicht leisten, die ausländischen Studenten zu vergraulen, sind sie doch die späteren, in vielen Branchen ersehnten, hochqualifizierten Zuwanderer, mit deutschen Abschlüssen und perfekten Sprachkenntnissen. Doch bis sie so weit sind, müssen sie erst an eine deutsche Uni geholt werden, sich dort wohl fühlen und bleiben.

Chefsache oder Fußnote?

Dieser Klebe-Effekt ist Experten längst bekannt. "Nach dem Studium ist es meist zu spät", sagt DAAD-Mann Bode. "Da kommt niemand mehr." In anderen Ländern läuft fast die gesamte Rekrutierung ausländischer Spitzenkräfte über die Unis. 98 Prozent aller hochqualifizierten Einwanderer, so lautet die Bilanz der US-Regierung, hätten schon vorher im Land gelebt und gelernt.

DER SPIEGEL
Alle Versuche in Deutschland, fertig ausgebildete Arbeitskräfte für bestimmte Branchen anzuwerben, sind bisher kläglich gescheitert. Dennoch sperrt sich die Regierung gegen den von der EU geplanten erleichterten Zuzug von Fachkräften mittels einer "Blue Card": Potentielle Einwanderer sollen künftig eine Stelle mit einem Einkommen von mindestens 63.600 Euro vorweisen, bisher galt es, die Hürde von 84.000 Euro zu nehmen.

So viele Beschränkungen, Widrigkeiten – es ist absehbar, dass Akademiker nur in marginaler Zahl kommen werden. Zu wenige, um den Fachkräftemangel zu beheben. Daher sind inzwischen die Wirtschaftsverbände entschiedene Fürsprecher des Studenten-Zuzugs: "Das Thema muss in allen Unis Chefsache sein und darf nicht bloß als Fußnote bei den Hochschulplanungen laufen", fordert Gerhard Braun, Vizepräsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

Strikte Bestimmungen schon im Studium

So weit ist man jedoch erst an wenigen Hochschulen. An der Hochschule Reutlingen beispielsweise gibt die Nachfrage den Takt für die Internationalisierung vor: Die Fachhochschule ist bekannt für ihre wirtschaftsnahen Studiengänge wie etwa Chemie, Informatik oder BWL, mit den Großfirmen in der boomenden Wirtschaftsregion Stuttgart ist sie gut vernetzt. Unternehmen wie Bosch oder Porsche suchen hier nach Nachwuchs.

"Die Firmen machen keinen Unterschied zwischen Ausländern und Deutschen", sagt Baldur Veit, Leiter des Akademischen Auslandsamts der Hochschule. Der Ausländeranteil der Hochschule liegt bei 25 Prozent. Ein Drittel der ausländischen Absolventen bleibe nach dem Studium bei einem hiesigen Unternehmen, schätzt er.

Doch Reutlingen ist eine Ausnahme: "Was die Bedingungen für ausländische Studenten angeht, ist Deutschland ein Entwicklungsland", kritisiert Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen, der bis 2003 in Bochum Sozialwissenschaften studierte.

So macht es die deutsche Bürokratie Hochschulabsolventen ohne deutschen Pass vergleichsweise schwer, einen Job zu suchen. Seit 2007 bleibt ihnen dafür ein Jahr Zeit, vorher mussten sie zusätzlich den Nachweis erbringen, dass sie keinem Deutschen den Arbeitsplatz wegnehmen. Strikt sind die Bleibebestimmungen bereits während des Studiums: drei Semester über der Durchschnittsstudienzeit? Der Nicht-EU-Student riskiert die Ausweisung.



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