Ausländische Studenten Bleibt doch noch!

Bürokratie, Isolation, Rassismus: Die Bundesrepublik vergrault ausländische Studenten, statt sie willkommen zu heißen. Die künftigen Fachkräfte weichen auf gastlichere und freundlichere Länder aus – dabei werden sie dringend in Deutschland gebraucht.

Von Benjamin Hammer


Seit dem vorigen Jahr, im November war es, fühlt sich das Leben für Lu Zhang anders an*. Die chinesische Studentin, 25, stand vor der Mensa der Kölner Universität und wartete auf Freunde. Da passierte es: "Hau ab aus unserem Land, du Dreck", zischte ihr jemand zu, ein ganz normaler Student, im Vorbeigehen. Die umherstehenden Kommilitonen hätten kurz aufgeschaut und seien dann weitergegangen.

Student Qortas: "Die wollen uns hier nicht"
Veith Lemmen

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Von dem Moment an habe sie sich nicht mehr wohl gefühlt in Deutschland, erzählt Zhang. Die Betriebswirtschaftlerin, Notenschnitt 2,0, will Deutschland nach ihrem Abschluss verlassen.

Dumpfer Fremdenhass – unter Jungakademikern, in der Bildungselite, an einer Hochschule? Wer mit ausländischen Studenten spricht, hört häufig solche Geschichten: von Demütigungen, Einsamkeit und den Fallstricken der deutschen Uni-Bürokratie. Zusammengenommen ergeben sie das Bild eines bisweilen ziemlich ungastlichen Landes.

"Im Kern provinzielle Nation"

Nach einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) bricht jeder zweite Student aus dem Ausland sein Studium ab und kehrt zurück in sein Heimatland. Fast 40 Prozent aller Ausländer haben einmal pro Woche oder noch seltener Kontakt zu ihren deutschen Kommilitonen, ein Drittel fühlt sich fremd. Auf dem Campus finden sich Gruppen nach Nationalität sortiert zusammen, Kontakt zu den anderen Gruppen gibt es kaum. Die Isolation führe bei manchen Ausländern gar dazu, dass sie zum Ende ihres Studiums in Deutschland schlechter Deutsch sprechen als zu Beginn, erzählt Ulrich Heublein vom HIS.

Deutschland sei eine "im Kern provinzielle Nation", kritisiert Christian Bode, Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD). Es werde hier noch immer nicht ausreichend begriffen, wie wichtig es sei, Ausländer gebührend willkommen zu heißen. "Wir haben hier keine langjährige Tradition von Gastfreundschaft, auch nicht an den Unis", so Bode.

Dabei könnte eigentlich alles gut sein, die Bundesrepublik ein Magnet für angehende Akademiker aus aller Welt: Bildung made in Germany hat einen guten Ruf. Die Studiengebühren – 500 Euro pro Semester in einigen Bundesländern – sind niedrig; im Vergleich zu anderen populären Ländern ein Klacks. So belegt Deutschland in der Gunst ausländischer Studierender im weltweiten Vergleich Rang drei. Rund 250.000 Ausländer besuchen deutsche Hochschulen, mehr sind es nur in den USA und Großbritannien.

Aus seiner Attraktivität macht Deutschland nichts

Viele Gaststudenten fühlen sich auch durchaus wohl in Deutschland, darunter die große Mehrheit der rund 18.000 Studenten, die jedes Jahr auf dem Erasmus-Ticket ein oder zwei Semester an einer deutschen Hochschule verbringen. Sie kommen, erleben eine schöne Zeit und gehen wieder. Von einer "großen Party der Europäer" spricht etwa die Irin Deirdre Teeling, 21, die bis Juli ein Jahr in Köln studierte. "Meine besten Freunde waren Spanier, wir haben sehr viel gefeiert."

Aber warum sinkt dann seit 2003 die Zahl ausländischer Studienanfänger in Deutschland?

Vielleicht, weil es sich herumspricht, dass es den Nichteuropäern, die für längere Zeit hierherkommen, möglicherweise sogar für ihr ganzes Studium, nicht besonders gut geht.

Vielleicht aber auch, weil Deutschland aus seiner Attraktivität nichts macht. So dass potentielle Interessenten sich für andere Länder entscheiden. Länder, in denen man sich stärker um sie bemüht.


*Name von der Redaktion geändert.



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