Auslandsemester in Neuseeland Studium mit Surfershorts und Schlabbersandalen

10.000 Euro Studiengebühren, Drucken kostet extra: Lennart Maschmeyer, 23, musste für sein Auslandssemester tief in die Tasche greifen. Und das Studentenleben in Wellington ist nicht ganz so entspannt, wie es die legere Kluft seiner Kommilitonen vermuten lässt.

Ein unvermittelter Ruck fährt durch das Haus, erschüttert es bis in die Grundfesten. Das alte Gebälk kommentiert das mit einem gepeinigten Ächzen. Nur mein beherztes Eingreifen rettet die Teetasse auf dem Tisch vor dem Überschwappen.

"Ist das ein Erdbeben?", frage ich erschrocken meine Mitbewohnerin Tanya. "Hm? ... Oh, nein, das ist bloß der Wind", antwortet sie abwesend. Unaufhörlich trommelt der Sturzregen auf das Blechdach. Schlafen kann ich in dieser Nacht nicht.

Ich habe keine Wahl und muss mich an die nächtlichen Schaukelpartien gewöhnen. Die Cook-Straße zwischen Nord- und Südinsel Neuseelands wirkt wie ein gigantischer Windkanal, in dessen Zentrum Wellington liegt. Direkt aus der Antarktis kommend peitscht der Sturm mir dicke Regentropfen entgegen, als ich die Geborgenheit des fragilen Hauses verlasse. Sommer hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt.

Mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze marschiere ich zur Victoria-Universität, bis kurz vor der Uni eine andere Gestalt im Regen auftaucht. Es ist Edmund aus meinem Anthropologiekurs, gekleidet in der inoffiziellen Nationaluniform Neuseelands: T-Shirt, Surfershorts und Flip-Flops.

Fette Studiengebühren, magerer Komfort

So laid back (entspannt) wie das Äußere meines Kommilitonen sind die Studienbedingungen allerdings nicht - eine ständige Versorgung mit umfangreichen Hausarbeiten und Zwischentests lässt während des Semesters niemals Langeweile aufkommen. Das hat jedoch auch einen positiven Nebeneffekt: Die final exams am Ende des Semesters fallen mit 30 bis 40 Prozent nicht so stark ins Gewicht.

Viele Dozenten an der Victoria University kommen aus den USA. Für 10.000 Euro Studiengebühren pro Jahr studiert man daher praktisch auf amerikanischem Niveau - und das ist dann wieder vergleichsweise günstig. Dafür lässt die Ausstattung ein wenig zu wünschen übrig: Jeder Ausdruck muss wie das oft quälend langsame Internet extra bezahlt werden.

Aus den Fenstern der Bibliothek genießt man einen Postkartenblick über die Stadt, das renovierungsbedürftige Innere dagegen bietet ein trauriges Bild. In vielen der älteren Gebäude leckt es durch die Decke, so dass bei Regen nicht selten Eimer auf den Gängen stehen. Ein großer Pluspunkt an der "Vic" ist dafür die offene Atmosphäre im Umgang mit dem Lehrpersonal: Man spricht sich mit Vornamen an, auf Nachfrage nehmen sich Dozenten durchweg gern Zeit für längere Gespräche.

Mit dem "Cable Car" ins Stadtzentrum zuckeln

Auf dem Innenhof treffe ich meinen Freund Maurice, Philosophiestudent aus Simbabwe. Um das teure und nicht besonders gute Essen der verschiedenen Cafés auf dem Campus zu vermeiden, fahren wir hinunter ins Stadtzentrum. In nur wenigen Minuten zuckeln wir mit dem gemütlichen "Wellington Cable Car" hinunter zum Lambton Quay. Gesäumt von glänzenden Bürotürmen ist dies Wellingtons Wall Street. Eilige Menschen in Anzügen und teuren Kleidern hasten an Luxusboutiquen entlang oder tanken bei Starbucks schnell einen Espresso. Um etwas Essbares in der studentischen Preisklasse zu finden, gehen wir weiter in Richtung der Fußgängerzone Cuba Street.

Ein schwarzer Mann mit langen zotteligen Haaren sitzt in eine Decke gehüllt auf dem Boden. Laute Musik schallt aus seinen Kopfhörern. In seiner Hand hält er eine improvisierte Pfeife, gebaut aus einer Coladose. Seelenruhig raucht er einen Kopf Marihuana und hustet herzhaft. Es ist der Blanket Man (Decken-Mann), Wellingtons berühmtester Obdachloser, der Fans und sogar ein eigenes Myspace-Profil hat. Dahinter spielt eine Gruppe Hacky-Sack, untermalt vom Blues eines Maori-Straßenmusikers.

Cuba Street liegt nur wenige Minuten entfernt von Lambton Quay, könnte aber kaum gegensätzlicher sein. Zweistöckige Häuser aus der Kolonialzeit lassen die Sonne bis auf die Straße scheinen und verleihen dem Viertel einen gemütlichen Charakter. Hastige Geschäftsleute sucht man hier vergebens. Stattdessen schlurfen Rastafaris mit beeindruckenden Dreadlocks barfuß Seite an Seite mit verschlafenen Studenten entlang der unzähligen kleinen Läden und Cafés. Cuba Street ist Wellingtons Zentrum der Kreativität.

Willkommen im Club: "I am German!"

Eine höhere Dichte von Bars, Restaurants und Cafés pro Kopf als in New York bedeutet auch unzählige verlockende Gelegenheiten, das knappe Geld in Wellington auszugeben. Der Versuch, anschließend im Murphy’s Irish Pub ein Bier zu bestellen, endet desaströs. Anstelle eines kühlen Bieres bekomme ich die kalte Schulter gezeigt und werde prompt hinausgeworfen - ich habe keinen Reisepass dabei. Trotz Personalausweis, Führerschein und Kreditkarte auf meinen Namen: Der Barkeeper bleibt hart.

Denn nach neuseeländischem Recht befinde ich mich illegal in der Bar. Mit Altersbeschränkungen für Alkohol nimmt man es sehr genau - dies ändert jedoch nichts an den Trinkgewohnheiten der Neuseeländer. Die sind nämlich ähnlich wie die Essgewohnheiten, also ganz nach dem Motto: möglichst viel, möglichst schnell.

Unser nächstes Ziel ist die legendäre Bar Matterhorn. Die Wellingtoner Band Fat Freddys Drop spielt dort ihren typischen Mix aus Soul, Dub und Reggae. Direkt darüber liegt das "Mighty Mighty", ein Club im Stil der sechziger Jahre. "I am German!", brüllt uns ein Mensch in Glitzeranzug vor der Tür entgegen.

Ein Plakat enthüllt: Es ist "German Elektro Trash Week". So fern und doch so nah.

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