Auslandssemester in Chile Studieren bei den Deutschen Südamerikas

Im chilenischen Temuco trifft Austauschstudent Jonas Janssen auf Mapuche-Ureinwohner, aber auch auf Nachfahren deutscher Einwanderer und Verkäufer mit Tirolerhüten. Zur Uni fährt er manchmal vergebens - wenn etwa Kommilitonen gerade für die Rechte der Ureinwohner kämpfen.

In Chile zu studieren - das bedeutet eine radikale Umstellung der Lebensgewohnheiten. Wer aus Deutschland noch den altmodischen Magister und die Trennung von Vorlesung und Seminar gewohnt ist, lernt hier die Verschulung kennen. Die Kurse sind für jedes Semester vorgegeben und laufen mehrmals in der Woche. Die "pruebas" (Klassenarbeiten) werden auch während des Semesters geschrieben; alles ist genau durchgeplant.

Doch obwohl der Lehrplan straff ist, fallen die Stunden relativ häufig aus - weil der Dozent einfach nicht kommt. Oder er kommt, aber die Studenten nicht, zum Beispiel wenn sie gerade die Straße vor der Uni blockieren, um für die Rechte der Ureinwohner zu kämpfen. Oder wenn sie sich am 11. September ein Scharmützel mit der Polizei liefern, zum Gedenken an Pinochets Militärputsch von 1973, der seinerzeit die Allende-Regierung beseitigte. Für den interessierten Sozialwissenschaftler schlägt dann die Stunde der "teilnehmenden Beobachtung" - mit ein bisschen Sicherheitsabstand.

Viele Kommilitonen wohnen bei ihren Eltern oder bei Verwandten. Üblich ist auch, sich bei einer fremden Familie zur Untermiete einzuquartieren. Die klassische WG ist die absolute Ausnahme, eine eigene Wohnung für die meisten unerschwinglich.

Saure Pommes, Kuchen und Marmelade

Das liegt auch an den hohen Studiengebühren: Das Studium an einer staatlichen Uni wie der Universidad de la Frontera (UFRO) in Temuco kostet knapp 600 Euro pro Semester. Die privaten Unis schlagen oft mit mehr als eine Million Peso pro Jahr zu Buche, das sind rund 1500 Euro.

Temuco, 600 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile, ist keine besondere Schönheit. Entworfen wurde die 270.000-Einwohner-Stadt nach dem Schachbrett-Prinzip. Um die zentrale, mit Palmen bepflanzte Plaza gruppieren sich eine imposante Beton-Kathedrale und mehrere Einkaufszentren. Je weiter man sich aus dem Zentrum entfernt, desto kleiner und hübscher werden die Läden, Werkstätten und Restaurants.

Auf dem täglichen Gemüsemarkt Feria Libre kaufen vor allem die ein, die sich Supermarktware nicht leisten können - und das ist die Mehrheit. Trotzdem steht Chile im südamerikanischen Vergleich noch gut da. Der Lebensstandard ist verglichen mit dem in Brasilien oder Argentinien recht hoch, die Ungleichverteilung trotzdem offensichtlich.

Hier leben viele Mapuche-Ureinwohner, aber auch überraschend viele Nachfahren deutscher Einwanderer - eine schräge Mischung. So verkaufen auf der Avenida Alemania (Deutschland-Straße) Großmütterchen Decken und Digueñes, also Baumpilze, die sich wie weiches Styropor anfühlen und nach nichts schmecken. Der Supermarkt nebenan hat "deutsche Wochen"; die Verkäufer, ausgestattet mit dunkelgrünen Tirolerhüten, bieten Schwartau-Extra-Marmelade und Saure Pommes von Haribo an. Dank der "Alemanes" hat das Wort "Kuchen" den Weg ins chilenische Spanisch gefunden, und in Temuco schmücken sich Kliniken, Buchhandlung und die Feuerwehrstation in Schwarz-Rot-Gold.

"Wir gelten als die Deutschen - korrekt und etwas unterkühlt"

Die Studenten und auch die übrigen Chilenen sind recht zurückhaltend. "Wir gelten im südamerikanischen Vergleich als 'die Deutschen' – korrekt, recht zuverlässig, aber etwas unterkühlt", sagt Miguel Chavez, Soziologie-Professor an der UFRO. Die Chilenen widerlegen also das Klischee vom impulsiven Südamerikaner.

Doch gesellig ist man hier sehr. Die Kneipen-Szene in Temuco ist dürftig, zum Feiern treffen sich die Studenten oft privat. Zum "Warmtrinken" für den Abend sitzen Grüppchen auf den Grünflächen des UFRO-Campus, Favorit ist derzeit Baltica-Bier aus 1,5 Liter-Flaschen. Wenn gefeiert wird, dann aber richtig: "Vor Mitternacht gehe ich dann nicht aus dem Haus und komme erst vormittags heim - das ist sowieso sicherer als im Dunkeln", sagt Wirtschaftsstudentin Pamela, 21, lachend.

Natürlich sollte man nicht nur an der Uni rumhängen. Wer dem ewigen Gehupe und den Abgasen der klapprigen Stadtbusse entfliehen will, kann zum Beispiel zu den aktiven Vulkanen Villarrica und Llaima und in die dazugehörigen Nationalparks fahren. Sie sind keine zwei Stunden von Temucos entfernt und leicht und preiswert mit dem Bus zu erreichen.

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