Auslandssemester in exotischen Ländern Mut zum Extremstudium

London, Paris, Los Angeles, Stanford - von solchen Adressen träumen deutsche Austauschstudenten. Nur wenige Verwegene wagen den großen Schritt nach Irkutsk, Kuala Lumpur oder Santiago de Chile. Dabei locken in entlegenen Studienorten noch echte Abenteuer.


Drei lange Unterhosen unter der Jeans, zwei Pullover und zwei Jacken übereinander - Kathrin Beutin hat sich jeden Morgen immer wieder dick eingepackt. Nach der heißen Dusche und einer Tasse Tee durften auch mehrere Handschuhe und Mützen nicht fehlen. Erst dann traute sie sich ins Freie.

Es war im Januar 2001 der kälteste Winter seit Jahrzehnten, den sich die Studentin aus Kiel für ihr Austauschsemester im sibirischen Irkutsk ausgesucht hatte. Drei Wochen lang lagen die Temperaturen tagsüber bei minus 40 Grad, nachts sogar noch darunter.

Solchen Extremsituationen setzen sich nur wenige deutsche Studenten aus. Zwar wird ein Semester im Ausland immer beliebter, doch die Mehrzahl der Studenten zieht es in klassische westliche Länder in Europa und Nordamerika. Jahr für Jahr gehen über 9000 deutsche Studenten in die USA und sogar über 13.000 nach Großbritannien, so die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.

Around the world: Für Studenten möglich

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Für Chile indes verzeichnet Statistik gerade 29 Studenten, für Indien 8. Und für Malaysia sogar nur 3. Dabei sind es gerade exotische Länder, in denen die Studenten in jeder Hinsicht komplett neue Erfahrungen sammeln: Sprache, Schrift, Klima, Denk- und Lebensweisen - alles kann völlig fremd sein.

Auch für Kathrin Beutin war nicht nur das Wetter neu: "Es war oft schwierig, sich in die russische Seele reinzudenken", erzählt sie. So bekam sie von einem russischen Professor mehrmals Redeverbot, weil er ihre Fragen nicht als Interesse am Thema, sondern als Angriff auf seine Autorität verstand. "Man merkt dort immer wieder, wie typisch deutsch man ist", sagt sie. Das sei zwar oft schwierig, aber insgesamt eine tolle Erfahrung.

"Ein Auslandsaufenthalt macht sich immer bezahlt, egal ob Frankreich oder Afrika", sagt Roland Weiß vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Bonn. Doch Fettnäpfchen lauern seiner Ansicht nach eher in einer fremden Kultur: "Es ist dort schwieriger, die Verhaltensweisen der Menschen richtig zu interpretieren." Doch wer solche Situationen erlebe und meistere, erwerbe damit wichtige Qualifikationen für das spätere Berufsleben.

"Das Verständnis für andere Kulturen ist langfristig sehr wichtig", findet auch Lutz Thimm von der Unternehmensberatung Kienbaum in Gummersbach. Und trotzdem würde er das Studium in einem Exotenland nicht allen empfehlen: "Die Businesssprache ist und bleibt Englisch." Länder wie die USA, England oder Australien seien also keine schlechte Wahl. Nur wenn das Englisch schon sitze, sei es für die Karriere sinnvoll, das Austauschsemester zum Lernen einer weniger wichtigen Sprache zu nutzen.

Studentinnen in Bangkok: Vorsicht, überall Fettnäpfchen
Jonas Jacquet

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Diese Einschätzung teilt auch Silke Walters, Sprecherin von DaimlerChrysler in Stuttgart: "Wenn ein Akademiker eine außergewöhnliche Sprache kann, aber kein Englisch, hat er bei uns weniger Chancen."

So gesehen hat es Christian Koops genau richtig gemacht. Der Hamburger Linguistik-Student war nach seinem Grundstudium zwei Semester in den USA. Im zehnten Semester ging er dann noch einmal für ein halbes Jahr in die südkoreanische Hauptstadt Seoul. Der Unterschied war enorm: "Man passt sofort rein ins amerikanische System, man weiß, wie alles funktioniert."

In Korea dagegen war Koops auf Leute angewiesen, die ihn überall hinführten. Koreanisch war selbst nach einem halben Jahr Sprachkurs kaum zu beherrschen. Scheine konnte er deshalb nicht machen, trotzdem war das Jahr wichtig für sein Studium: "Als Linguist muss man sich auch mit exotischen Sprachen beschäftigen."

Auch DAAD-Mitarbeiter Roland Weiß betont, dass es fachlich sinnvoll sein kann, in ein Land zu gehen, in das sonst fast niemand geht. Das betreffe zum Beispiel Studenten der Ethnologie oder der tropischen Landwirtschaft. Doch selbst in Fächern wie Rechtswissenschaft oder Elektrotechnik könnten zum Beispiel Universitäten in Südafrika mit der Qualität europäischer Universitäten konkurrieren.

Ole Ritter, Luft- und Raumfahrtstudent an der Universität Stuttgart, hat in seinem Austauschjahr in Kapstadt (Südafrika) dieselbe Erfahrung gemacht. Die Seminare seien anspruchsvoll und auf vergleichbarem Niveau wie in Deutschland. Dennoch sei eine gute Vorbereitung unverzichtbar. Das gelte zum Beispiel für das AIDS-Problem - ein Viertel der Studenten sei dort HIV-positiv, sagt er. "Man sollte sich vorher über die Krankheit gut informiert haben, damit man bei einem kleinen Kratzer nicht in Panik ausbricht."

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Auch in Sachen Kriminalität muss man sich auf Neues gefasst machen. "Ein Leben in Südafrika ist nichts wert", sagt Ritter. "Man kann schon für weniger als 50 Cent umgebracht werden." Entsprechend müsse man viele Sicherheitsvorkehrungen treffen: Seine Fenster waren vergittert, die Türen schloss er immer hinter sich ab, und nachts stoppte er mit dem Auto nicht an roten Ampeln.

Doch trotz solcher Einschränkungen kann er das Austauschsemester in Kapstadt empfehlen. Die Mentalität der Menschen kompensiere die negativen Seiten allemal, sagt er. "Am meisten hat mich beeindruckt, dass es immer wieder Leute gibt, die noch mal anpacken, egal wie hoffnungslos ihre Situation eigentlich ist."

Von Ronnie Koch, gms

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