Auslandsstudium Erasmus läuft nicht mehr rund

Ein, zwei Semester an einer ausländischen Uni, inklusive Partys, Flirts und Abenteuer - was könnte schöner sein? In vielen Ländern schwindet die Begeisterung, Europas Studenten fehlt es oft an Zeit und Geld. Nach 20 Erfolgsjahren schwächelt das Austauschprogramm Erasmus.

Rebekka Manos, 25, besucht seit fünf Monaten die Freie Universität Brüssel. "Ich wollte damit meine Sprachkenntnisse verbessern", sagt die Wirtschaftsstudentin aus Hannover. Das Erasmus-Programm habe sich angeboten, weil es unbürokratisch sei, keine Sprachtests erfordere und weil sie so keine Studiengebühren in Brüssel zahlen brauche.

Trotzdem ist das Geld knapp, 160 Euro erhält Manos monatlich. "Das ist ein nettes Zubrot, aber nicht genug, um die Lebenshaltungskosten zu decken." Ohne eigene Ersparnisse wäre ihr Auslandsstudium nicht möglich. Dabei wurde die finanzielle Unterstützung der Erasmus-Studenten zuletzt deutlich erhöht. Nach einem Anstieg um mehr als die Hälfte in vier Jahren liegt das Stipendium im Schnitt bei 192 Euro pro Monat, wie die Europäische Kommission errechnete.

Trotzdem steckt das europäische Bildungsprogramm Erasmus nach einer 20-jährigen Erfolgsgeschichte in der Krise. Die Begeisterung für den akademischen Auslandsaufenthalt hat zuletzt in vielen Ländern nachgelassen. Die Zahl deutscher Erasmus-Studenten stagnierte; in Finnland, Spanien oder Griechenland entschieden sich weniger junge Akademiker als zuvor für den Besuch einer Partneruniversität im Ausland.

Studenten stärker unter Zeitdruck

Dafür gibt es viele Gründe, besonders oft fehlen den Studenten aber Zeit und Geld. Aus dem EU-Programm für lebenslanges Lernen erhält Erasmus jedes Jahr 450 Millionen Euro. Über die Höhe der Stipendien wird jedoch nicht in Brüssel entschieden, sondern in Agenturen der 31 Erasmus-Länder (die 27 EU-Mitglieder plus Norwegen, Island, Liechtenstein und die Türkei).

Die EU-Abgeordnete Helga Trüpel der Grünen fordert mehr finanzielle Unterstützung der Mitgliedsländer: "Es funktioniert nicht, wenn man nur sagt: Das machen die schon in Brüssel." Ziel müsse sein, dass jeder Student die Möglichkeit hat, im Ausland zu studieren.

Rebekka Manos hofft jetzt auf das sogenannte Auslands-Bafög. Ob sie die staatliche Förderung in Höhe von monatlich mehreren hundert Euro bekommt, weiß sie jedoch kurz vor Semesterende noch immer nicht.

Die Polin Evelina Michta, 22, erhält eine Erasmus-Förderung von 250 Euro im Monat. Das reicht immerhin für die Miete in Brüssel. "Ich komme ganz gut klar und kann sogar etwas rumreisen", sagt sie. Die Studentin der Biotechnologie aus Danzig ist begeistert vom Leben im Ausland, dennoch würde sie nicht noch einmal mit Erasmus studieren. "Ich weiß nicht, ob ich etwas gelernt habe, was ich nicht auch in Polen gelernt hätte." Sie habe Angst, Studienzeit zu vergeuden.

Bachelor wird zum Bumerang

So wird das neue Lernsystem mit Bachelor- und Master-Abschlüssen für Erasmus zum Bumerang. Erst hatte gerade der Wunsch nach internationaler Mobilität, nach einem fliegenden Wechsel der Studenten über Ländergrenzen hinweg den Grund für diese europaweite Reform geliefert.

Doch nun lassen sich viele Studenten vom engen Zeitrahmen ihres neuen Studienplans verunsichern. Das Erasmus-Semester bleibt dabei auf der Strecke. "Die Leute haben weniger Mut, ein solches Abenteuer anzugehen", sagt der für Bildung zuständige Kommissionssprecher John MacDonald.

Die letzte Statistik zählte 160.000 Erasmus-Studenten im Studienjahr 2006/07, dabei hätten bis zu 200.000 ein Stipendium bekommen können. "Wir haben eine Verlangsamung des Wachstums beobachtet", räumt MacDonald ein. Seit 2001 stieg die Zahl der Teilnehmer Jahr für Jahr um rund 10.000, doch zuletzt waren es gerade mal 5000 mehr als zuvor. Dass es überhaupt noch ein Wachstum von drei Prozent gab, lag vor allem an den Ländern in Mittel- und Osteuropa.

Vorschlag aus Frankreich: Humboldt statt Erasmus

In den jungen EU-Mitgliedsländern kletterte die Zahl der Erasmus-Studenten häufig um mehr als zehn Prozent. Die Kommission führt das zwar auf ihren Rückstand gegenüber anderen Ländern zurück. Dennoch soll nun geprüft werden, ob alle anderen Hochschulen auch genug für das Programm werben, denn dazu sind sie nach der Charta der teilnehmenden Institutionen verpflichtet. Sollte das nicht der Fall sein, könnten manche auch ausgeschlossen werden. Derzeit machen fast 90 Prozent aller Universitäten in Europa bei Erasmus mit.

Seit 1987 nahmen fast zwei Millionen Menschen am Erasmus-Programm teil. Trotz der Krise hofft die Kommission auf drei Millionen bis 2012. In der französischen Zeitung "La Croix" bezweifelte der Bildungsexperte Philippe Perchoc jedoch die Zukunftstauglichkeit von Erasmus. Er forderte, dass mehr Lehrer im Ausland unterrichten und so die Schüler für das Auslandsstudium begeistern.

Das Programm solle Humboldt heißen, schlug Perchoc vor - benannt nach Wilhelm und Alexander von Humboldt, den beiden deutschen Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts. Damals sahen Schüler jedoch ihren Lehrer noch oft als ihr Vorbild an. Heute ist das eher die Ausnahme.

Tobias Goerke, dpa