Auslandsstudium in Frankreich Französisch? Braucht die Liebe nicht

"Parlez-vous allemand?" In Frankreich startete Luisa Sancelean fast ohne Fremdsprachenkenntnisse in ihr Auslandssemester. In Lyon stellt sie fest: Verlieben klappt auch ohne viele Worte.

Luisa Sancelean

Es ist an der Zeit, ein paar Klischees aus der deutsch-französischen Beziehungskiste zu testen: Von wegen Franzosen wollen keine Fremdsprache sprechen und sind nicht weltoffen! Für meine Auslandssemester mache ich mich ohne großen Vokabelschatz, aber voller Liebe zu la vie française auf nach Lyon - Ort meiner persönlichen Studie.

Die 500.000-Einwohner-Stadt liegt im Südosten Frankreichs und ist nach Paris und Marseille die drittgrößte Stadt, wenn man das Umland nicht mitrechnet. Für Touristen ist in dieser Stadt im Gegensatz zu Paris noch ein bisschen Luft zum Atmen. Und es kommt vor, dass man mit großen Augen als Nicht-Franzose identifiziert und dennoch freundlich begrüßt wird.

Am Marktstand kann man neben seinem Gemüseeinkauf noch einen Einblick in ein persönliche Smartphone-Fotoalbum geboten bekommen. Dass ich so gut wie kein Wort verstehe, stört die nette Verkäuferin dabei wenig. Ihr genügt, dass ihre schauspielernde Tochter wohl eindeutig in das Interessengebiet meines Studienfachs Medienwissenschaft und Medienkultur fällt.

Wie kommen deutsche Angestellte zu ihrem Mittagessen?

Generell scheint es vom Lebensmittelverkäufer über die Dame am Ticketschalter bis hin zum Bankangestellten keinen zu geben, der auf meine Bruchstücke Französisch nicht mit einem Lächeln reagiert - und auf Englisch umschwenkt.

Auch bleibt keine Gelegenheit ungenutzt, kulturelle Unterschiede aufzudecken. Schon bei der Kontoeröffnung in den ersten Tagen rutscht mir etwas vorlaut heraus, dass ich die zweistündigen Mittagspausen, in denen Banken und manche Geschäfte geschlossen sind, nicht nachvollziehen kann. Der Mann hinterm Schalter fragt daraufhin ungläubig: "Aber wie und wann kommen dann die deutschen Angestellten zu ihrem Mittagessen?"

Auch beim Bäcker gibt es regen Austausch. Als ich neulich das obligatorische Baguette kaufen will, macht sich die Bäckersfrau sogar die Mühe, mit mir alle Körnersorten zu üben, bis die Vokabeln sitzen. Mittlerweile kann ich mein Mohnbaguette (baguette au pavot) stilecht bestellen.

Englischsprachige Seminare erst in ein paar Jahrzenten

Weniger Glück habe ich allerdings mit meinen Kursen an der Universität. Mit Bedauern erklärt mir die Deutsch sprechende leitende Professorin meines Studiengangs, dass zwar bereits über englischsprachige Seminare nachgedacht, diese aber vermutlich erst in ein paar Jahrzehnten umgesetzt werden. Somit wird mir meine sprachliche Inkompetenz also zum Verhängnis.

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Studium in Frankreich: Lyon, c'est ouf, franchement!
Ich sitze in Seminaren, in denen mich die Filme in Originalton noch ganz gut unterhalten, die anschließenden Diskussionen darüber allerdings völlig überfordern. Um dennoch meinen Teil zum deutsch-französischen Austausch an der Universität beizutragen, treffe ich mich zweimal pro Woche mit französischen Studenten in Konversationsateliers zum Deutschlernen.

Nebenher zeigt sich mir immer deutlicher, wie positiv die französischen Studenten Deutschland sehen. Erkundigt man sich nach ihren Meinungen über das Nachbarland, heißt es immer nur: "Wir sollten uns ein Beispiel am deutschen Bildungssystem nehmen."

Viele waren schon in Deutschland - oder besser gesagt: in Berlin

Deutschland scheint tatsächlich beliebt zu sein: Mit der Zeit begegnen mir immer mehr Menschen meiner Generation, die wohl besser Deutsch sprechen als ich Französisch. Und mindestens schon einmal in Deutschland waren - oder sagen wir besser: in Berlin.

Besonders in Lyon, der französischen Hauptstadt der Elektromusik, in der jedes Wochenende Resident DJs aus deutschen Klubs zu Gange sind: Wo Berghain auf dem Flyer steht, da zieht es die jungen Franzosen hin. Nicht zuletzt beim alljährlichen Festival Nuits Sonores im Juni bekommt der deutsche Techno seine Bühne.

Die letzte logische Konsequenz, welche sich aus einer gut funktionierenden deutsch-französischen Freundschaft wohl ergibt, ist die Metamorphose zur binationalen Verpartnerung. Auf der Suche nach den Banden, die sich zwischen Frankreich und Deutschland knüpfen lassen, habe ich mich selbst in sie verstrickt. Damit beende ich meine sechsmonatige Völkerstudie und gehe über zum nächsten Selbstversuch: die private Globalisierung der Liebe.



insgesamt 30 Beiträge
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gordito255 22.07.2014
1. Titel
Zitat von sysopLuisa Sancelean"Parlez-vous allemand?" In Frankreich startete Luisa Sancelean fast ohne Fremdsprachkenntnisse in ihr Auslandssemester. In Lyon stellt sie fest: Verlieben klappt auch ohne viele Worte. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/auslandsstudium-in-frankreich-lyon-auf-englisch-und-deutsch-a-982153.html
[QUOTE=sysop;16206516]"Parlez-vous allemand?" In Frankreich startete Luisa Sancelean fast ohne Fremdsprachkenntnisse in ihr Auslandssemester. In Lyon stellt sie fest: Verlieben klappt auch ohne viele Worte. Zur Überschrift fällt mir die Geschichte einer bekannten deutschen Schauspielerin, die mit einem Franzosen verheiratet war. Nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, wurde sie nach den Gründen gefragt. Ihre Antwort: "Irgendwann konnte ich so viel französisch, dass ich merkte was für ein Idiot er war…"
acatinthebrain 22.07.2014
2.
Zitat von sysopLuisa Sancelean"Parlez-vous allemand?" In Frankreich startete Luisa Sancelean fast ohne Fremdsprachkenntnisse in ihr Auslandssemester. In Lyon stellt sie fest: Verlieben klappt auch ohne viele Worte. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/auslandsstudium-in-frankreich-lyon-auf-englisch-und-deutsch-a-982153.html
Mal wieder typisch: Hauptsache weg, scheiß egal, ob ich die Leute oder mich die Leute nicht verstehen... Aber klar, es wartet ja auch jeder auf die Deutschen. Vor allem auf verwöhnte Studis, die in ihrem Auslandssemester nur am Saufen und "Party machen" sind. Woher ich das weiß? Ohne Französisch-Kenntnisse wird es schwierig, einer Vorlesung an einer französischen Uni zu folgen. Aber das ist ja auch egal, gell?
andreu66 22.07.2014
3. Ging mir ähnlich
Als ich in Frankreich ankam, kam mir auch fast kein Satz über die Lippen. Nach einem Semester sah das dann ganz anders aus, auch wenn die meisten Juravorlesungen ziemlich an mir vorbei gegangen waren. Habe trotzdem viel für's Leben gelernt und inzwischen auch 15 Jahre in Frankreich gelebt. Alle anderen Erfahrungen kann ich genau so auch bestätigen. Allerdings ist die recht neue Obsession besonders junger Franzosen, jedem Ausländer auf Englisch zu antworten dann recht ärgerlich, wenn man Französisch lernen möchte.
rudi.waurich 22.07.2014
4. Es geht auch anders:)
Ich hatte in ganz jungen Jahren eine französische Freundin,und spreche jetzt der Arbeit und Liebe wegen auch viel Französisch.Auf die erstaunte Feststellung, daß ich Deutscher bin, kommt dann die Frage - wo hast Du's gelernt? Nach der Erklärung normalerweise die Antwort: Beh oui, tu l'appris a l'oreiller :) (Na klar, auf dem Kopfkissen gelernt :) )
Farguard 22.07.2014
5. "Keine englischen Seminare"
Deswegen - und weil ich auch kein Französisch sprach - durfte ich nicht nach FR (zumindest nicht von der UNI aus über Erasmus, sondern hätte es halt "auf eigene Faust" organisieren müssen). Bin daher nach Kopenhagen, weil ich DK mag und da Plätze frei waren, da Dänemark nicht "hip" genug war und man daher über jeden glücklich war, der hinging. Saß dann in 4 englischen Kursen und zusätzlich in einem Dänischkurs. Naja...französisch braucht die Liebe vielleicht wirklich nicht. Dänisch aber auch nicht :o
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