Auslandsstudium in Japan Im Reich der Zeichen

Auf ihr Semester in Fukuoka fühlte sich Christine Locher gut vorbereitet, hatte Sprachkurse besucht und viel über Land und Leute gelesen. Doch schon am Flughafen stellte die Münchener Studentin fest: Plötzlich war sie taubstumme Analphabetin in einem aufregenden, aber für "Gaijin" - Ausländer - bizarren Land.


Fachgerecht verschnürt: Gut 45 Minuten dauerte Christines Verpackung in den Kimono, allein der Gürtel ist sechs Meter lang
Christine Locher

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In Japan steht für Fremde ein Fettnäpfchen neben dem anderen. Selbst Alltagshandlungen wie die Benutzung eines japanischen Bades oder japanische Tischmanieren musste ich erst lernen. Die Sprache macht es nicht leichter. Japanisch hat über 2000 komplexe Schriftzeichen, die sich aus einer Bilderschrift entwickelten. Nach fünf Monaten intensiven Lernens kam ich gerade einmal auf 400. Damit konnte ich zwar schon ungefähr erraten, wie man eine Tütensuppe zubereitet, aber immer noch nicht wirklich lesen.

Sechs Monate verbrachte ich in Fukuoka, einer Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern ohne touristischen Wert, dafür mit einer der besten Unis des Landes. Ein halbes Jahr ist viel zu kurz für ein Land wie Japan mit all seinen Widersprüchen: das feine Weiß der Kirschblüten neben dem Tempel aus dunklem Holz, die hemmungslose Lust am Konsum, die Ruhe der Zengärten, quietschbunte Plastikfiguren, der herbe Grasgeschmack von frischem grünem Tee, die großen quirligen Städte, die Terrassen der Reisfelder, Ruhe und Hektik, Purismus und chaotische Unordnung.

Ratlos vor dem Geldautomaten

Ein seltsames Gefühl: Einerseits war ich ausländische Akademikerin in einem internationalen Studentenprogramm der Elite-Uni Kyushu, mit 24 Jahren schon älter die meisten Kommilitonen und mit Berufserfahrung - auf der anderen Seite plötzlich totale Analphabetin. Ich habe seitenlange Dokumente unterschrieben, bei denen ich heute nicht weiß, ob ich damit einen Handyvertrag abgeschlossen oder eine Vaterschaft anerkannt habe.

Japanischer Garten: Künstliche Anlagen sollen die Natur symbolisieren
Christine Locher

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Auch die Unterschrift war schon eine bürokratische Maßnahme, denn in Japan wird nicht unterschrieben. Japaner besitzen einen handgeschnitzten Stempel mit den Schriftzeichen für ihren Namen und stempeln Dokumente damit ab. Ohne Stempel war ich deshalb eigentlich gar nicht existent, zumindest für die Bürokratie. So musste ich also jedes Mal zuerst eine Unterschrift beantragen - per Unterschrift.

Analphabet zu sein macht den Alltag zu einer Herausforderung. Jedes Mal am Geldautomaten auf eine vertrauenswürdige Person warten zu müssen, um ihr die Karte inklusive Geheimzahl in die Hand zu drücken mit der Bitte, doch Geld abzuheben, weil der Automat nur auf Japanisch beschriftet ist. Da tröstet auch die Eliteuni nicht. Bis ich mich mit dem Geldautomaten verstand, dauerte es ein paar Wochen. Etwas von der japanischen Mentalität zu begreifen, war schon eher eine Lebensaufgabe.

Stadt verlassen nur auf Antrag

Festgelegte Abläufe und das Interesse der Gruppe stehen in Japan immer vor den Interessen des einzelnen. So übernahm das Sekretariat der Uni die Funktion von Babysitter, Mutter und Großmutter in einem und entschied einfach, was gut für alle war.

Mit meinem westlichen Drang zur Selbstverwirklichung eckte ich dabei oft an. Wenn ich länger als vier Tage die Stadt verlassen wollte, musste ich Wochen vorher einen Reiseantrag stellen, dort Ziel, Zweck und Unterkunft angeben und alles von der Univerwaltung genehmigen lassen. Dafür kennen japanische Professoren alle Studenten mit Namen, sogar die, die sie gar nicht unterrichten - unvorstellbar in Deutschland.

Als "Draußen-Person": Leben auf dem Präsentierteller

An die japanische Höflichkeit gewöhnt man sich gern: "Mögen die hochverehrten Herrschaften kommen", so ähnlich läßt sich das japanische Begrüßung "Ilashaimase" der Verkäuferinnen übersetzen. Schwieriger ist das Exotendasein: vom Wohnheim direkt auf den Präsentierteller, keine Bewegung bleibt unbemerkt, Schulkinder starren die exotischen Ausländer an. Fremde benutzen aus Verlegenheit die Anrede: "Frau Ausländerin", gaijin-san. Gaijin heißt wörtlich übersetzt "Draußen-Person".

Plastikmodelle statt Speisekarte: Hier können auch Analphabeten ihr Essen aussuchen
Christine Locher

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So fühlte ich mich manchmal als kultureller Eindringling. In Japan tauscht man am Eingang die Straßenschuhe gegen Hausschlappen, die man an der Toilettentür wieder gegen Toilettenschlappen vertauscht, und dann zurück. Man isst nicht beim Gehen. Man zeigt beim Essen nicht mit den Stäbchen auf das Gegenüber oder lässt sie im Reis stecken. Man gießt keine Soße über den Reis. Man duscht und seift sich ab, bevor man in die Badewanne steigt. Man lacht nicht laut und klingelt sich nicht den Radweg frei.

Wie ich mich auch bemühte: irgend etwas war immer. Und meine japanischen Gastgeber blieben so offensichtlich neutral, dass damit Nachsicht, Belustigung oder Ärger gemeint sein konnte. Wenigstens blieb immer die Hochachtung für die Universität, die ich dort besuchte - und dazu oft die Frage, warum sie ausgerechnet jemanden wie mich aufgenommen hatte.

Freunde zu finden ist schwer

Heiße Quelle: Allein am Berghang baden und den Lärm der Welt vergessen
Christine Locher

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Freundschaften mit Japanern zu schließen ist nicht leicht. Englisch kann fast keiner, und selbst mit Japanischkenntnissen musste ich schon sehr viel Energie aufwenden, um irgendwann über ein bißchen Small talk hinaus zu einem freundschaftlichen Gespräch zu kommen. Und das, obwohl sich viele Japaner für Deutschland interessieren, für Fußball, Autos, Goethe und Umweltpolitik.

Man muss offenbar sehr lange miteinander bekannt sein, bis der japanische Gegenüber einmal etwas Persönliches erzählt und sich nicht nur über Wetter und Essen unterhält. Ein Semester Studium ist da wohl zu kurz.

Ein halbes Jahr danach fehlt mir das Studium in Fukuoka überhaupt nicht. Aber ich vermisse die heißen Quellen, die Bambuswälder, die schrillen Boutiquen, die Hightech-Handys, die gebratenen Oktopusbällchen und Grünen Tee in Dosen. Und auch den fröhlichen Dudelpop im Radio und die Durchsagen des Busfahrers: "Mögen die ehrenwerten Passagiere sich festhalten, ich bremse jetzt, weil die Ampel rot ist."

Um mit Karl Valentin zu sprechen: Japan ist schön, macht aber viel Arbeit.

Von Christine Locher



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