Auslandsstudium in Slowenien Turbofolk mit Akkordeon

So komfortabel wie in Berlin war sein Studium in Ljubljana nicht: Moritz Stiepert, 24, teilte sich ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer mit einem slowenischen Kommilitonen. Auch in Musikfragen musste er sich an einiges gewöhnen: Ein Akkordeon gehört zu jeder guten Party.


Wer als Deutscher nach Slowenien kommt, muss sich auf einige Veränderungen einstellen. Es gibt kein Ikea, Aldi heißt hier Hofer - wie in Österreich. Slowenien ist ein gut entwickeltes Land. Anders, als viele vermuten, gibt es hier Strom, fließendes Warmwasser, und auch die Kneipen- und Discokultur hat einiges zu bieten.

Warum es mich für ein Semester nach Slowenien verschlagen hat? Ich habe einfach eine Vorliebe für slawische Länder. In Berlin kenne ich einige Slowenen, die mir viel Positives über das Land erzählten.

Die Universität von Ljubljana ist die größte Sloweniens und erstreckt sich über die ganze Stadt. Das Studium ist anders aufgeteilt als in Deutschland: Die Semester heißen hier Studienjahre. Es gibt auch zwei Abschnitte, aber deutlich kürzer als in Deutschland. Das Wintersemester dauert beispielsweise nur zehn Wochen, dann kommt schon die Prüfungsphase.

Leben auf engem Raum

In meinem Studentenwohnheim leben fast nur slowenische Studenten, die meisten vom Land, weil die Kommilitonen aus Ljubljana oft noch bei ihren Eltern wohnen. Die Räume sind winzig. Mein zehn Quadratmeter großes Zimmer musste ich mir sogar mit einem slowenischen Grafikstudenten teilen. Zum Glück haben wir uns gut verstanden, und an den begrenzten Raum gewöhnt man sich recht schnell. Als Erasmus-Student ist man sowieso die ganze Zeit unterwegs, um sich die Stadt anzugucken.

Die neue Sprache zu lernen, war nicht gerade einfach. Slowenisch ist etwa die letzte Sprache, die den sogenannten Dual verwendet: Man unterscheidet nicht nur Singular und Plural, sondern drückt auch aus, wenn etwas als Paar vorkommt - etwa Schuhe, Arme oder Ehepartner.

Zudem hat sich kein Dialekt als offizielle Variante durchgesetzt - jede Region und jede Stadt pflegt eine bestimmte Spielart und sieht jeweils ihre Variante als das einzig wahre Slowenisch. Als Ausländer weiß man manchmal gar nicht mehr, welche Regeln gelten. Manchmal etwa wird der Buchstabe "V" auch so ausgesprochen, manchmal wie ein "U". Und das "L" kann ebenfalls zum "U" werden. Ich habe den Eindruck, nicht mal die Slowenen blicken da immer durch.

Bloß nicht das falsche Bier trinken

Das Land ist sehr kleinteilig und in 210 Verwaltungsbezirke aufgeteilt, obwohl Slowenien nur etwas mehr als zwei Millionen Einwohner hat. Zwischen Land- und Stadtbewohnern herrscht eine große Kluft - sogar beim Bier: In Slowenien gibt es nur zwei Biermarken, die seit kurzem auch noch aus der gleichen Brauerei kommen. Die eine heißt Laško (gesprochen: Laschko) und gilt als das Bier der Landbevölkerung. Die andere Sorte wird in der Hauptstadt Ljubljana gebraut und heißt Union. Weil sich die Stadt- und Landbevölkerung in Union- und Laško-Biertrinker aufteilt, muss man als Ausländer genau aufpassen, wann man welche Marke lobt - sonst kann es zähe Diskussionen geben.

Das Wetter wechselt immer zwischen Nebel und Regen. Ljubljana gilt als regenreichste Stadt Europas, sogar noch vor London. Gelegentlich schifft es auch mal drei Tage am Stück - man sollte also wetterfeste Kleidung einpacken.

In der schönen Innenstadt von Ljubljana hat der berühmte Architekt Pleçnik seine Handschrift hinterlassen. Außerhalb des Unibetriebs kann man seine Zeit in vielen schönen Cafés direkt am Fluss verbringen. In den Außenbezirken dominiert dagegen die typisch kommunistische Trabantenstadtarchitekur. Viele Stadtteile sind recht trist gestaltet und erinnern an trostlose Berliner Bezirke wie Marzahn oder Hellersdorf.

Das liebste Musikinstrument der Slowenen ist das Akkordeon. Selbst viele Jugendliche spielen das Instrument mit großer Begeisterung. Auch auf vielen Partys im Studentenwohnheim gehört es zur geselligen Runde dazu. Aus der Verbindung des Akkordeonspiels mit Feiern und Trinken ist auch die in Slowenien ähnlich wie in Serbien ungeheuer beliebte Musikrichtung "Turbofolk" entstanden, eine Mischung aus Volksmusik und Techno mit anstößigen Texten, die meist von Sex und Trinken handeln.

Mittlerweile bin ich wieder zurück in Berlin - und hier hat man im Studium einfach mehr Möglichkeiten, eigene Ideen zu entfalten. Mir hat das Austauschsemester in Slowenien aber gut gefallen, ich kann es nur weiterempfehlen. Wenn man sich auf die slowenische Mentalität einlässt, kann es eine tolle Erfahrung werden.



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