Auslandsstudium in Südafrika Wo das Bier im Plastikeimer blubbert

Seit 20 Jahren ist die Apartheid offiziell vorbei, doch der Studentin Lina Maisel begegnet die Rassentrennung in Südafrika noch immer: im Bus, beim Poetry-Slam, auf Werbeplakaten. Von der Offenheit der Menschen ist sie begeistert - von ihren Getränken eher abgestoßen.

Carolin Swillus

Eine riesige Reklame. Zwei weiße Frauen in Bikinis räkeln sich auf Sonnenliegen an einem Pool. Die kühlen Getränke reichen zwei Männer mit dunkler Hautfarbe auf einem silbernen Tablett und bemühen sich dabei sichtlich, den Frauen nicht in der Sonne zu stehen.

Ich habe vergessen, wofür dieses Bild werben soll, doch es hat sich eingeprägt. Das Werbeplakat steht direkt an der Autobahn N2, die am Flughafen in Kapstadt entlangführt. Hier empfängt es mich zu meinem Auslandssemester in Südafrika.

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Afrika, Asien, Ozeanien: Einmal Kulturschock, bitte
Nur wenige Meter hinter der Reklame erstrecken sich die scheinbar endlosen Reihen von Hütten der Township Khayelitsha. Die Baracken bestehen aus Blech, Holz, Pappe und nicht mehr identifizierbarem Müll. Geschätzt eine Million Menschen leben hier. Damit gehört Khayelitsha zu den größten Townships Südafrikas. Sie ist eines der vielen traurigen Überbleibsel der Zwangsumsiedlungen der dunkelhäutigen Bevölkerung während der sogenannten Rassentrennung - der Apartheid.

Viele Studenten berichten von Einbrüchen und Überfällen

Der Begriff "Apartheid" bedeutet "Trennung". Über Jahrzehnte wurde die Bevölkerung systematisch nach ihrer Hautfarbe getrennt - Dunkelhäutige besuchten schlechtere Schulen, lebten in schäbigeren Wohngebieten und durften sich nicht politisch betätigen.

Noch heute, fast 20 Jahre nach dem offiziellen Ende des Unrechtregimes, bestimmt die Hautfarbe das Leben der Menschen: Ein Quotensystem regelt etwa, wer einen Studienplatz oder einen bestimmten Job bekommt. So sollen die extremen Ungleichheiten, die über vierzig Jahre Apartheid bewirkt haben, ausgeglichen werden. Heute fühlen sich dadurch viele weiße Südafrikaner benachteiligt.

Die jahrzehntelange Unterdrückung hat auch in Stellenbosch, wo ich für ein Semester studiere, sichtbare Spuren der Ungleichheit hinterlassen. Das gepflegte Stellenbosch liegt 50 Kilometer östlich von Kapstadt. Es ist bekannt für seine vielen Weingüter und Ziel unzähliger Touristenbusse. Die Townships sind nah und doch eine völlig andere Welt. Ich lebe wie auf einer Insel, abgeschottet vom Rest Südafrikas.

Doch immer wieder bekommt das vermeintliche Idyll Risse: Bettler und Obdachlose säumen die Straßen im Stadtzentrum. Viele der anderen Studenten berichten von Wohnungseinbrüchen und Überfällen mit gezückter Waffe. Eine Erfahrung, die mir zum Glück erspart geblieben ist. Doch sobald es dunkel wird, will keiner mehr allein rausgehen. Schon die kurze Strecke abends von der Bibliothek nach Hause fühlt sich unangenehm an.

Südafrika ist ein Land der extremen Gegensätze: Früh morgens, wenn die Menschen aus den umliegenden Townships zu Fuß oder per Anhalter zu ihrer Arbeit nach Stellenbosch kommen, sehe ich auf der Straße plötzlich überall Menschen dunkler Hautfarbe. Während sie in Kolonnen die Straßen entlang wandern, fegen teure Autos an ihnen vorbei. Kaum eines bleibt stehen. Tagsüber verschwinden die vielen Menschen hinter Supermarktkassen und in Restaurantküchen, abends treten sie erschöpft den Rückweg an.

Gedichte über Gewalt und sexuelle Übergriffe

Einmal will Tony, ein dunkelhäutiger Student, einigen Freunden und mir die Township Gugulethu zeigen. Ganze zwei Stunden brauchen die klapprigen Minibusse für die 30 Kilometer. Sie fahren erst los, wenn sie voll sind - und zwar nach südafrikanischen Standards. Einmal quetschen sich 22 Menschen in einen Bus mit 15 Sitzplätzen. Weiße Südafrikaner sieht man darin selten. Wir fallen auf, werden aber freundlich angesprochen. Mehrere Male müssen wir erzählen, woher wir kommen und was wir hier machen.

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Junge Südafrikaner: Wir leben mit dem Erbe der Apartheid
Als wir ankommen, wird unsere Gruppe neugierig begrüßt. Tony lotst uns in eine Hütte, in der in großen blauen Plastikeimern Bier gebraut wird. Wir müssen unbedingt kosten. Als Zeichen von Respekt sollen wir uns während des Trinkens reihum auf den staubigen Lehmboden knien. Das Bier schmeckt wie vergorene Milch und sieht auch ähnlich aus.

Auch Helen ist in der Township dabei. Sie ist weiß und Anfang 20. Obwohl sie ihr gesamtes Leben in Südafrika verbracht hat, hat Helen noch nie in einem Minibus gesessen. Eine Township hat sie auch noch nie betreten, obwohl sich rund 40 Prozent der südafrikanischen Haushalte in solchen Siedlungen befinden. Die Menschen leben aneinander vorbei. Zwar begegnen sich Weiße und Dunkelhäutige ständig im Alltag. Doch wie der andere lebt, was er denkt, bleibt oft im Verborgenen.

Einmal besuche ich einen Poetry-Slam, der regelmäßig von einem Verein der Uni organisiert wird. Die jungen Künstler und Künstlerinnen dichten über das Leben in den Townships, sexuelle Übergriffen und über die Gewalt. Themen, die für viele Menschen hier Alltag sind. Laut Interpol wird in Südafrika jede 17 Sekunden eine Frau vergewaltigt, pro Tag werden in dem Land im Durchschnitt 42 Menschen ermordet.

Jobs für die Weißen, Arbeitslosigkeit für die Farbigen

Südafrika befindet sich in einer völligen sozialen Schieflage. Ein großer Teil der farbigen Bevölkerung lebt noch immer in Armut, die Einkommen sind so ungleich verteilt wie in kaum einem anderen Land der Welt. Knapp 30 Prozent beträgt die Arbeitslosenquote laut dem südafrikanischen Zensus 2011. Im Schnitt sind 35,6 Prozent der dunkelhäutigen, aber nur 5,9 Prozent der weißen Südafrikaner erwerbslos. Damit hat sich die Lage seit dem Ende der Apartheid sogar noch verschlimmert. Die Ungleichheiten erscheinen mir manchmal wie zementiert.

Doch trotz dieser entmutigenden Statistiken, die Südafrika beschreiben, liegt den Menschen ihr Land am Herzen. Nach all der Zeit und all dem Erlebten fällt mir auf: Die Südafrikaner sind reflektiert und haben ausgeprägte Meinungen über ihr Land - und wollen es verbessern. Obwohl mich der Alltag sehr beschäftigt und auch frustriert hat, bleibt deswegen von meiner Zeit hier ein Hoffnungsfunke über.

insgesamt 26 Beiträge
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mactor2 13.08.2013
1. Na ja,
wer die Nachrichten verfolgt sieht das auch die neuen "Herrscher" sehr korrupt sind. Vetternwirtschaft, Korruption und dergleichen mehr ist scheinbar auch beim ANC und der neuen Regierung gang und gäbe. In Südafrika ist inzwischen die Schere auch nicht mehr zwischen schwarz und weiß sondern auch zwischen arm und reich angekommen. Wie im Rest der Welt.
air plane 13.08.2013
2.
Also wenn wir schon die Welt verbessern möchten: Nicht alle "Dunkelhäutige" leben im Slum; einige sogar in ganz normalen Wohnungen in den Städten! Der Ausdruck "Farbige" geht übrigens gar nicht, das sollte inzwischen jedem bekannt sein, zumindest wenn man Afrika bereist und für den Spiegel schreibt.
air plane 13.08.2013
3.
Also wenn wir schon die Welt verbessern möchten: Nicht alle "Dunkelhäutige" leben im Slum; einige sogar in ganz normalen Wohnungen in den Städten! Der Ausdruck "Farbige" geht übrigens gar nicht, das sollte inzwischen jedem bekannt sein, zumindest wenn man Afrika bereist und für den Spiegel schreibt.
Erfahrungen 13.08.2013
4. Ein gelungener Bericht
Ich selbst habe für ein Jahr in einem südafrikanischen Township gelebt. Meiner Meinung nach ist es diesem Bericht gelungen, die wirklichen Differenzen, aber auch das südafrikanische Lebensgefühl zu transportieren.
experiencedsailor 13.08.2013
5. Eine ganz eigenartige Erfahrung
habe ich mit den Parkwächtern an der Straße gemacht. Ich hielt diese immer für Bettler und scheuchte sie weg, bevor mein Führer mir sagte, daß sie gegen ein Trinkgeld aufs Auto aufpassen - die einzige Möglichkeit, ein paar Rand zusammenzukriegen.
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