Auslandsstudium light Duitsers-Boom an Hollands Unis hält an

Die Niederlande sind das liebste Ziel für deutsche Studenten im Ausland. Die nahen Nachbarn locken mit internationalen Studiengängen, guter Lehre und interessantem Fächerangebot. Weil aber an manchen Unis inzwischen jeder dritte Student ein Duitser ist, wird es den Holländern gerade etwas zu viel.
Von Benjamin Haerdle
Dag, Duitsers! Nach wie vor pilgern deutsche Studenten in Scharen ins Nachbarland Holland

Dag, Duitsers! Nach wie vor pilgern deutsche Studenten in Scharen ins Nachbarland Holland

Foto: epa anp Pieter Franken/ picture-alliance/ dpa

Anfang Februar lockten die Niederlande als Gastland die Besucher zur Bildungsmesse Learntec. Zeitgleich verabschiedete der Senat in Den Haag ein Gesetz, das es nun allen Hochschulen im Königreich erlaubt, Joint Degrees, also Doppelabschlüsse, mit ausländischen Partnern zu vergeben. Das wird die Attraktivität der niederländischen Akademikerschmieden weiter steigern.

Universitäten

Fachhochschulen

Denn schon seit Jahren fühlen sich Studierende vor allem aus Deutschland vom westlichen Nachbarland angezogen. Im Studienjahr 2008/2009 waren an den 14 und den rund 40 (FHs) nach Angaben des Statistischen Bundesamtes fast 19.000 Deutsche eingeschrieben, gut 12 Prozent mehr als im Vorjahr. Das private Beratungsinstitut Edu-Con aus dem nordrhein-westfälischen Rheine geht derzeit gar von 22.500 deutschen Studierenden aus. Damit sind die Niederlande vor Österreich und Großbritannien Zielland Nummer eins für Deutschlands mobile Studenten.

Ihren guten Ruf haben sich die Hochschulen der Niederlande vor allem durch die Lehre erworben. Das Betreuungsverhältnis von Studierenden und Dozenten ist klein, die Gebäude neu und das Verhältnis zu den Professoren unhierarchisch. Der Unterricht an den Hogeschoolen, vergleichbar mit den FHs in Deutschland, gilt als sehr praxisnah.

In Maastricht kommt jeder dritte Student aus Deutschland

"Was unsere Hochschulen so einzigartig macht, sind die differenzierten Ausbildungskonzepte, internationale Studiengänge, forschungsbasierte Lehre und Lernumgebungen, die kritisches Denken fördern", erklärt Sybolt Noorda, Präsident der niederländischen Hochschulrektorenkonferenz VSNU, gegenüber der "duz".

Ganz oben auf der Beliebtheitsskala thront die Universität Maastricht. Von insgesamt 15.000 Studierenden haben mehr als 4300 ein deutsches Abitur in der Tasche. Bevorzugte Studiengänge: Wirtschaftswissenschaften und Psychologie. Der Uni-Präsident und frühere niederländische Bildungsminister Jo Ritzen begründete die Anziehungskraft auf die Deutschen: "Wir haben sehr viel früher die Bologna-Reformen umgesetzt und flächendeckend Bachelor und Master eingeführt." Typische Anlaufschwierigkeiten seien damit schneller als in Deutschland behoben worden.

Auch die Qualität der Hochschulen sei sehr gut. "Die Hochschulen sind in Ranglisten wie dem Shanghai-Ranking oder Times Higher Education Supplement gut platziert", sagt Ritzen. Zudem schuf sich die Uni Maastricht mit dem "problemorientierten Lernen" ein Alleinstellungsmerkmal, das als vorbildlich in der Lehre gilt. Dabei lösen Studierende in kleinen Teams unter Anleitung eines Dozenten Aufgaben. Die nötige Theorie dafür eignen sie sich im Selbststudium an.

Auf Deutsch studieren, ganz kurz hinter der Grenze

Doch nicht nur Unis wie Maastricht, Nimwegen oder Groningen erfreuen sich großer Beliebtheit des Nachbarn im Osten, sondern auch die FHs. Mehr als 11.000 Deutsche sind mittlerweile an Hogeschoolen immatrikuliert. Das heißt, ihre Zahl hat sich in den vergangenen sieben Jahren verdreifacht. "Am Anfang wurden wir überrascht, als wir sahen, wie viele Deutsche sich bei uns in den englisch- und niederländischsprachigen Studiengängen eingeschrieben haben", erklärt Wessel Meijer, International Officer bei der auf mehr als 20 Standorte verstreuten FH Fontys.

Die Hochschulleitung zog daraus Konsequenzen: In grenznahen Zweigstellen wie in Venlo hat die FH Fontys mittlerweile nicht nur drei deutschsprachige Masterangebote, sondern auch neun deutschsprachige Studiengänge im Angebot - von Maschinenbau über Betriebslogistik bis hin zu Industriellem Produktdesign. "Wir bieten an, was auf dem Bildungsmarkt in Deutschland gesucht wird", sagt Meijer. Mit dieser Strategie ist es Fontys gelungen, derzeit rund 2000 Deutsche zu gewinnen. Hoch im Kurs stehen bei den Gästen nicht nur Wirtschafts- und Technikfächer sowie an den FHs Sozialpädagogik, sondern auch Studiengänge, die in Deutschland kaum angeboten werden, wie Pferdemanagement oder Psychomotorische Therapie.

Mit dem niederländischen Bachelor oder Mastertitel in der Tasche haben deutsche Absolventen gute Jobaussichten, auch im Nachbarland. Deutschland ist für den 16,5-Millionen-Einwohner-Staat der wichtigste Handelspartner. "Vor allem kleinere Unternehmen suchen deutsche Absolventen, die von den Niederlanden aus den deutschen Markt erschließen", sagt Yvonne Brockhaus von der Deutsch-Niederländischen Handelskammer. Vorteil der deutschen Absolventen aus Sicht der Personalberaterin: Neben Sprachkenntnissen und dem guten Ruf ("fleißig, pünktlich, gründlich") kennen sie beide Kulturen.

"Deutsche sind meist besser und motivierter" - aber es werden zu viele

Auslandsstudium

Die geografische Lage macht vor allem Hochschulen in Grenznähe attraktiv. In Deutschland wohnen, in den Niederlanden studieren - getreu dieser Devise verfahren viele Studierende. Sie pendeln aus den ländlichen Räumen auf deutscher Seite Richtung Nimwegen oder Groningen, quasi ein light. Die Sprache ist dabei keine Barriere. In grenznahen Schulen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen lernen Tausende deutsche Jugendliche Niederländisch.

Zudem bieten viele Hochschulen mehrwöchige Niederländischkurse vor Studienbeginn an. Das reicht aus, um dem Unterricht folgen zu können. An mancher Hochschule wie etwa der FH Saxion am Standort Enschede kommen die meisten Studierenden aus einem Umkreis von 100 Kilometern. "Wir sehen uns deshalb schon längst als euregionale Hochschule", sagt Rob Admiraal, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der FH Saxion.

Die Gäste profitieren auch von der niederländischen Verfassung, die das Recht auf Bildung festschreibt. "Jeder, der die formalen Aufnahmebedingungen erfüllt, wird an den Hochschulen aufgenommen", erklärt Admiraal, denn ein Numerus clausus existiert in keinem Fach. Dafür gibt es Studiengebühren, die derzeit rund 1500 Euro pro Jahr betragen. Doch das schreckt nur wenige ab: Die Deutschen stellen mit 40 Prozent die größte Gruppe unter den 50.000 ausländischen Studenten in den Niederlanden.

Englisch als Deutschenbremse?

Aber das gute Image bei den Deutschen stellt umgekehrt die Niederländer momentan vor Probleme. Zwar tobt noch nicht eine so erbitterte Diskussion wie in Österreich, wo sich medizinische Universitäten bereits von deutschen Studierenden überlaufen fühlen. Bei der FH Fontys, wo am Standort in Venlo einzelne Kurse zu 85 Prozent mit deutschen Studierenden besetzt sind, will man aber die Zahl deutschsprachiger Studiengänge nicht ausbauen.

"Wir haben nichts gegen Deutsche, ganz im Gegenteil. Sie sind meist besser und motivierter als unsere Studierenden", sagt Meijer. Doch das nationale Ungleichgewicht in den Kursen führe dazu, dass in Projektgruppen Deutsche und Niederländer jeweils nur mit Landsleuten zusammenarbeiteten. Zudem würden Niederländer den Standort Venlo vermehrt meiden und sich in Eindhoven einschreiben.

Fontys will sich nun stärker als internationale Hochschule profilieren: "Wir möchten mehr englischsprachige Kurse, mehr internationale Themen und mehr ausländische Studierende", formuliert Meijer die neue Strategie. Und auch der Maastrichter Uni-Chef Ritzen setzt künftig darauf, mehr Studierende aus Großbritannien zu locken. Gute Argumente haben die Hochschuloberen in jedem Fall parat: Schon jetzt rühmt sich das Nachbarland, mit mehr als 1460 Studienprogrammen das größte Angebot an internationalen Kursen in Europa mit Ausnahme von Großbritannien bereitzustellen.

Benjamin Haerdle ist Journalist in Leipzig

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