Auslandsstudium Reiche Studenten sind doppelt so mobil wie arme

Deutschland ist ein Magnet für ausländische Studenten - und umgekehrt sind deutsche Studenten alles andere als Stubenhocker. 76.000 pro Jahr gehen ins Ausland. Eine neue Auswertung zeigt aber auch: Der Geldbeutel ihrer Eltern spielt dabei eine große Rolle.

Von und Raphael Geiger


Sie fahren für ein Praktikum in die Schweiz, machen einen Sprachkurs in Paris oder schreiben sich für ein, zwei Semester an einer englischen Uni ein - Auslandsaufenthalte sind bei deutschen Studenten ziemlich beliebt. Und: Gleichzeitig studieren in Deutschland immer mehr Ausländer, die Bundesrepublik ist das drittbeliebteste Studienziel der Welt, nach den USA und Großbritannien. Das geht aus einer Sonderauswertung zur jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) hervor. Die Untersuchung offenbart aber auch große Probleme bei Integration ausländischer Studenten und eine soziale Schieflage bei jungen Deutschen, die im Ausland studieren.

"Deutsche Studierende sind wesentlich mobiler als Studierende aus anderen Industrieländern, deutlich mobiler als etwa Studierende aus Großbritannien oder den USA", sagte DSW-Präsident Rolf Dobischat. Im Jahr 2000 gingen noch 52.000 deutsche Studenten im Ausland; 2005 waren es schon knapp 76.000. Die Studie zeigt weiter, dass im Sommersemester 2006 bereits 16 Prozent aller deutschen Studenten einen "studienbezogenen" Auslandsaufenthalt absolviert hatten. Dazu zählen Sprachkurse, Praktika und Studium. Bei Studenten höhrerer Semester war es sogar knapp ein Drittel. Das Bundesbildungsministerium gab am vergangenen Dienstag das Ziel aus, die Zahl der deutschen Studenten im Ausland in den nächsten fünf Jahren auf 100.000 pro Jahr zu steigern.

Mit Auslandserfahrung beim Berufsstart punkten

Frauen sind mobiler als Männer; am häufigsten verbringen Studierende der Medizin sowie der Sprach- und Kulturwissenschaften einen Teil ihrer Studienzeit an ausländischen Hochschulen. Ihre Lieblingsziele sind die Niederlande (12.000 Deutsche), nach Großbritannien (11.500) und Österreich (10.000). Auf den weiteren Plätzen folgten die USA, die Schweiz und Frankreich.

Die Auswertung zeigt aber auch: Trotz Auslands-Bafög und Erasmus-Stipendien - Studenten aus wohlhabenden Elternhäusern absolvieren doppelt so häufig einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland wie junge Menschen aus armen Familien, bei denen Dobischat eine zunehmende "Vermeidungsstrategie" sieht. Der DSW-Präsident befürchtet, die soziale Schieflage beim Auslandsstudium werde sich angesichts dichter Stundenpläne im neuen Bachelorstudium, von Finanzproblemen und aufgrund der ungeklärten Anerkennung von im Ausland erworbenen Leistungsscheinen noch verstärken. Die wichtigste Finanzierungsquelle der Auslandsstudenten sind die Eltern, gefolgt von Stipendien, eigenem Verdienst und Bafög.

"Alle Studierenden müssen mobil sein, unabhängig von ihrer Herkunft oder dem Geldbeutel der Eltern", sagte Dobischat. Auslandserfahrungen seien zunehmend für die spätere Karriere entscheidend. Das bestätigt eine Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit: Demnach sind Erasmus-Studenten auch nach dem Studium deutlich mobiler, ein Auslandssemester erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine Laufbahn im Ausland um 15 bis 20 Prozent - und oft gehen sie als Absolventen in das Land, in dem sie während des Erasmus-Aufenthalts waren. Im Hochschuljahr 2006/2007 gab es knapp 24.000 deutsche Erasmus-Studenten.

Jeder Zehnte an deutschen Hochschulen ist Ausländer

In umgekehrter Richtung bejubelten Bildungspolitiker am vergangenen Dienstag, dass Deutschland bei ausländischen Studenten immer beliebter wird. Denn seit 1997 hat sich ihre Zahl stetig erhöht, von 100.000 auf 190.000 im Jahr 2006. Damit belegt Deutschland als Studienziel im weltweiten Vergleich hinter den USA und Großbritannien einen führenden Platz. Inzwischen stellen Ausländer fast ein Zehntel aller Studierenden an deutschen Hochschulen. Knapp 250.000 sind es, wenn man die sogenannten "Bildungsinländer" mit einrechnet - sie haben zwar eine ausländische Staatsbürgerschaft, ihren Bildungsweg aber in Deutschland absolviert.

Gut die Hälfte der Studenten kommt aus europäischen Staaten nach Deutschland, gefolgt von Studenten aus Asien mit einem Anteil von 32 Prozent. Aus Afrika kommen elf, aus Süd- oder Nordamerika sechs Prozent. Ganz vorn bei den Ländern liegt China mit 14 Prozent der Studenten, gefolgt von Bulgarien und Polen mit jeweils sechs Prozent. Junge Ausländer aus Industrienationen studieren in Deutschland besonders häufig Sprachen und Kulturwissenschaften, die aus Entwicklungsländern wählen dagegen vor allem Technik-Fächer.

Der Studie zufolge stehen ausländischen Studenten monatlich im Schnitt 645 Euro zur Verfügung - im Vergleich zu 770 Euro, die deutsche Studenten ausgeben können. Jobben und die Eltern sind ihre wichtigsten Geldquellen. 85 Prozent der jungen Ausländer organisieren ihr Studium selbst und kommen ohne Austauschprogramm nach Deutschland. Zum Zeitpunkt der Umfrage im Sommer 2006 hatten 62 Prozent angegeben, vor allem wegen der damaligen Studiengebührenfreiheit gekommen zu sein. Inzwischen werden in mehreren Bundesländern Studiengebühren erhoben.

Extrem viele Abbrecher bei ausländischen Studenten

Die Sozialerhebung wie auch andere Untersuchungen nähren starke Zweifel, ob der Zustrom ausländischer Studenten wirklich eine Erfolgsgeschichte ist. So zeigte kürzlich eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS), dass gut die Hälfte im Studium scheitert und sich viele weitere nur mit großen Schwierigkeiten durchbeißen.

Die Hannoveraner Bildungsforscher hatten rund 2000 ausländische Studenten in Aachen und München befragt. Sie sprechen von einem "Schwundanteil von deutlich über 50 Prozent". Das alarmierende Ergebnis: "Wir wollen gezielt kluge Köpfe aus dem Ausland holen - und die, die dann tatsächlich kommen, fühlen sich an den Hochschulen oft hoffnungslos verloren", sagte HIS-Forscher Ulrich Heublein der "Zeit".

"Die Integration ausländischer Studierender muss besser werden", forderte auch Studentenwerks-Chef Ralf Dobischat. Viele klagten über die schwierige Orientierung im deutschen Studiensystem, den mangelnden Kontakt zu ihren deutschen Kommilitonen sowie Hürden bei der Studienfinanzierung. Die HIS-Ergebnisse zeigen deutlich, woran es hapert: Zwei Drittel der jungen Ausländer haben in ihrer Heimat bereits studiert und oft sehr intensive Zuwendung erfahren. In Deutschland dagegen, wo einzelne Studenten in der akademischen Maschinerie nicht viel zählen, rutschen sie schnell durch das extrem weitmaschige Betreuungsnetz in die Isolation.

Verblüffend zum Beispiel: Zwar wohnt fast die Hälfte der ausländischen Studenten in Wohnheimen, aber zur Verbesserung der Deutschkenntnisse scheint das keineswegs zu führen. Laut HIS sprechen beinahe 40 Prozent weniger als einmal pro Woche mit deutschen Studenten - sie finden kaum Anschluss, niemand kümmert sich um sie. Das erklärt auch, warum Ausländer oftmals am Ende ihres Studiums nicht besser, sondern sogar schlechter Deutsch sprechen als zu Beginn.

Mit Material von dpa/AP/AFP

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