Auslandstudium in London "Wo ist denn der Rest der Wohnung?"

Lisa Görs' Eltern wollten erst nicht glauben, dass ihre Tochter in London nur ein halbes Zimmer bewohnt. Für ihren Doktortitel am Imperial College nimmt sie einiges in Kauf: Sie teilt Zimmer und Bett mit Anna. Und gleich zum Start lässt die Uni ausrichten, dass sie sich eine 40-Stunden-Woche abschminken kann.

Lisa Görs

Es ist immer laut auf der Kensington High Street in London. Autos hupen, Menschen eilen zur Arbeit, sie tragen Anzüge und reden laut, aber nicht miteinander, sondern in ihre Handys und Headsets. Die wenigen Fahrradfahrer brauchen nicht nur einen Mundschutz gegen die Abgase, sondern auch starke Nerven, denn im Londoner Straßenverkehr vergessen die sonst so höflichen Briten ihre guten Manieren.

Doch wenn ich in eine der Seitenstraßen einbiege, bin ich in einer anderen Welt. Hier ist es ruhig. Die Häuser umringen kleine Privatparks wie im Film Notting Hill. Hier reihen sich Goldschmieden an türkische Gemüsehändler an belgische Bäcker an französische Cafés an englische Pubs. Ständig muss ich Kinderwagen ausweichen, die entweder von Frauen geschoben werden, die in Deutschland "Macchiato-Mütter" heißen, oder von Nannys, die meist aus Südostasien kommen.

Hier fühle ich mich ein bisschen wie in einem Dorf, nicht wie in London. Weiter östlich liegt das Imperial College London, eine Universität spezialisiert auf Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Medizin. Irgendwo zwischen Kensington High Street und Imperial College wohne ich. Ab Oktober werde ich an dem College für meine Doktorarbeit forschen.

Freundlicher Rat der Uni: ein PhD ist kein Nine-to-five-Job

In der ersten Woche fülle ich hauptsächlich Formulare aus und lausche Begrüßungsreden. Hier höre ich, dass die Hälfte aller Imperial College Studenten "international" ist, also nicht britisch, und dass die Hälfte der Studenten "Postgraduates" ist, die auf einen Master oder PhD, also Doktortitel, hinarbeiten. Die Redner betonen, dass sich das Imperial College regelmäßig mit einer Top-Platzierung in internationalen Universitätsrankings wieder finde.

Mein Fachgebiet ist die Synthetische Biologie, mein Labor ist in einem neuen Gebäude mit rosa Eingang. Drei bis vier Jahre werde ich hier forschen. Was die Uni von mir erwartet, steht in meinem PhD-Handbuch: "Work hard - a PhD cannot be accomplished with only a 9-5-effort". Wer regelmäßig um 17 Uhr Feierabend macht, wird es nicht schaffen.

Wir sollten aber auch ein Leben jenseits der Forschung haben, sagen unsere Chefs. Diesen Rat befolge ich sehr eifrig beim Freshers' Fair. Bei dieser Messe werben die Uni-Mannschaften und Clubs neue Studenten an, meist indem sie Süßigkeiten und Werbegeschenke verteilen. Ich schreibe mich für so viele Sachen wie möglich ein: für Wasserball und Schwimmen, für Biochemie und chemische Verfahrenstechnik, für Umwelt, Bücher und Käse. Später überlege ich mir, was ich wirklich will.

"Was? Du hast kein eigenes Zimmer?"

Ich habe ein Zimmer ganz nah an der Uni ergattert und kann es immer noch kaum glauben. Das Haus hat einen eleganten Treppeneingang und Teppich im Treppenhaus, und ich kann mir die Miete sogar von meinem bescheidenen Forschungseinkommen leisten. Der Haken: Ich wohne hier nicht allein. Ich teile mir diese Kleinstwohnung mit einer anderen Studentin. Sie heißt Anna und macht gerade ihren Master in Mathematik.

Im Zimmer haben wir ein Stockbett, einen Schreibtisch, ein paar Regale, einen Schrank und eine Küchenzeile. Dann gibt es noch ein separates Badezimmer. Das war's. Das ist unser Reich. Als ich meinen Eltern und Freunden Zuhause in Hamburg davon erzählte, waren sie entsetzt. "Was? Du hast kein eigenes Zimmer?", "Wie kann man denn so eng mit jemandem zusammenwohnen?", "Du brauchst doch Deinen eigenen Bereich!" Klar, als ich zum ersten Mal das Zimmer betrat, dachte ich "Ist das schon alles? Wo ist denn der Rest der Wohnung?" Aber inzwischen macht mir das nicht mehr viel aus.

Ich war einer Anzeige am Schwarzen Brett "Room mate needed" gefolgt. Allerdings hatte ich irrtümlich angenommen, dass es sich hier um ein Einzelzimmer in einer WG handelt, denn "Room mate" heißt manchmal auch WG-Mitbewohner.

Was in Deutschland ungewöhnlich ist, ist in den angelsächsischen Ländern normal. Meine Mitbewohnerin Anna hat in den drei Jahren, die sie schon am Imperial College studiert, noch nie alleine gewohnt. Erst ein Zweibettzimmer im Studentenwohnheim und dann zwei Jahre hier, immer mit wechselnden Zimmergenossinnen. Ich kenne auch andere Studenten in England und Amerika, die sich zumindest in den ersten zwei Semestern Zimmer geteilt haben. Einige Unis legen sehr viel Wert auf dieses System, verhindert es doch, dass Studenten vereinsamen. Außerdem lernen sie Kompromisse einzugehen, was viele von Zuhause wahrscheinlich gar nicht gewohnt sind.

Besuch nur am Wochenende - und nicht über Nacht

Ein eigenes Zimmer hätte ich mir in dieser Gegend von London nicht leisten können. Zusammen zahlen Anna und ich für unsere Kammer mit Stockbett so viel, wie meine Freunde in Hamburg für eine Zweieinhalbzimmerwohnung. Die Vermieter hier wissen, dass sie jeden Preis verlangen können. Aus der ganzen Welt strömen Menschen nach London, um zu studieren und zu arbeiten. Doch der Wohnraum ist knapp. Dies führt oft zu beengten und bizarren Wohnverhältnissen. Als ich noch auf Zimmersuche war, stieß ich zum Beispiel auf ein Zimmer in einer 7-Personen-WG in Notting Hill, jeder Mitbewohner aus einem anderen Land, eine Küche, ein Badezimmer, Besuch ist nur am Wochenende erwünscht und auch dann nicht über Nacht.

Leider erlaubt es das Mietrecht in England, dass Vermieter so ziemlich machen können, was sie wollen. Hohe Mieten, die auch gern mal ein Jahr im Voraus bezahlt werden müssen. Zeitlich begrenzte, ellenlange Mietverträge, die einem verbieten , Dinge ins Fenster zu hängen (Die St. Pauli Flagge bleibt also im Koffer). Und eine unverschämt hohe Kautionen an einen Vermieter, der nur langsam reagiert, wenn Reparaturen fällig sind.

Das ist eben London. Mieter in Deutschland wissen gar nicht, wie gut sie es haben.

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