Auswahlprüfungen in Studium und Beruf Der Allestester

Wie besteht man die gefürchteten Eignungstests? Günter Trost kennt sämtliche fiesen Fallen. Kein Wunder: In rund 30 Jahren hat der Psychologe viele große Tests für Studenten und Berufseinsteiger konzipiert. Im Interview spricht er über die Vorzüge und Tücken.


Günter Trost wurde schon als "Test-Papst" bezeichnet, weil er an so vielen Aufnahmeprüfungen in Deutschland mitgewirkt hat. Der promovierte Psychologe beschäftigt sich seit den siebziger Jahren mit Eignungsdiagnostik. Damals forschte er im Auftrag der Studienstiftung des Deutschen Volkes nach Möglichkeiten, die Auswahl der Stipendiaten zu verbessern. Später gründete er die ITB Consulting GmbH, zu deren Kunden zahlreiche Hochschulen und Konzerne in Deutschland zählen. Neuerdings ist er auch wieder für die Studienstiftung tätig: Er entwickelt den Test, den künftig jeder absolvieren muss, der sich um ein Stipendium bewirbt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Trost, am Studentenpisa-Test, den der SPIEGEL in Kooperation mit StudiVZ anbietet, haben in wenigen Wochen mehrere hunderttausend Menschen teilgenommen. Überrascht Sie das große Interesse?

Abiturprüflinge: "Training verbessert das Ergebnis nicht nennenswert"
DDP

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Trost: Nein, überhaupt nicht. Das Interesse am Self-Assessment - also daran, sich selbst zu messen - ist vor allem bei jungen Menschen gewaltig. Sie zeigen eine große Bereitschaft, ihre Fähigkeiten zu prüfen und unter Beweis zu stellen ...

SPIEGEL ONLINE: ... von der Sie nun schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert leben. War die Bereitschaft denn auch in den siebziger Jahren so groß, als Sie mit Ihrer Arbeit begonnen und etwa den Medizinertest mitentwickelt haben, die Eignungsprüfung für das Medizinstudium?

Trost: Das waren andere Zeiten. Es gab in der Bevölkerung viel mehr Vorbehalte gegenüber Testverfahren generell - teils als Folge der 68er-Bewegung. Auch in der Politik waren Tests umstritten. Viele befürchteten, ein bundesweiter Auswahltest sei allein schon unter Geheimhaltungsaspekten undurchführbar, weshalb die Testhefte damals in gesicherten Transportern, teilweise sogar mit einer Polizeieskorte, verschickt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Heute hört man nicht mehr viel Kritik, obwohl manche Studienplätze oder Stipendien nur noch bekommen kann, wer einen Eignungstest besteht. Sind die Tests besser geworden oder die Menschen unkritischer?

Trost: Die Menschen sind realistischer geworden und haben erkannt, dass die Tests massiv zur Fairness der Auswahlprozesse beitragen. Sie sind das einzige Instrument, das völlig objektiv ist und deshalb ein gutes Korrektiv etwa zu Schulnoten darstellt, bei denen subjektive Einflüsse nicht vermeidbar sind. Als Abiturienten in den achtziger Jahren gefragt wurden, welches Auswahlinstrument sie für das beste halten, haben viele das Interview genannt. Vor vier Jahren haben Kollegen noch einmal Abiturienten gefragt. Jetzt gelten fachbezogene Studierfähigkeitstests als beste Wahl, noch vor der Abiturnote oder einem Auswahlgespräch.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn Tests die aktuellen Fähigkeiten eines Abiturienten genau bestimmen können: Was macht Sie so sicher, den Erfolg im Studium vorhersagen zu können?

Test-Papst Trost: "Tests sollten nie die alleinige Grundlage bilden"
ITB Consulting

Test-Papst Trost: "Tests sollten nie die alleinige Grundlage bilden"

Trost: Selbst mit den besten Verfahren gibt es keine hundertprozentige Treffsicherheit. Wir streben ja auch nicht an, die Entwicklung eines Menschen zu 100 Prozent vorherzusagen. Aber es hat sich einfach gezeigt, dass die Tests bestimmte, für das Studium wichtige Fähigkeiten sehr genau erfassen und damit die Prognose des Studienerfolgs erheblich verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Kann ich auch mein Testergebnis verbessern, indem ich mich vorbereite?

Trost: Man sollte sich mit der Struktur und den Aufgabentypen eines Tests vertraut machen, um keine Überraschungen zu erleben und keine Zeit dadurch zu verlieren, dass man sich erst klarmachen muss, was in den einzelnen Testteilen eigentlich zu tun ist. Darüber hinausgehendes "Pauken" hilft nachweislich nichts. Anders als kommerzielle Testtrainer glauben machen wollen, kann man sein Ergebnis durch Training nicht nennenswert verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann es sein, dass ein kurzer Test bessere Ergebnisse liefert als etwa ein Abi-Zeugnis, in dem sich die Beobachtungen vieler Lehrer über mehrere Jahre niederschlagen?

Trost: Schulnoten messen in erster Linie, wie jemand mit den Anforderungen des bisherigen Bildungsabschnitts zurechtgekommen ist. Das sagt noch nicht unbedingt etwas darüber aus, wie gut die Person mit den spezifischen Anforderungen eines bestimmten Studiengangs in der Zukunft zurechtkommt. Selbst die Note in einem bestimmten Schulfach ist ein relativ schlechter Indikator für den Studienerfolg im selben Fach. Außerdem sind Schulnoten aus verschiedenen Fächern, Schulen und Bundesländern nur bedingt vergleichbar. Trotz all dieser Einschränkungen besitzt, wenn man die verfügbaren Indikatoren einzeln betrachtet, die Durchschnittsnote im Schulabschlusszeugnis nach wie vor die höchste Vorhersagekraft bezüglich des Studienerfolgs; diese lässt sich aber durch die Hinzunahme von Eignungstests beträchtlich steigern.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Tests so gute Vorhersagen erlauben, müsste man sie dann nicht auch schon in der Grundschule einsetzen? Ob ein Kind aufs Gymnasium gehen soll oder nicht, sorgt bisher immer wieder für Streit zwischen Eltern und Lehrern - und beide liegen häufig falsch mit ihren Prognosen.

Trost: Ein Test wäre sicherlich hilfreich. Man könnte kognitive Fähigkeiten prüfen, die nicht so sehr vom Elternhaus geprägt sind. Bisher sind die Gymnasialempfehlungen wohl auch stark vom Kommunikationsverhalten eines Kindes bestimmt, das wiederum vom elterlichen Einfluss abhängig ist. Auch an dieser Stelle können Tests zu mehr Fairness beitragen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ihren Tests messen Sie immer nur bestimmte geistige Fähigkeiten - nicht aber das, was manche soziale oder emotionale Kompetenz nennen. Kommt es nicht vielmehr darauf an?

Trost: Nicht vielmehr, aber auch. Deshalb sollten die Tests auch nie die alleinige Grundlage bilden, wenn etwa ein Arbeitgeber jemanden einstellen möchte. Die Wichtigkeit dieser überfachlichen, nicht-kognitiven Fähigkeiten wird heute allgemein gesehen, und zwar stärker als noch vor 20 oder 30 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Solche Fähigkeiten gelten als Stärke von Frauen. Haben Frauen es umgekehrt in Ihren Tests schwerer?

Trost: Tatsächlich gibt es - wenn auch nicht stark ausgeprägte - Unterschiede in den Testleistungen von Frauen und Männern. So schneiden Frauen beispielsweise bei Konzentrations- und Merkfähigkeitsaufgaben etwas besser ab, Männer hingegen bei quantitativen Aufgaben und beim räumlichen Vorstellungsvermögen. Stellt man die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Test für medizinische Studiengänge den Unterschieden in den späteren Studienleistungen der beiden Gruppen gegenüber, so stellt man tatsächlich eine geringfügige Benachteiligung durch den Test fest - allerdings der Männer.

Das Interview führte Markus Verbeet



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