Endlich Abi Abbiegen ins ganz neue Leben

Jetzt ist alles möglich, oder nichts. Tabea Mußgnug hat ein Buch geschrieben über die Zeit nach dem Abi. Es beginnt die Suche: nach Leben, Liebe - und vor allem nach dem passenden Studiengang. Ein Auszug.

Teenager im Park: "Nur einmal abbiegen und schon landet man in einem ganz neuen Leben"
Corbis

Teenager im Park: "Nur einmal abbiegen und schon landet man in einem ganz neuen Leben"


Wie eigentlich alle las ich in diesem Sommer den Zeit-Studienführer, die Bibel der Abiturienten, und versuchte dort, mir per Ampelsystem das Für und Wider der verschiedenen Unis zu merken. Ich blätterte vor und zurück und las wirklich beinahe jeden Studiengangsinformationstext.

Ich sehe mich noch in diesem Sommer in meinem wegen der Hitze rolladenabgedunkelten Kinderzimmer auf dem Bett liegen und den Artikel über Umweltengineering lesen. Kurz zuvor hatte ich die Staffel Mein Leben und ich - eine der wenigen guten Serien des deutschen Fernsehens, neben Türkisch für Anfänger (Elyas M'Barek!) und vor allem Doctor's Diary (Florian David Fitz!) - beendet, in der Alex ihr Studium beginnt und sich ein Semester lang in alphabetischer Reihenfolge in alle Studiengänge der Uni Köln setzt.

Das hätte ich auch mal machen sollen.

Ich überlegte mir Innenarchitektur, schwenkte um zu Modedesign, erwog aus romantischen Ländereien-Phantasien mit Beagles kurz Forstwirtschaft, musste mir aber dann eingestehen, dass ich schon auf befestigten Waldwegen vor lauter Zecken-Panik immer hochgeschlossen und mit Kapuze herumlaufe und darum vermutlich als Försterin von den Waldarbeitern ziemlich viel hätte einstecken müssen. Natürlich überlegte ich mir, wie jeder zweite meines Jahrgangs, ob ich nicht IMM studieren sollte, wie der Kabarettist Florian Schröder sagt: irgendwas mit Medien. Medienkommunikation war einer der großen Studientrends meines Abi-Jahrgangs, zusammen mit Wirtschaftsingenieurwesen.

Da ich in Mathe grauenvoll war, Autos nicht mag und man für irgendwas mit Medien im fraglichen Wintersemester einen Schnitt von 1,3 brauchte, wenn man nicht in Chemnitz landen wollte, schieden die 08/15-Studiengänge meiner Generation allerdings für mich aus. Ich überlegte wirklich alles, auch Goldschmiedin. An sich finde ich es ja schon ganz okay, das zu werden, was man will. Ein Abi verpflichtet nicht zum Studium, und ein 1,0-Abi auf gar keinen Fall zum Medizinstudium, vor allem nicht, wenn man gleichzeitig die soziale Intelligenz einer Amöbe hat.

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Ich kenne eine, die wurde mit 1,0 Nonne. Eine, die jetzt glückliche Hutmacherin ist. Meine Freundin Sophie wird Floristin, nachdem sie zwei Jahre überlegt hat, was sie werden möchte. Zwei Jahre. Meine Eltern drängelten schon auf einen Entschluss, als ich eine Woche vor der Abi-Gala noch nicht recht wusste, was mal aus mir werden soll. Einige wussten es sogar noch früher, das waren die, die BA machten. BA, also duales Studium mit drei Monaten arbeiten und dann wieder drei Monate studieren, war etwas, was um unser Abi herum sehr groß wurde. Dafür muss man sich schon ein Jahr vor Schulende einen Ausbildungsbetrieb suchen und Bewerbungen schreiben, also was für ziemlich Zielstrebige.

Das war ich schon mal nicht. Meine Freundin Katharina und ich hatten jahrelang diffus von einem gemeinsamen Psychologiestudium in Konstanz plus gemeinsamer Wohnung geträumt und alles geplant, bis hin zum roten Kühlschrank und einem dieser riesigen eierschalenfarbenen schnurlosen Telefone, die in US-Serien immer alle haben. Es wurde nichts draus.

Zum Schluss blieb die Erinnerung an meine vielen guten BK-Klausuren und daran, dass ich in der siebten Klasse sehr für meine Bildbeschreibung des Isenheimer Altars gelobt worden war, und ich landete bei Kunstgeschichte. Begleitfach Germanistik, "weil ich halt so gern lese". Die irreführendste Begründung für ein Germanistikstudium, die man haben kann, wie ich ein Semester später wissen sollte. Ich bewarb mich nur an zwei Unis - in Karlsruhe und Heidelberg - was mich ziemlich exotisch machte, in einer Zeit, in der man anfing, sich an zehn Unis gleichzeitig zu bewerben. Die Wahl dieser Städte erfolgte auch nicht nach einem ausgeklügelten System, sondern nach dem Prinzip des Nächstliegenden.

Manche Leute suchen sich ihre Studienstadt aus Lifestyle-Gründen aus. Das sind die, die nach Berlin gehen. Oder, wenn traditionsbewusst und Ralph-Lauren-Kunde: München. Manche stellen sich bewusst und rätselnd der Frage, ob sie denn für eine Massenuni (Köln) oder eher den Geheimtipp (Hildesheim) geboren sind. Die Freigeister zieht es an diese Siebziger-Jahre-Beton-Universitäten in Bochum und Duisburg, die umweltbewussten Mate-Trinkerinnen mit Kleidern von Blutsgeschwister nach Freiburg, und die, denen es egal ist, wo sie studieren - Hauptsache, es ist elitär und riecht nach Chefsessel -, studieren an irgendwelchen Privatunis meistens in der Nähe unbekannter Weinstädtchen.

Doch das alles wusste ich noch nicht, in diesen Wochen nach dem Abi, in denen sich alle Gespräche nur um Unibewerbungen drehten. Ich freute mich in diesem August auf den Herbst, und der Studienführer hatte ausgedient. Er steht bis heute bei meinen Eltern in meinem Kinderzimmer und ist beredtes Zeugnis von den paar Wochen, in denen alles offen ist und alles möglich, und man denkt, dass man jetzt nur einmal abbiegen muss und schon in einem ganz neuen Leben landet.


Auszug aus: Tabea Mußgnug, Nächstes Semester wird alles anders... Zwischen Uni und Leben! Für alle, die denken, sie bräuchten einen Plan, Fischer 2015

Zur Autorin
  • S. Fischer Verlag
    Tabea Mußgnug, Jahrgang 1987, hat in Heidelberg Kunstgeschichte, Religionswissenschaft und Byzantinische Archäologie studiert und musste sich oft fragen lassen: "Und was macht man dann damit?". In regelmäßigen Abständen durchlitt sie deshalb Welchen-Sinn-hat-mein-Fach-Krisen. Heute promoviert sie in Kunstgeschichte und hofft auf das große geniale Jobangebot.

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hansejung 27.07.2015
1. Problem bekannt
Nach Abitur und Wehrdienst habe ich auch erst sehr spät meinen Weg gefunden. Die Zeit die ich an der Universität verbracht habe waren zwar nicht unbedingt vergeudet, hätte ich aber gleich eine Ausbildung gemacht wäre nicht so viel Zeit verloren gegangen. Nun bin ich staatl. gepr. Techniker und sehr zufrieden mit dem was ich tue. Gut das es in unserem Land einen Bildungsweg für jeden gibt.
caro1234 27.07.2015
2. bedauerlich
wenn Abiturienten nicht wissen was sie studieren wollen, sie hatten viele Jahre Zeit ihre Talente zu finden. Bedauerlich auch, dieses Batchelor/Masters Zeug, Wissenschaftliche Studiengänge kann ma mit einem Vordiplom nicht beenden, sondern nur abbrechen. Die Wirtschaft (seit wann steht Wissenschaft im Dienst der Wirtschaft) versprach Batcheloren haufenweisen einzustellen, doch sie merkten bald, dass sie weniger drauf haben,also mit einem Vordiplom. Was studieren, das was Freude macht, Interessiert und motivert. Dann findet man auch einen Job. Nur Mut und wer mit 20 schon an die Rente denkt, kann einem Leid tun.
Astir01 27.07.2015
3. Ich wusste gar nicht,
dass man in Karlsruhe auch Kunstgeschichte und Germanistik studieren kann. Ich habe die UniKATH bisher immer für eine anständige, weil technische Uniersität gehalten.
Don_Draper 27.07.2015
4. Guter Spruch
Das ist ein guter Spruch udn sehr richtig: " Ein Abi verpflichtet nicht zum Studium, und ein 1,0-Abi auf gar keinen Fall zum Medizinstudium, vor allem nicht, wenn man gleichzeitig die soziale Intelligenz einer Amöbe hat." Ansonsten scheint dieses Buch abe rnicht viel Neues zu bringen, die ganzen Geankengänge kennt zumindest jeder, der Abi gemacht hat. Und noch was: Ich finde es sehr nachvollziehbar, dass man gefragt wird, was man mit Kunstgeschichte später macht, bzw. wie man sein Geld verdient.
14republic 27.07.2015
5.
Vieles klingt sehr bekannt, der BA-Trend, Wi-Ing, der Zeit-Studienführer... und siehe da, die Autorin und ich sind gleicher Jahrgang. Bei mir ist es tatsächlich Wirtschaftsingenieurwesen geworden. Dass man in Karlsruhe Geisteswissenschaften studieren kann, ist auch unter den Studenten weitgehend unbekannt. Ein Reporterteam musste vor einigen Jahren ziemlich lange nach der Fakultät suchen, weil ihnen niemand eine Wegbeschreibung geben konnte - "Irgendwo hinter den Chemietürmen vielleicht... glaube ich mal gehört zu haben."
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