Angeblich sexistisch Neue Heimat für umstrittenes Gomringer-Gedicht

Von Berlin nach Oberfranken: An der Fassade einer Berliner Uni wird das umstrittene Gedicht "Avenidas" übermalt - nun kündigte die Heimatstadt des Dichters an, es an einer Museumsfassade anzubringen.
Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin

Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin

Foto: David von Becker/Alice Salomon Hochschule Berlin

Selten hat ein Jahrzehnte altes Gedicht so viel Aufsehen erregt. Seit mehr als sechs Jahren steht "Avenidas" bereits an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Es besteht aus 20 aneinandergereihten Worten und erzählt von einer Szene auf den Ramblas in Barcelona, die der Dichter Eugen Gomringer in den Fünfzigerjahren beobachtet hat. Sie lauten übersetzt so: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer".

Weil das Studierendenparlament (StuPa) und der Allgemeinen Studierenden-Ausschuss (AStA) das Gedicht als sexistisch bezeichnet hatten, entschloss sich die Hochschule dazu, es durch ein anderes Gedicht zu ersetzen. Nun hat sich die Heimatstadt des Poeten in die Debatte eingemischt. Der Rat der oberfränkischen Stadt Stadt Rehau im Landkreis Hof kündigte an, "Avenidas" an die Fassade des städtischen Museums schreiben zu lassen, wie BR 24 berichtet.  "Die Entscheidung fiel mit großer Mehrheit", sagte der Erste Bürgermeister Michael Abraham (CSU) auch dem "Tagesspiegel". 

Der Dichter Eugen Gomringer, Sohn eines Schweizers und einer Bolivianerin, lebt seit Jahrzehnten in Rehau. Im Jahr 2000 gründete er das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie (IKKP) in der Stadt.  Aus diesem Grund fühlen sich die Rehauer Kommunalpolitiker ihm gegenüber verpflichtet, wie die Zeitung weiter berichtet. Außerdem soll es eine Tafel geben, auf der die Debatte um das Gedicht erklärt wird.

Der 93 Jahre alte Gomringer hatte die geplante Übermalung seines Gedichts scharf kritisiert: "Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie." Es gehe den Verantwortlichen um die Entfernung eines "nicht weichgespülten Gedichts" im Sinne einer falsch verstandenen Political Correctness.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hatte die Entfernung des Gedichts ebenfalls scharf gerügt. "Die Entscheidung des Akademischen Senats der Alice Salomon Hochschule, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei."

Auch andere Städte, etwa Bielefeld und Schaffhausen in der Schweiz, haben angekündigt, das Gedicht an Häuserfassaden anbringen zu lassen.

kha
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.