Ba-ba-Banküberfall Ein Scheck über 33 Milliarden Euro

Kreativer Bildungsprotest: In Berlin, wie in anderen Großstädten, spielten Studenten und Schüler heute Bankraub und forderten mehr Geld für Bildung. In der Hauptstadt stürmten sie gleich mehrere Filialen. SPIEGEL-ONLINE-Autor Torben Waleczek war in einer Zweigstelle dabei.

Plötzlich geht alles sehr fix. 300 Meter im Sprint, einmal um die Ecke, bei Rot über die Straße - und rein in die Bank. Die Polizei kommt so rasch nicht hinterher. Etwa 40 Demonstranten stürmen in die Commerzbank-Filiale am Berliner Europacenter - Banküberfall.

Drinnen in der Filiale geht ein Konfettiregen nieder, laute Rufe hallen durchs Foyer. Immer wieder: "Geld für Bildung statt für Banken." Manche Demonstranten tragen schwarze Kapuzenpullover und Sonnenbrillen, die meisten sind alltäglich gekleidet. Die Anzugträger an den Schaltern schauen entgeistert. "Angst macht mir das nicht", sagt eine Bankangestellte. "Aber es ist ziemlich laut."

"Löst eure Schecks ein!"

Die jungen Leute stürmen in die erste Etage, suchen den Filialleiter. Der soll den übergroßen Papp-Scheck unterschreiben, den sie mitgebracht haben. Eingetragene Summe, die sich die Studenten und Schüler für die Bildung wünschen: 33 Milliarden Euro.

Es ist Bildungsstreikwoche in Deutschland - und nach einem gemächlichen Auftakt und Massendemonstrationen am Mittwoch waren für Donnerstag bundesweit symbolische Banküberfälle angekündigt.

Den Schüler und Studenten missfällt, dass der Staat Milliardenbürgschaften für wankende Banken gewährt, während Schulen und Universitäten nach ihrer Ansicht zu kurz kommen. Fingierte Angriffe starteten darum unter anderem in München, Hamburg, Flensburg, Köln und Erfurt.

In Berlin versammelten sich am Nachmittag einige hundert Demonstranten vor der Filiale der Hypo Real Estate. Doch das Gebäude ist von der Polizei schon so stark gesichert, dass niemand hineinkommt.

Nach Ansprachen von Peter Grottian, Politikwissenschaftler und Initiator der Banküberfall-Idee, von Gewerkschaftern und Schülervertretern kommt plötzlich das Zeichen zur Attacke: "Löst eure Schecks ein!", ruft ein Sprecher über die Lautsprecher. Die Menge teilt sich in mehrere Gruppen, die in unterschiedliche Richtungen auseinander stieben. 50 Demonstranten schaffen es vor den Polizisten in eine Filiale der Deutschen Bank, etwa 15 in die Postbank und 40 in die Commerzbank in der Tauentzienstraße.

"Wenn ihr jetzt geht, muss die Polizei nicht räumen"

Hier fliegen Broschüren und Formulare durch das Treppenhaus, Sprechchöre mit dem Megafon hallen von Treppen und Wänden wieder. Polizisten blockieren mittlerweile den Eingang und rangeln mit nachrückenden Demonstranten, die noch hinein wollen.

Ein freundlicher Bankangestellter übernimmt mutig die Verhandlungen mit denen, die es in die Bank geschafft haben. Er lächelt und sagt, man könne sich doch vernünftig einig werden. "Wenn ihr jetzt freiwillig geht, dann muss die Polizei nicht gewaltsam räumen." Das wollen die Demonstranten aber nicht.

Sie haben einen Scheck, der soll zum Filialleiter, bitteschön. An der Seite des Bankmitarbeiters stehen Beamte mit Helmen und dick gepolsterter Schutzkleidung. Zwischenzeitlich verschwinden der Verhandlungsführer und einige Polizisten in einem Nebenraum.

Applaus für den freundlichen Banker

In einem anderen Büro berät ein Angestellter gerade eine alte Dame. Durch die Glastür schauen beide verunsichert zu den Demonstranten - und setzen dann ihre Unterhaltung fort, als sei nichts geschehen.

Die Demonstranten setzen sich auf den Boden und warten ab. Niemand zerschlägt Scheiben, beschmiert die Wände oder provoziert Polizisten. "Wir haben keine Lust auf Schläge", sagt ein Berliner Student, der seinen Namen nicht nennen will. Aufmerksamkeit bekomme man auch so schon genug.

Nach einer knappen halben Stunde dann ein Angebot, übermittelt wieder von dem freundlich lächelnden Angestellten: "Wir geben die Botschaft gerne weiter", der Filialleiter werde informiert, sei aber jetzt nicht zu sprechen.

Wenigstens zu einem symbolisches Zugeständnis können die Aktivisten den Banker überreden: Der freundliche Herr klebt seine Visitenkarte auf den 33-Milliarden-Scheck. Das bringt ihm Applaus, manche Demonstranten verabschieden sich von ihm mit Handschlag.

Alles ist vorbei - aber die Türen bleiben verrammelt

Eigentlich könnten alle so friedlich, wie sie die ganze Zeit über waren, nach Hause gehen. Doch die Eingangstüren zur Bank sind immer noch zu. Manche munkeln, es werde jetzt noch Ärger geben, mit Polizei und Justiz.

Ein behelmter Polizist erklärt, was einige schon befürchtet haben: Man werde von allen Demonstranten die Personalien aufnehmen, es drohe eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch. Darum dürfe erstmal keiner raus.

Die Demonstranten werden zunehmend nervös, manche telefonieren mit Anwälten, andere suchen die Toiletten. Einzeln führen Polizisten die Demonstranten nach draußen. "Wir waren doch alle nur hier, um ein Konto zu eröffnen", witzelt ein Student. Es nützt nichts, auch seinen Namen tragen die Beamten auf ihren Zetteln ein.

Als alle Aktivisten wieder draußen sind, wird klar, dass sie es in der Bank vielleicht besser hatten als manche Demonstranten vor der Tür. Vor einer Zweigstelle der Deutschen Bank unweit der Tauentzienstraße griff die Polizei nach Berichten von SPIEGEL-TV-Reportern zum Pfefferspray, um Demonstranten abzuwehren, die versuchten, sich in die Filiale zu drängen.

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