Bachelor-Berufsstarter Gut für die Wirtschaft, schlecht für die Wissenschaft

Schneller, härter, praxisnäher: Das Studium an deutschen Unis wird gnadenlos auf Effizienz getrimmt - vor allem auf Wunsch der Wirtschaft. Doch auf dem Arbeitsmarkt kämpfen die Bachelor-Absolventen mit Anpassungsproblemen. Zwölf Berufsstarter berichten von ihren Erfahrungen.

In der Internet-Selbstentblößungsbörse StudiVZ haben noch die Spötter die Überhand: "Nichts gegen Bachelor, jeder Akademiker sollte sich einen halten", lästert ein Teilnehmer über seine Turbo-Kommilitonen. Andere Diskussionsgruppen nennen sich "Ob Bachelor oder Master, es ist alles ein Desaster" und "Ich bremse auch für Bachelor". Oder, als Seitenhieb auf die zumeist englische Betitelung der neuen Studiengänge: "Bachelor of Brunch".

Doch häufig sind in der sozialen Online-Kontaktbörse auch ganze Erstsemester-Jahrgänge vernetzt: Sie erinnern sich an die nun regelmäßig dräuenden Prüfungstermine, diskutieren die neuen Pflicht-Lehrpläne oder tauschen Tipps darüber aus, wie die neuartigen Abschlüsse am besten in der eigenen Bewerbungsmappe verkauft werden.

Kein Zweifel: Die neuen Abschlüsse Bachelor und Master sind nun auch im Alltag der deutschen Studenten angekommen. Was die europäischen Bildungsminister im Jahr 1999 in der oberitalienischen Stadt Bologna beschlossen haben, bleibt nicht länger abstrakte Bildungspolitik: Immer mehr angehende Akademiker lernen nach dem verdichteten Modell, Diplom und Magister werden bald Vergangenheit sein.

Rund 70 Prozent aller deutschen Hochschulen in Deutschland haben das gestufte Studiensystem eingeführt. Und anders als europäische Nachbarländer fertigten die Deutschen aus der Selbstverpflichtung der europäischen Bildungsminister ein besonders enges Korsett: Die Curricula bis zum ersten Abschluss, dem Bachelor, sind hierzulande meist auf sechs Semester, drei Jahre, angelegt.

Zeit- und Leistungsdruck an der Alma Mater 2.0

Schneller, jünger, praxisnäher: Die Reform der Abschlüsse ist Teil eines groß angelegten Feldversuchs. Der akademische Elfenbeinturm und die ruhige Studierstube wurden zum Auslaufmodell erklärt, an der Alma Mater 2.0 regieren Zeit- und Leistungsdruck. Der Mythos vom faulen Studenten muss wohl endgültig beerdigt werden. Statt einmal gründlich aufs Examen zu büffeln, fließen nun die Studienleistungen vom ersten Semester an in die Endnote ein. Die Anzahl der Pflichtveranstaltungen und Prüfungen ist drastisch gestiegen, viele Studiosi kommen auf eine 40- bis 50-Stunden-Woche.

Wurden die deutschen Hochschulen bis vor einigen Jahren noch vorwiegend als Ort der intellektuellen Einkehr und Selbstfindung begriffen, sollen sie nun dem globalisierten Arbeitsmarkt den benötigten Nachwuchs liefern - und zwar bitte möglichst maßgeschneidert. Jung, smart, flexibel, formbar, so wünschen sich Personalchefs den Absolventen der Zukunft.

Der Kreis der Deutschen, die sich "Bachelor" nennen dürfen, ist derzeit noch vergleichsweise klein: Knapp 35.000 waren es bis zum Jahr 2006, vorwiegend aus Pionier-Studiengänge, die schon früh auf die neuen Abschlüsse umgestellt hatten. Doch die Zahl der Bachelors wird rasch steigen: Bis 2010 soll die Umbenennung abgeschlossen sein, selbst die allerletzten Bastionen der Tradition wanken. Noch in diesem Jahr wird auf Konferenzen diskutiert werden, wie auch in den Staatsexamensfächern Jura und Medizin gestufte Abschlüsse installiert werden können.

"Bachelor Welcome", unter diesem Slogan werben Unternehmen für die neuen Abschlüsse. Doch ob die neuen Abschlüsse sich in der Praxis wirklich bewähren, ist noch unklar. Laut einer Erhebung des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln hat erst eine Minderheit der Unternehmen Erfahrungen mit Bachelor-Absolventen.

Berufsstarter machen gemischte Erfahrungen

Die Vorhut der Neu-Absolventen berichtet jedenfalls von gemischten Erfahrungen: "Ich bin der einzige Bachelor im Kollegenkreis. Viele Personalverantwortliche kennen nur den Diplom-Ingenieur und betrachten den neuen Abschluss mit Misstrauen", erzählt etwa der Chemie-Ingenieur Markus Wagner, 30. "Der Bachelor öffnet weder Tor und Tür, noch verbaut er irgendetwas", meint der Informatiker Thomas Willgerodt, 26.

Gegen Schmalspur-Vorwürfe sichern sich viele Bachelors auf ihre Weise ab: Sie absolvieren ein zusätzliches Master-Studium - an der Gleichwertigkeit dieses Abschluss zu den alten Diplomen zweifelt kaum jemand. "Für den späteren Berufsweg kann ein Master von Vorteil sein", sagt der Pädagoge Andreas Bierod, der neben seinem Job bei der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg Master-Kurse besucht.

Dass die eigene Karriere nicht geradlinig verlaufen wird und eventuell ein weiteres Intermezzo an der Uni einschließt, hat die neue Generation der Absolventen schon verinnerlicht: "Ein zusätzlicher Abschluss lässt sich auch nach einigen Jahren noch draufsatteln", sagt etwa die Buchhändlerin Miriam Driever, 26, die einen Bachelor-Abschluss in Spanisch und Geschichte hat.

Solchen Pragmatismus haben die BA-Berufseinsteiger schon im Studium gelernt - dort waren sie die Versuchskaninchen. Sie sei froh, jung in den Beruf eingestiegen zu sein, sagt Absolventin Jeanette Murschall, Mitarbeiterin bei einer Privatbank in München. "So bleibt mir viel Zeit für Veränderung."

Berufsstart mit dem Bachelor - hier erzählen zwölf Absolventen, welche Erfahrungen sie gemacht haben:

Andreas Bierod: "Als Bachelor gleichberechtigt"

"Ich habe mich bereits neben dem Studium in der katholischen Jugendarbeit engagiert, dort Seminare gehalten und Bildungsveranstaltungen organisiert. Darauf konnte ich beim Berufseinstieg setzen.

Ich arbeite hier als Bachelor gleichberechtigt mit Diplom-Pädagogen oder Magister-Absolventen. Neben dem Beruf besuche ich aber weiterhin Veranstaltungen des Master-Studiums. Für den späteren Berufsweg kann ein Master von Vorteil sein, etwa, wenn ich mich später einmal für eine Führungsposition bewerben möchte."

Andreas Bierod, 27, hat Pädagogik und Sozialpsychologie an der Universität Bochum studiert und ist Referent der Bundesleitung bei der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg

Franz Christian Ebert: "Im Ausland hat mich niemand schief angeschaut"

"Im Bachelor-Studiengang lernten wir mehrere nationale Rechtsordnungen zu vergleichen, dazu das übergeordnete europäische Recht. Ich glaube, das ist die Zukunft für Juristen, die nicht in den Staatsdienst gehen wollen und sich eine Arbeit im Ausland vorstellen können.

Der Kontakt zu meiner künftigen Arbeitsstelle hat sich während meines Auslandsstudiums in Genf ergeben. Dort hat mich niemand wegen des Abschlusses schief angeschaut, er ist längst etabliert. Das Festklammern der deutschen Juristen-Zunft am Staatsexamen wird nachlassen, je mehr sich die Rechtswissenschaft internationalisiert."

Franz Christian Ebert, 23, hat Europäisches Recht und Rechtsvergleichung an der Hanse Law School studiert, einem Kooperationsstudiengang der Universitäten Bremen und Oldenburg. Der "Bachelor of Laws" steigt als Research Consultant bei der Internationalen Arbeitsorganisation ein, einer Institution der Uno in Genf

Florentine Hötzel: "Mal schauen, was sich ergibt"

"Für den Berufseinstieg als Volontärin reichen drei Jahre Studium völlig aus. Wichtiger war, dass ich nebenbei immer gearbeitet und Praktika gemacht habe. Das gab mir das Gefühl zu wissen, was ich kann und wohin ich wahrscheinlich will. Die berufsvorbereitenden Module an der Uni fand ich dagegen unsinnig: Jemand, der arbeitet oder sich schon beworben hat, kann dort nichts mehr lernen.

Für eine akademische Laufbahn ist der Bachelor definitiv zu kurz. Ich möchte deshalb gerne mein Schwerpunktfach in der Kulturwirtschaft, die Philosophie, weiter vertiefen, vielleicht bis zur Promotion. Meine Arbeit ist zunächst bis Oktober befristet, mal schauen, was sich danach ergibt."

Florentine Hötzel, 26, hat in Duisburg auf BA Kulturwirt studiert. Sie beginnt ein Volontariat bei der Kultur-Ruhr GmbH, die das Kulturfestival Ruhr-Triennale ausrichtet

Markus Sturm: "Viele brechen ab"

"Ich hatte mich wegen des Bachelor-Angebots für Duisburg entschieden und wollte einer der ersten sein, die nach dem neuen Modell studieren. Es eröffnet uns die Möglichkeit, stufenweise die Karriere aufzubauen und einzelne Spezialgebiete im Master gründlich zu vertiefen. Das gibt es so im klassischen Diplom nicht. Dafür ist das Studium sehr komprimiert und anspruchsvoll, viele halten es nicht durch und brechen ab.

Ich hoffe, ich habe ein gutes Geschäftskonzept gefunden, dann wird die Firma einmal meine Vollzeit-Aufgabe sein. Derzeit schreibe ich nebenbei noch meine Master-Arbeit über virtuelle Realität."

Markus Sturm, 23, hat Wirtschaftsingenieurwesen in Duisburg studiert und betreibt eine Beratungsfirma für Produktentwicklung und Produktvermarktung

Miriam Driever: "Für Geisteswissenschaftler hat sich nichts geändert"

"An der grundsätzlich schwierigen Arbeitsmarktsituation für Geisteswissenschaftler hat sich auch mit dem Bachelor nicht viel geändert. Es gab praktisch keine Stellenausschreibungen für meine Fächer. Viele Geisteswissenschaftler müssen sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten.

Ich würde deshalb bei der Wahl des Faches wahrscheinlich anders entscheiden, nicht aber beim Abschluss. Der Bachelor ist gut für Absolventen, die nicht in der Wissenschaft bleiben wollen. Sie haben dann wenigstens schnell einen Abschluss und können sich etwas suchen. Ein zusätzlicher Abschluss lässt sich auch nach einigen Jahren im Beruf draufsatteln."

Miriam Driever, 26, hat Geschichte und Spanisch in Düsseldorf studiert. Sie arbeitet als Buchhändlerin mit Schwerpunkt Reiseliteratur in Duisburg

Matthias Bieletzki: "Erfahrung bekommt man im Beruf"

"Als Uni-Bachelor bin ich hier noch ein Exot. Meine Stelle ist aber eine volle Einstiegsstelle, da sehe ich keine Abstriche bei Gehalt oder Aufgabe. Gerade bei den Ingenieuren denken viele Kommilitonen, sie hätten nicht genügend Erfahrung für den Berufseinstieg. Aber gerade die bekommt man doch erst durch Arbeitspraxis.

Die Zeit nach dem Bachelor-Abschluss habe ich genutzt, um ein Praktikum von zehn Monaten in den USA zu absolvieren. Ich wäre schon gerne während des Studiums ins Ausland gegangen, aber dazu war das Programm zu straff. Berufsbegleitend mache ich noch meinen Master."

Matthias Bieletzki, 26, hat Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Duisburg-Essen studiert und ist Projektingenieur für Turbinen im Vertrieb von Siemens in Essen

Markus Wagner: "Das Baby ist nur anders genannt worden"

"Ich bin der einzige Bachelor im Kollegenkreis. Viele Personalverantwortliche kennen nur den Diplom-Ingenieur und betrachten den neuen Abschluss mit Misstrauen. Mein Vorgesetzter hat aber selbst in Paderborn studiert und weiß, welche Inhalte dort vermittelt werden.

Das Baby ist ja nur anders genannt worden: Die Regelstudienzeit ist zwar geringer, wir haben aber dennoch den gleichen Stoff durchgepaukt wie die Diplom-Studenten. Deshalb bin ich auch auf diesem Niveau eingestellt worden."

Markus Wagner, 30, hat in Paderborn Chemical Engineering studiert und arbeitet in der Entwicklung von Industrielacken bei einer mittelständischen Firma in Weilburg

Moritz Delbrück: "Der klassische Tunnelblick wäre mir zu eng"

"Der Bachelor war für mich die Chance, einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss zu bekommen, der zugleich viele Möglichkeiten offen lässt. Deshalb habe ich auch ein sehr generalistisches Fach gewählt. Der klassische BWL-Tunnelblick wäre mir zu eng gewesen.

Ich kann in der Wirtschaft arbeiten wie jetzt gerade, aber auch in der Politik oder bei Nichtregierungsorganisationen. Nach zwei, drei Jahren im Job will ich wieder studieren und noch einen Master of Business Administration und eine Promotion draufsatteln."

Moritz Delbrück, 29, hat an der Universität Bayreuth Philosophy & Economics studiert und arbeitet bei der Unternehmensberatung MSR Consulting in Köln

Thomas Willgerodt: "Der Bachelor verbaut nichts"

"Entscheidend für meine Einstellung war das richtige Studienfach. Ob ich das mit einem Bachelor of Science abschließe oder mit einem anderen Titel, war für meinen Arbeitgeber nebensächlich.

Der Bachelor öffnet weder Tor und Tür, noch verbaut er irgendetwas. Das Studium vermittelt Basiswissen, ob ich irgendwo Spezialist werde, hängt dann vom persönlichen Interesse ab. Ich hatte hier ein Praktikum gemacht und bekam dann gegen Studienende auch gleich das Jobangebot."

Thomas Willgerodt, 26, hat in Wuppertal Informationstechnik studiert und arbeitet in der Entwicklung eines Lautsprecher-Herstellers in der Nähe von Solingen

Eva Maria Walle: "Zweifel bekomme ich von anderen zu hören"

"Ich habe meine Bachelor-Arbeit für die Firma Weleda geschrieben. Diese Arbeit kam gut an, und ich bekam eine halbe Forschungsstelle, so dass ich nebenbei meinen Master machen konnte. Die Master-Abschlussarbeit ist noch nicht ganz fertig. In der Zwischenzeit wurde meine jetzige Stelle frei.

Ich betreue weltweit Pflanzenanbau-Projekte, von denen meine Firma ihre Rohstoffe bezieht. Das ist eine wissenschaftlich vielseitige Arbeit, die mir viel Freude macht. Zweifel an der fachlichen Befähigung des Bachelor-Abschlusses habe ich selber nicht, sondern bekam sie nur auf Fachtagungen von anderen Studenten zu hören."

Eva-Maria Walle, 29, hat Agrarwissenschaften in Hohenheim studiert. Sie ist Expertin für Heilpflanzen-Anbau bei der Firma Weleda in Schwäbisch Gmünd

Nuria Kürten: "Es ist schwer, Fuß zu fassen"

"Ich habe meinen Studiengang gewählt, weil er interdisziplinär aufgebaut und international ausgerichtet sowie innerhalb von drei Jahren zu einem deutsch-französischen Doppelabschluss führt. Der Bachelor ist eine sinnvolle Sache. Es ist aber schwer, damit Fuß zu fassen.

In Deutschland ist noch zu wenig bekannt, dass jemand auch mit 23 ein abgeschlossenes Studium haben kann, dazu Auslandserfahrung und Praktika. Ich empfehle Bachelor-Absolventen, vor dem weiterführendem Studium berufliche Erfahrungen zu sammeln. Für mich war dies die beste Entscheidung. Ich weiß jetzt relativ genau, wohin ich möchte."

Nuria Kürten, 24, hat Deutsch-Französische Studien in Regensburg und Clermont-Ferrand studiert und macht ein einjähriges Praktikum in der Marketingabteilung der BMW-Niederlassung Stuttgart

Jeanette Murschall: "Bei deutschen Firmen ist man skeptisch"

"Ich glaube, dass der Bachelor bei internationalen Arbeitgebern besser akzeptiert ist als bei deutsch geprägten Firmen. Dort ist man eher skeptisch gegenüber Bachelor-Absolventen. Viele können sich unter einem Bachelor nichts Konkretes vorstellen und sind nicht ausreichend über die neuen Studiengänge informiert. Daher werden dann lieber Hochschulabsolventen mit einem klassischen Diplom oder Magisterabschluß eingestellt.

Ich selbst bin froh, ein Studium mit international geltendem Abschluss gemacht zu haben. So konnte ich früh ins Berufsleben einsteigen, und mir bleibt viel Raum für Veränderung."

Jeanette Murschall, 25, hat Deutsch-Französische Studien in Regensburg studiert und arbeitet als Vertriebsassistentin bei der Privatbank Sarasin in München

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