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26. Juni 2009, 08:35 Uhr

Bachelor-Zwischenruf

Die Konfettirisierung von Forschung und Lehre

Studenten rebellieren gegen Bachelor-Studiengänge, unter Professoren rumort es ebenfalls. Jörn-Axel Meyer sieht starke Zersplitterungs-Tendenzen: Das Studium werde zur reinen Punktejagd und auch die Forschung immer kleinteiliger, kritisiert der Berliner Wissenschaftler im Gastbeitrag.

Bereits 1994 titulierte der Saarbrückener Wirtschaftswissenschaftler Bruno Tietz die Entwicklung der deutschen Forschung mit dem Begriff "Konfettirisierung" - und brachte so die versammelten Kollegen zum Lachen. Doch so zum Lachen ist dieser Vergleich mit den Schnipseln, die bei freudigen Gelegenheiten in die Luft geworfen werden, nun nicht. Der Begriff scheint gut geeignet, um das zu beschreiben, was wir in der Deutschen Hochschullandschaft erleben, und zwar sowohl in der Lehre als auch in der Forschung.

Da ist zunächst die Lehre, in deren Mittelpunkt die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge stehen. Sie entstanden in der Folge der Beschlüsse der europäischen Kultusminister 1999 in Bologna und wurden auf Folgetagungen in den Jahren danach konkretisiert. Generelles Ziel war die Harmonisierung des europäischen Hochschulwesens. Die neuen Studiengänge sollen nicht nur international besser vergleichbar und "kompatibel" sein, sie sollen auch effizienteres, kürzeres und frühzeitig berufsqualifizierendes Studieren ermöglichen sowie mehr Mobilität zwischen den Hochschulen fördern.

Wissen heißt noch nicht Denken

Die Umsetzung hat in Deutschland viel Kritik hervorgerufen. Die erhofften Wirkungen auf die Vergleichbarkeit, Mobilität und kurze Studiendauer scheinen, so zeigen jüngere Studien, nur rudimentär oder gar nicht eingetreten. Die neu entstandenen Bachelor- oder Master-Studiengänge zeigen doch ein deutlich anderes Lehrkonzept als die bisherigen Studiengänge zum Vordiplom und Diplom. Auch wenn das Lernen vielleicht nicht effizienter wurde, das Lehren wurde es. Und zu welchem Preis?

Viele der neuen Studiengänge charakterisieren sich durch die schlichte Aneinanderreihung von - zum Teil ambitioniert bezeichneten - Kursen. In Deutschland akkreditiert wurden zumeist Studiengänge, die aus einer Folge von Einzelveranstaltungen bestehen. Jeder dieser Kurse wird von einem Dozenten bestritten, ansonsten sind sie nicht weiter aufeinander abgestimmt.

Die Dozenten - vielfach nicht oder gering abgefunden und vielmehr von der Hoffnung auf akademische Lehrtitel motiviert - kennen sich untereinander nicht einmal und wissen nicht, was in anderen Kursen gelehrt wird. Den Studierenden ist es sodann überlassen, aus dem Mosaik ein geschlossenes Curriculum herauszulesen. So bleibt regelmäßig der Eindruck eines Haufens von Lehr-Konfetti übrig.

Aufwendige Lehrapparate, ja sogar dauerhaft besetzte Lehrstühle sind prinzipiell für solche Studiengänge nicht notwendig. Und das wird gern bei denjenigen gesehen, die mit geringen Lehrkosten möglichst hohe Studiengebühren am Markt und so kommerziellen Erfolg erzielen oder einfach nur Budgetlücken vermeiden wollen.

Aus Wissen wird Kleinkram

Diese Zerstückelung und Kleinteiligkeit lässt aus Wissen Kleinkram werden. Sie animiert die Studierenden, Wissenserwerb als "abzuhakendes" Punktesammeln zu verstehen. Wurden noch vor 20 Jahren die Studierenden im gesamten Fachgebiet geprüft, so wird heute fast durchgängig nur noch aus einem vorher benannten Teilausschnitt des Stoffes abgefragt.

Aber dies steht im krassen Gegensatz zu den sich verändernden Anforderungen unserer Gesellschaft, die ein zunehmend ganzheitliches Verständnis unserer Welt verlangt - weniger ein "Wissen" als vielmehr ein "Denken" in Zusammenhängen, Analogien und Kausalitäten.

Dass es auch anders geht, zeigt das vermeintliche Vorbild USA, wo viele Bachelor-Studiengänge auf die Vermittlung von Denk- und Urteilsfähigkeit, das Erkennen von Zusammenhängen ausgerichtet sind. In Deutschland wurde zwar die Bezeichnung, nicht aber diese Grundphilosophie übernommen.

Dabei sind die Voraussetzungen bei den Lehrenden in Deutschland - noch - gut: Wenn Lehrstuhlinhaber souverän ein Fachgebiet vertreten dürfen, können sie die Studierenden von ihrem ersten bis zum letzten Tag in der Hochschule begleiten und ihnen einen sinnvollen Bogen durch ihr Fachgebiet als Ganzes vermitteln, ein geschlossenes Bild der Inhalte und Denkweisen. Diese Stärke des deutschen Hochschulsystems geht aber mit den neuen Studiengängen zu oft verloren. Und es scheint, dass der ganzheitlich denkende Hochschullehrer zunehmend durch den sehr spezialisierten Professor abgelöst wird, mithin die Konfettirisierung bereits bei der Person des Forschers und Lehrers beginnt.

Ein Indikator für diese These lässt sich aus den sich ändernden Berufungsverfahren lesen. Gutachter für Berufungen schielen - außer auf das etwas profane Kriterium der Drittmitteleinwerbung - nunmehr fast ausschließlich auf die Publikation begutachteter Beiträge der Kandidaten in Fachzeitschriften, möglichst in "gerateten A- oder B- Journals" (wobei A und B die besten Ratings sind). Monographien und Lehrbücher werden fast nicht mehr berücksichtigt.

Forscher konzentrieren sich zunehmend auf enge Fachgebiete

Zwar ist es zu begrüßen, wenn die Qualität der Publikation über den Rang des publizierenden Mediums bemessen wird; gleichwohl verleitet es die Forscher dazu, sich mit hoch spezialisierten, aber anerkannten Einzelbeiträgen ("Papers") wissenschaftlich zu profilieren. Bücher hingegen, als mögliche Verkörperung einer eher ganzheitlichen und besonders einer umfassenden Sicht, bleiben dabei auf der Strecke - nicht zuletzt, weil diese auch selten einer Begutachtung durch Dritte unterliegen.

Ein zweiter Indikator findet sich bei den Habilitationen, die vielen Nachwuchswissenschaftler trotz der Einführung der Junior-Professur immer noch anstreben: Während es noch vor einem Jahrzehnt ein Makel war, statt einer geschlossenen Monographie (breit angelegt und dennoch in einem Teil spezialisiert) mit einer Reihe von Einzelbeiträgen (also "kumulativ") zu habilitieren, so ist dies heute nahezu Standard.

Werden umfassende Schriften nun nicht mehr bei der Bewertung der Kandidaten für Professuren zugunsten tendenziell hoch spezialisierter Einzelbeiträge beachtet, so wird den Forschern und damit auch den späteren Lehrern der Anreiz gegeben, sich mehr auf ein enges Gebiet zu konzentrierten, als dann den Versuch zu unternehmen, auch mal einen grundsätzlicheren und umfassenderen Bogen zu schlagen.

Aber gerade diese Fähigkeit sollten sich unsere Professoren trotz der Spezialexpertise erhalten. Denn wer nicht den großen Bogen schlagen kann, der kann ihn auch nicht vermitteln. Kleinteiligkeit in der Forschung lässt auch eine Kleinteiligkeit in der Lehre erwarten.

Falsch verstandene Berufsqualifizierung

Aber das - falsch verstandene - Vorbild aus den USA scheint doch zu reizvoll. Dort finden sich viele selbständig Lehrende, allesamt mit Professoren-Titel ausgestattet, aber auf doch sehr unterschiedlichen Qualifikationsniveaus. Neben den Full Professors, die den Lehrstuhlinhabern deutscher Universitäten am ehesten entsprechen, gibt es eine größere Zahl von Assistant und Associate Professors. Es sind in der Regel Einzelkämpfer ohne Assistenten, die im System der Professorenschaft noch aufsteigen können und wollen (Tenure Track). Sie sind oft extrem spezialisiert und finden mitunter nur noch mit einer Handvoll Kollegen auf der Welt, die ihr Gebiet teilen.

Allein durch diese Spezialisierung besteht die Tendenz, sich primär mit sehr spezifischen Journal-Beiträgen wissenschaftlich zu profilieren. Es fällt auf, dass jene Wissenschaftler, die umfassende und beachtete Monographien oder Lehrbücher publizieren, primär Full Professors mit einer ganzheitlichen Distanz zur Materie sind.

So verwundert es auch nicht, dass sich in den USA sich ein Prinzip auch in den Berufungskriterien wiedererkennen lässt: je höher der Rang der Qualifizierung (von Assistant zu Associate zu Full Professor), desto generalistischer der Professor. Dieses Prinzip haben wir bislang in Deutschland in gleicher Weise bei der Entwicklung vom wissenschaftlichen Mitarbeiter über den Hochschulassistenten zum FH- oder Universitätsprofessor beachtet. Nun aber neigen wir in Deutschland dazu, ein und dieselben Kriterien für den jungen Nachwuchs wie auch für die Besetzung der (eigentlich gereiften) Lehrstuhlinhaber anzuwenden - und somit die Kleinteiligkeit in der Ausrichtung der Professoren und damit der Forschung zu fördern.

Das deutsche Hochschulsystem täte gut daran, wenn es seine Stärken behält, nicht nur in der Forschung, auch in der Lehre. Während wir heute eine Hinwendung in der US-amerikanischen Lehre hin zu mehr education of the mind erkennen können, laufen wir in Deutschland im Streben nach einer falsch verstandenen, spezifischen Berufsqualifizierung zur Kleinteiligkeit in der Lehre wieder hinterher. Wie schnell indes sich zeitgeistbestimmte Philosophien und Vorbilder als Irrweg herausstellen und ändern können, das macht uns gerade die Finanzwelt vor.

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