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05. Juni 2009, 12:29 Uhr

Bachelor-Zwischenruf

Die Module spielen verrückt

Sind Bachelor und Master totaler Murks? Der Kernphysiker Joachim Enders hat das Anti-Bologna-Genörgel der Kollegen satt und kontert: Es sind doch die Professoren selbst, die Studienordnungen gestalten. Sie könnten die Rumpel-Reform klüger umsetzen - wenn sie nur wollten. Eine Gegenrede.

Da haben es uns die ewigen Bologna-Nörgler, allen voran der Kollege Marius Reiser, mal wieder richtig gezeigt: Bachelor und Master sind Murks. Außerdem ist die Welt schlecht, und wir alle sind ohnmächtig den Klauen der Bürokratie und den Apparatschiks ausgeliefert, die uns dazu zwingen, unseren letzten Funken Kreativität aufzuopfern auf dem Altar der totalen Formalisierung des modernen Studiums und der Qualitätsentwicklung. Der Kollege Reiser will deshalb sogar seinen Job hinwerfen, so satt hat er die Gängelung durch die Hochschulbürokraten. Chapeau.

Joachim Enders, 38, ist Professor für Kernphysik an der TU Darmstadt
Joachim Enders

Joachim Enders, 38, ist Professor für Kernphysik an der TU Darmstadt

Aber vielleicht ist es ja doch nicht ganz so: Ich gebe zu, dass vieles verbesserungsfähig ist an der deutschen Umsetzung des Bologna-Prozesses und dass wir es wirklich mit einer Bürokratisierung der Hochschulen zu tun haben. Aber eines dürfen wir nicht vergessen: Insbesondere die Professoren deutscher Hochschulen können hier sehr viel selbst mitgestalten - oder besser: könnten.

Leider lassen oft gerade diejenigen Hochschullehrer das Engagement in der Gestaltung vermissen, die den ganzen Prozess von vornherein als "Murks" verwerfen. Manche der in Forschung und Lehre stärksten Hochschullehrer haben "Besseres zu tun", als sich an der Studienplangestaltung die Finger schmutzig zu machen.

Überall in den Gremien sitzen Professoren

Man kann freilich trefflich darüber philosophieren, welches Geistes Kind die Bologna-Reformen sind und wie stark sie von wirtschaftlichen und industriellen Prozessen, gar von neoliberalem Gedankengut geprägt sind - aber letztlich kann man Bachelor-Master-Studiengänge selbst gestalten. So könnte im Rahmen der Hochschulselbstverwaltung jeder Professor Einfluss auf die reale Umsetzung des Bologna-Prozesses im eigenen Fach und an der eigenen Hochschule nehmen.

Wir brauchen hier auch nicht darüber zu diskutieren, dass der Bachelor in vielen Fächern nur der Weg und nicht das Ziel sein kann. Es schadet nicht, das der Politik ruhig immer wieder zu erklären. Dazu gehört auch, dass Universitäten und Fachhochschulen auch nach Bologna durchaus unterschiedliche Profile haben dürfen.

Die Universitätspräsidien sind von den Vertretern aller Gruppen an den Hochschulen gewählt, sie arbeiten mit Gremien an der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, in denen wiederum Professoren sitzen. Last but not least sind die Gutachtergruppen der Akkreditierungsagenturen ebenfalls mit Professoren und Studenten der betroffenen Fächer besetzt. Bedenklich ist, dass die Professoren sich von den Formalismen, die ihnen von Politik und Akkreditierungsausschüssen vorformuliert werden, gelegentlich wohl zu sehr gefangen nehmen lassen.

Wir sind nicht dazu gezwungen, über jedes noch so kleine Modul eine mehrstündige Klausur schreiben zu lassen. Hausaufgaben, aktive Mitarbeit, Redebeiträge können auch geeignete Prüfungsformen sein. Manche Hochschulleitungen erlauben das. Nicht jede Hausaufgabe, nicht jedes Praktikum, nicht jede Vorlesung muss direkt in die Endnote eingehen.

Niemand zwingt uns zu Daumenschrauben

Man kann attraktive Wahlpflichtbereiche schaffen, die den Studenten eigenverantwortliches und doch strukturiertes Studieren ermöglichen. Oft sind auch die Studienordnungen so beschaffen, dass alle Details genauestens geregelt sind. Das führt zu dramatisch kurzen Halbwertszeiten dieser Ordnungen.

Wer sitzt an den Kontaktstellen für Auslandsaufenthalte? Hochschullehrer und Hochschulmitarbeiter. Mit einer Reihe üblicher Partneruniversitäten kann leicht ein akzeptabler Plan ausgearbeitet werden, an dem sich die Studenten bei einem Auslandssemester orientieren können.

Das setzt natürlich voraus, dass die Prüfungskommissionen nicht alles überreglementieren und nicht jedes Unterkapitel des heimischen Vorlesungsskripte von den Auslandsstudenten einfordern. Zu solchen Daumenschrauben für auslandswillige Studenten zwingt uns niemand.

Wenn man von den Studenten erwartet, dass sie in den neuen Studiengängen nicht nur "Credits zählen", dann sollten das die Gremien auch nicht tun. Oft geben sich Hochschulen auch restriktive Regeln zur Anerkennung fremder Leistungen, wie etwa bei einem Hochschulwechsel. Diese kann man getrost wieder abschaffen oder, so noch nicht geschehen, gar nicht erst einführen.

Anpacken, nicht jammern

Im Zuge der Bologna-Reformen ist auch viel von Qualitätssicherung die Rede. Dass so etwas erforderlich sind, hat die Vergangenheit häufig genug gezeigt. Ein Studiengang, der nicht genügend Kapazitäten für Praktika vorhält, gehört nicht akkreditiert, weil er erfolgreiche Studenten ausbremst. Seminare mit mehreren hundert Teilnehmern sind unzumutbar.

Die Qualitätssicherung ist also nötig, darf aber auf keinen Fall, auch nicht indirekt, zu Lasten der Ausstattung der Fächer und Fakultäten gehen, denn sonst leidet die Qualität. Die Hochschulpräsidien und die beteiligten Gremien müssen also mit Augenmaß handeln. Das heißt, dass man den Personen, die in Universität und Akkreditierung übertrieben auf Formalisierung, Dokumentation und Qualitätssicherung hinwirken, auch klar widersprechen muss - nicht mit einer grundsätzlichen Verweigerungshaltung und der engstirnigen Weltsicht, dass sowieso alles Murks ist, sondern mit Argumenten, Visionen und guten Gegenbeispielen.

Also: Es ist noch viel faul im Staate Bologna deutscher Nation, aber diese Probleme sind auch hausgemacht. Wir können auf einen Teil des Prozesses Einfluss ausüben - wenn man dafür zweifelsohne auch ein bisschen Arbeit aufwenden muss. Jammern wir also nicht mehr, sondern packen wir's an.

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