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24. August 2015, 10:37 Uhr

Bachelor-Arbeit

"Das Schlimmste ist das streberhafte Tippen der anderen"

Die letzten Wochen einer Abschlussarbeit können quälend sein. Tabea Mußgnug berichtet von eiskalten Bibliotheken im Sommer, tiefenentspannten Copyshop-Mitarbeitern - und dem schlimmsten Fehler überhaupt.

Warum sagen eigentlich so viele Leute Thesis statt Bachelorarbeit? Bin ich die Einzige, die das Wort Thesis irgendwie ein bisschen affig findet für eine Vierzig-Seiten-Arbeit, also quasi zwei Hauptseminararbeiten aneinandergehängt? Hat man früher auch Magisterthesis gesagt? Ich glaube nicht.

Leider schrieb ich im Sommersemester. Ich möchte hier allen Erstsemestern oder zumindest allen, die noch nicht ganz kurz vorm Bachelorthema-Anmelden sind, den heißen Tipp geben, lieber ein Semester länger zu studieren (zumindest, falls sie im Wintersemester angefangen haben). Denn dann fallen Bachelorarbeitsmühen und Sommer nicht so ungünstig zusammen.

Ich saß jedenfalls zehn Wochen sehr missmutig in diversen Institutsbibliotheken und sah draußen unverhältnismäßig viele braungebrannte, schöne junge Menschen in Espadrilles und schwingenden Röckchen vorbeilaufen, lachend und glücklich, während ich im überklimatisierten Lesesaal fröstelnd die Strickjacke enger um meinen madig-weißen Leib zog.

Eines ist aber egal, ob Sommer oder Winter: Irgendjemand direkt neben dir schnieft immer, entweder wegen der Grippewelle oder wegen der Hasel-Allergie. Ich finde, dass in dem Moment, in dem man ohne Idee und ohne Motivation vor seinem Laptop sitzt und außer den Formatierungen der Seitenränder seit zwei Stunden noch überhaupt nichts gemacht hat, das irgendwie die Arbeit vorangetrieben hätte, alle Geräusche um einen herum plötzlich zu einem nervtötenden Crescendo anschwellen voller lauter Buchblätterei, Schniefen, überlastet-brummenden Laptoplüftungen, pseudogeflüsterten Gesprächen, zischend geöffneten 1,5-Liter-Mineralwasserflaschen "classic" und nervösem Kugelschreiberklicken. Ich schwöre: Manche schreiben sogar unverschämt laut auf Papier.

Drei Tage Pause sind wohl okay, oder?

Schlimmer als all diese Geräusche finde ich persönlich aber das, was ich streberhaftes Tippen nenne. Dieses selbstzufriedene, schnelle Tippen, das allen sagt: "Hört her, ihr Loser, hier sitze ich und schreibe in Sekundenschnelle eine Seite … uuuuuuund wieder eine Seite von meiner hervorragenden Arbeit, die mühelos den Fachpreis in Wirtschaftsmathe UND Ethnologie gewinnen wird und die mir obendrein Spaß macht. P.S.: Ich habe ein Semester übersprungen."

Am Anfang ging es jedenfalls mit meiner Bachelorarbeit gut voran, denn das ist auch die Phase, in der man nette Dinge tut: Erst mal ein bisschen rumlesen, so querbeet, und was man eben so interessant findet. Gedankenverlorene Mindmaps auf jungfräuliche Blockseiten zeichnen und allen erzählen, dass man eigentlich schon recht weit ist. Das erzählt man vor allem deswegen, weil man es auch wirklich selbst glaubt.

Dann kommt die Phase, die irgendwie nicht mehr so federleicht ist, aber trotzdem noch okay. Ein bisschen anfangen zu schreiben. Muss ja noch nicht perfekt sein, Hauptsache, es steht schon mal was da. Da kann man ja später noch mal drübergehen, und außerdem: Es sind ja noch sechs Wochen, eine Ewigkeit. Das ist die Zeit der gelb markierten Textstellen und in Klammern gesetzten Großbuchstaben-Anweisungen wie (HIER NOCH WEITERSCHREIBEN) oder (NOCH MAL NACHGUCKEN). Ich schreibe manchmal sogar (BITTE NOCH MAL NACHGUCKEN), bin also sehr höflich zu mir selbst. Ein, zwei, drei Tage Pause dazwischen wird man sich ja wohl auch noch gönnen dürfen.

Tja, und dann hat man plötzlich nur noch eine Woche, weiß nicht mehr genau, wo das eigentlich stand, was man da BITTE NOCH MAL NACHGUCKEN wollte, gleichzeitig ist die Motivation, es herauszufinden, sehr gering, und überhaupt will man den ganzen Text am liebsten nicht mehr sehen.

Zum Schluss steht man im Copyshop und fleht den Dreadstragenden und wesentlich zu entspannten Mitarbeiter an, die Arbeit in fünf Minuten zu drucken und zu binden. Mit cremefarbenem Einband, den man sofort wieder bereut, nachdem man die Arbeiten hektisch in einer Tasche voller Krimskrams ins Prüfungsamt gezerrt hat und beim Auspacken schon merkt, dass vorne drauf jetzt ein paar seltsame graue Flecken sind.

Ich habe, das muss ich ohne jeden Stolz sagen, den Creme-Fehler tatsächlich sowohl beim Bachelor als auch beim Master gemacht, und deswegen jetzt zwei Arbeiten im Regal stehen, die aussehen, als hätte ich sie auf dem Flohmarkt gekauft.

Immerhin war ich allerdings nie so knapp dran mit dem Abgeben, dass es nicht wenigstens noch dafür gereicht hätte, mein Werk diversen netten Menschen zu schicken, die es dann Korrektur lesen mussten und allesamt bis heute auf das ihnen von mir als Lohn versprochene Mittagessen beim Studenten-Inder warten. Einer der schlimmsten Momente beim Schreiben einer Abschlussarbeit ist meines Erachtens der, in dem man dann das Ganze von den ehrenamtlichen Korrekturlesern wieder zurückbekommt.

Man sieht die Mail "Fdw: Daaaaanke schon mal fürs Korrekturlesen <3", und der Mund wird trocken, während man den Anhang öffnet. Da ist er: Der eigene Text, aber man erkennt ihn kaum, vor lauter rot-gelber Word-Kommentar-Funktion. Und man hasst für eine halbe Minute erstens den Korrekturleser und zweitens das ganze Leben. Aber ich will nicht jammern: Immerhin hatte ich wie gesagt immer noch ein bisschen Zeit, um wenigstens die schlimmsten Satzverdreher und die übersehenen (BELEG FEHLT)-Anmerkungen noch vor der Abgabe auszumerzen.

Meine Freundin Sarah nicht. Sie machte den Fehler, ihre in allerletzter Sekunde gedruckte und deswegen genau nullmal korrekturgelesene Bachelorarbeit zum Thema "Kleist und das Motiv des Weltschmerzes" auf dem Weg zum Prüfungsamt noch einmal aufzuschlagen. Auf der ersten Seite fand sie sechs Tippfehler sowie ein (???ACHTUNG, VLLT RAUSLASSEN!). Die restlichen Seiten schaute sie dann lieber gar nicht mehr an.

Auszug aus: Tabea Mußgnug, Nächstes Semester wird alles anders... Zwischen Uni und Leben! Für alle, die denken, sie bräuchten einen Plan, Fischer 2015.

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