Studienfinanzierung Arm, ärmer, Bafög

In diesem Jahr steigt das Bafög - zum Leben reicht es trotzdem oft nicht. Und viele Studierende erhalten keine Förderung, obwohl sie einen Anspruch hätten. Was jungen Menschen in der Ausbildung wirklich helfen würde.

Studentin am Schreibtisch
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Studentin am Schreibtisch

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Sie hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie ein neues Kleidungsstück braucht. Sie kauft nur in günstigen Läden wie New Yorker und Orsay, am besten im Schlussverkauf. Und sie isst oft bei ihrem Freund mit, damit sie nicht so viel Geld für Lebensmittel ausgeben muss. Luxus ist für sie, sich beim Friseur die Haare schneiden zu lassen.

Andrea Siebert erhält 550 Euro Bafög im Monat. Doch das reicht der Studentin kaum zum Leben. Allein für ihr Zimmer im Wohnheim in Konstanz zahlt sie 310 Euro Miete. "Das Bafög kommt absolut nicht an die soziale Realität ran", sagt die 23-Jährige, die Wirtschaftswissenschaften und Soziologie studiert.

Bafög
Was ist Bafög?
Bafög ist die Abkürzung für Bundesausbildungsförderungsgesetz. Mit dieser Förderung, die im Jahr 1971 eingeführt worden ist, soll es jungen Menschen ermöglicht werden, unabhängig von ihrer sozialen und wirtschaftlichen Situation eine Ausbildung zu absolvieren.
Wer bekommt Bafög?
Gefördert werden grundsätzlich junge Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft sowie Ausländerinnen und Ausländer, die eine Bleibeperspektive in Deutschland haben und gesellschaftlich integriert sind. Auszubildende können meist nur gefördert werden, wenn sie die Ausbildung, für die sie Förderung beantragen, vor Vollendung des 30. Lebensjahres, bei Masterstudiengängen vor Vollendung des 35. Lebensjahres, beginnen.
Wie viele Studierende bekommen den Bafög-Höchstsatz?
Im Jahr 2017 wurden von rund 557.000 Studierenden, die Bafög erhielten, rund 229.000 voll gefördert. Die Höhe des Bafögs hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel, ob die Studierenden noch bei ihren Eltern oder in einer WG wohnen, ob sie im Ausland studieren oder in Deutschland, wie viele Geschwister sie haben und wie hoch das eigene Vermögen ist. Zurzeit liegt der Höchstsatz für Studierende, die nicht bei ihren Eltern wohnen, bei 735 Euro. Bis 2020 soll der Höchstsatz auf 850 Euro steigen.
Wie zahlt man das Bafög zurück?
Bafög-Empfänger müssen nicht die gesamte Förderung zurückzahlen, sondern nur einen Teil, da Bafög zur Hälfte als Darlehen und zur Hälfte als Zuschuss gezahlt wird. Für die Rückzahlung haben sie in der Regel 20 Jahre Zeit. Sie können es auf einen Schlag bezahlen oder in Raten. Wer es auf einmal bezahlt, bekommt einen Teil erlassen. Mit der Rückzahlung müssen sie fünf Jahre nach Ende der Bafög-Förderungshöchstdauer beginnen. Maximal müssen 10.000 Euro zurückgezahlt werden.

Das Bafög soll junge Menschen dabei unterstützen, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren und somit ihre Ausbildung an Schulen und Hochschulen zu absolvieren. Zwar soll es in diesem Jahr eine Reform der Förderung geben: Die Bafög-Sätze, das Wohngeld und die Freibeträge werden ab dem Wintersemester zum ersten Mal seit drei Jahren angehoben, jedoch gab es von 2010 bis 2016 überhaupt keine Anpassungen. Der Grünen-Bildungsexperte Kai Gehring warf Union und SPD unlängst vor, das Bafög durch zahlreiche Nullrunden und Nichtstun in ein Allzeittief gestoßen zu haben.

Seit dem Jahr 2012 bekommen zudem immer weniger Studierende Bafög. Hatten damals noch 18 Prozent die Förderung erhalten, waren es laut dem Bundesamt für Statistik im Jahr 2017 nur noch 12 Prozent. Die Studierenden beantragen das Geld nicht, weil sie glauben, keinen Anspruch darauf zu haben, die Eltern zu viel verdienen oder sie befürchten, sich zu verschulden.

Die Bafög-Reform soll den Studierenden diese Angst nun nehmen, denn denjenigen, die den Darlehensanteil des Bafög nicht innerhalb von 20 Jahren tilgen können, soll die Restschuld erlassen werden.

Oliver Kaczmarek, Sprecher für Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion, sagte dem SPIEGEL, die Änderungen zum Bafög gingen in die richtige Richtung. Allerdings weiß er auch, dass das Bafög vielen Studierenden nicht reicht, um ihr Leben zu finanzieren.

"Mit der anstehenden Novelle orientieren wir das Bafög wieder stärker an den Lebenshaltungskosten der Studierenden, und es muss regelmäßig angepasst werden", sagt Kaczmarek.

Wie kann das Bafög gerechter werden?

Auch Hochschulexpertin Christiane Konegen-Grenier vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln hält es für sinnvoll, die Fördersätze des Bafögs an die Lebenshaltungskosten zu koppeln. Dafür müssten Studierende nicht individuell abgefragt werden, man könne sich einfach an den vom Statistischen Bundesamt errechneten Lebenshaltungskosten orientieren.

Konegen-Grenier schlägt drei konkrete Maßnahmen vor, um das Bafög gerechter zu machen.

  • Erstens: Der maximale Anteil, den man zurückzahlen müsse - bislang sind es 10.000 Euro - müsse sich daran orientieren, wie lange jemand studiert. Die Kappungsgrenzen müssten also unterschiedlich hoch sein, je nachdem, ob man einen Bachelor oder einen Master mache.
  • Zweitens: Jedem Studierenden müsste das Kindergeld direkt ausgezahlt werden.
  • Und drittens: Es sollte einen Bundesstudienkredit geben, einen Kredit, der sich aus Kfw-Kredit und Bildungskredit des Bildungsministeriums zusammensetzt - bei dem die Zinsen vom Staat subventioniert werden.

Doch beim Bafög gibt es ein weiteres großes Problem, das durch die Reform nicht gelöst wird. Die Anträge sind zu kompliziert. Wenn mehr Studierende gefördert werden sollen, müsse es auch mehr Beratungsmöglichkeiten geben, sagt Oliver Kaczmarek. Außerdem "sind wir sehr unzufrieden, was die Umsetzung des elektronischen Antrags angeht". Bislang könne der Antrag kaum oder nur sehr umständlich online gestellt werden.

Alle kennen Bafög, nur wenige beantragen es

Andrea Siebert aus Konstanz sagt, sie habe eine Woche gebraucht, um den ersten Antrag auszufüllen. Es gebe viele Anhänge und manchmal habe sie im Gesetz nachschauen müssen, was überhaupt gemeint sei.

Bastian Krautwald will das ändern. Der 22-Jährige hat mit 172 Bafög-Ämtern telefoniert und festgestellt, dass viele Ämter Grundsätze unterschiedlich auslegen und auch unterschiedliche Anforderungen stellen. Einheitlich laufe das nicht ab.

Krautwald hat sich mit seinem Team auch vor verschiedene Berliner Hochschulen gestellt und Studierende gefragt, wie sie ihr Studium finanzieren. Alle kannten zwar Bafög, aber nur wenige hatten es beantragt. Denjenigen, die das machten, fiel es sehr schwer.

Mit zwei Partnern hat Krautwald daher das Start-up deinestudienfinanzierung.de gegründet. Studierende können hier online einen Fragebogen ausfüllen, erfahren in Echtzeit, für welche Finanzierungsmöglichkeiten sie Anspruch haben, und können die einzelnen Anträge dann digital einreichen. Krautwald verspricht, das koste sie nur 30 Minuten Zeit. Ist der Antrag erfolgreich, zahlen die Studierenden eine Gebühr von rund 30 Euro.

"Von zehn Anträgen kann ich nur einen bearbeiten"

Dieter Königsmann sitzt auf der anderen Seite des Schreibtischs. Er arbeitet beim Bafögamt der Uni Göttingen und berät Studierende: "Der überwiegende Anteil der eingereichten Anträge ist unvollständig", sagt er. Königsmann findet auch, dass die Formblätter für Außenstehende oft verwirrend sind und rät daher, die Sprechzeiten des Amtes in Anspruch zu nehmen.

Doch Studierende begehen auch immer wieder andere schlimme Fehler: Sie machen falsche Angaben zu ihrem Vermögen. "Hier ist es in der Vergangenheit oft zu nachträglichen Überprüfungen gekommen, sodass nicht unerhebliche Rückforderungen entstanden sind", sagt Königsmann.

Schwierigkeiten hätten die Antragsteller oft auch mit ihren Eltern. Es gebe nicht wenige Fälle, in denen die Beziehungen zerrüttet seien und sich das Amt mit den Eltern in Verbindung setzen müsse. "Hier kann es dann auch vorkommen, dass dem entsprechenden Elternteil ein Zwangsgeld angedroht wird, wenn sie nicht mitwirken."

Andrea Siebert aus Konstanz hat andere Probleme. Sie kann sich nur über Wasser halten, weil sie neben dem Studium arbeitet. Als Hilfswissenschaftlerin verdient sie an der Uni 200 Euro im Monat.

Ihre Eltern, ein Lkw-Fahrer und eine Servicekraft im Casino, können sie kaum unterstützen. Sie selbst haben nicht studiert, auch deswegen engagiert sich Siebert nun in der Organisation Arbeiterkind.de. Von dem gemeinsamen Einkommen der Eltern von rund 2100 Euro netto im Monat bleibt kaum etwas übrig. "Sie mussten sogar einen Kredit aufnehmen, damit ich Abi machen konnte", sagt Siebert.



insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
Crom 23.01.2019
1.
BaföG soll und kann das Studium nicht 100% finanzieren. Seit jeher gehen Studenten nebenbei arbeiten. Dies ist auch ein wichtiger Teil der studentischen Erfahrung.
meglio 23.01.2019
2. Kindergeld
bekommt Andrea siebert noch zusätzlich Kindergeld ?
ingbuzzer 23.01.2019
3.
Der Oberhammer wird gar nicht erwähnt: Als (nicht EU) Ausländer hat man null Chance auf BAfög. Es sei denn man ist Asylant oder hat einen deutschen Elternteil, Aussiedler etc. Das muss man sich mal vorstellen: Die Leute kommen hierher, zahlen eh schon Unsummen für Visum, Botschaft, Sprachkurse etc. haben es sowieso schwerer wegen der Sprache und dann gibt es konsequent kein BAföG. Im Ergebnis bedeutet dass, das ausschließlich die Kinder von reichen Eltern hier studieren können. Und hierzulande wird sich über Fachkräftemangel beschwert..... Passt alles nicht zusammen.
mkdrsdn 23.01.2019
4. Wichtig auch ...
diesen Beitrag mit dem generischen Bild einer jungen, hübschen Studentin zu illustrieren. Vielleicht das nächste mal noch ein bisschen spärlicher bekleidet, wäre das nicht viel geiler? Oder heben wir die Bikinibilder für Artikel zu 100 Jahre Frauenwahlrecht und Gendergerechtigkeit auf?
aktimel 23.01.2019
5. Wie wärs mal mit arbeiten?!
Ich bin Student, arbeite 60h im Monat bei einem Stundenlohn von 10 Euro. Einige Freunde von mir, machen gar nichts und bekommen das gleiche Geld vom Staat. Das finde ich ziemlich ärgerlich. Meiner Meinung nach gibt es einen großen Prozentsatz an Studiengängen, die außerhalb der Prüfungsphasen kaum zeitintensiv sind. Ein Teil dieser freien Zeit sollte deswegen zum Geld verdienen....
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