Bayerisches Uni-Duell Schlag den Lehner

Ein Sportdozent aus Passau macht den Raab: Matthias Lehner, 33, tritt gegen seine Studenten an - im Sahnesteifschlagen, Bierkistenstapeln, Trampolinhochsprung. Er will zeigen: So unnahbar bin ich als Lehrer gar nicht. Ein Versuch mit viel Spaß und einer Schrecksekunde.

Roman Schilling

Von Christian Hambrecht


Manchmal wirkt Passaus Uni etwas verschlafen, Anfang Dezember aber war sie wie elektrisiert: Denn Sportdozent Matthias Lehner, 33, machte den Raab. Der Student, der ihn in einem Jux-Turnier schlägt, gewinnt 500 Euro und erlangt Uni-weit Ruhm - wer verliert, könnte zum Gespött der Kommilitonen werden.

Stefan Raab hat in den vergangenen Jahren die Samstagabendshow neu erfunden: "Schlag den Raab" begeistert Millionen Zuschauer, die Idee hat er weltweit verkauft. Wenn der Dozent Lehner zum Duell ruft, quillt immerhin die Turnhalle mit 1300 Besuchern über, und einen Live-Stream gibt es auch.

Warum macht einer das? Lehner sagt, das Duell solle Stärken wie Schwächen offenlegen, er möchte "menschlicher und nahbarer erscheinen". Zu Anfang des Wettstreits aber steht Lehner heldengleich in der Mitte der Turnhalle auf einer Bühne, gerahmt von zwei Leinwänden. Der Sportdozent ist in natura klein und gedrungen, ein Kraftpaket. Er trainiert hart, wissen seine Studenten: "Matthias ist brutal gut aufgestellt. Fußball, Basketball, Handball, Turnen, Eishockey, Tischtennis - er kann einfach alles", sagt Niko Schilling, Sportstudent und Organisator des bayerischen Wettstreits "Schlog an Lehner".

Studenten messen sich nach jedem Sportkurs mit Lehner

Lehner hat sich schon oft mit seinen Studenten gemessen: Nach den regulären Sportkursen ist es längst zu einem Ritual geworden: eine Viertelstunde Wettkampf. Im Sommer verlor Niko im Badminton gegen Lehner. Das wurmte ihn, er wollte Revanche. Irgendwann, als er mal wieder "Schlag den Raab" schaute, dachte er: Das können wir auch. Mit der Idee konfrontiert sagte Lehner zu Niko, er sei kein Fan der Sendung, könne sich den Wettkampf aber vorstellen. Zwei Wochen später begannen Niko und vier Kommilitonen mit der Organisation.

Das Casting für Lehners Herausforderer findet bei Facebook statt, dort müssen sich die Uni-Gladiatoren so gut es geht inszenieren. Foto, Motivationsschreiben "Warum ich Lehner schlage" - und dann so viele Likes wie möglich sammeln. 690 Personen gefällt der Sieger im Web-Schaulaufen, Sportstudent Dominic Duschl, 24, schaffte nur Rang sechs. Duschl hat sich in der Sporthalle schon einige Fights mit dem Dozenten geliefert, der sei, sagt Duschl, "schon fast mehr Freund als Lehrer".

Harmlose Spiele am Anfang

Weil Student Duschl unbedingt dabei sein will, hofft er auf eine Wildcard-Ziehung - und hat Glück. Er tritt gegen die vier Facebook-Gewinner an. Erste Disziplin: einen Hindernisparcours überwinden, über einen Balken balancieren und über Böcke springen. Dominic Duschl schafft es am schnellsten, in 21,25 Sekunden. Lehner hat seinen Herausforderer.

Im ersten von 15 Spielen müssen Lehner und Duschl mit einem Schneebesen Sahne steifschlagen. Lehner dreht als erster seinen Becher. Kein Tropfen löst sich. 1:0 für Lehner. Badminton spielt Dominic elegant, doch Lehner schmettert - Dominic hechtet vergeblich, rutscht unter dem Netz durch und landet zu Füßen des Meisters.

Beim Wissensspiel müssen sie Distanzen zwischen Städten schätzen: München - Kiel? Lehner ist fünf Kilometer näher dran. Im fünften Spiel stapeln sie einen Turm aus leeren Bierkästen, um in zehn Metern Höhe an Fahnen zu kommen. Beide sind fast am Ziel, da bricht Dominics Turm zusammen. Er stapelt sofort wieder los und kommt noch mal ran. Doch Lehner ist wieder schneller.

Duschls anfängliches Lächeln schwindet, seine Miene wird angespannter. "Vor so einem Riesenpublikum baut sich ganz schön Druck auf", sagt er. Dabei weiß er, dass Lehner nicht unschlagbar ist; schließlich hat er ihn nach Kursende schon besiegt. Im siebten (Autoreifen rollen) und achten Spiel (Länderflaggen raten) gewinnt der Student, auf einmal ist er wieder nah an Lehner dran.

Schwerer Sturz in Runde neun

Der neunte Kampf schließlich beendet fast das gesamte Duell. Die Disziplin: Hochsprung vom Trampolin. Dominic sprintet los, schießt senkrecht in die Höhe und fliegt elegant über die Latte. Lehner macht einen Salto. Runde für Runde müssen sie ein paar Zentimeter höher springen. Bei 2,60 Meter dann die Schrecksekunde: Dominic reißt die Latte und stürzt noch vor den Matten kopfüber Richtung Hallenboden. In der Halle wird es still.

Dominic wird später erklären: Erst sei er mit dem Kopf auf der Trampolinkante aufgeschlagen, dann mit dem Bein. "Wichtig war für mich in dem Augenblick nur, dass ich die Hand hebe und dem Publikum zeige, dass ich bei Bewusstsein bin." Der Arzt wird hinterher einen Innenband-Anriss und einen eventuellen Meniskus-Schaden diagonstizieren.

Nach dem schweren Sturz humpelt Dominic Duschl zur Bühne, hält sich den Kopf, kühlt das Knie. Während die Organisatoren und Lehner eigentlich abbrechen wollen, besteht Dominic auf einer Fortsetzung: Es bleibe dabei, er wolle Lehner unbedingt schlagen.

Mit verletztem Knie kämpft Duschl sich durchs Zutatenraten und Schraubenrausdrehen - eine Chance hat er nicht mehr: Gegen 23 Uhr lässt Lehner den Champagnerflaschenkorken knallen. Er hat gewonnen. Aber Lehner sei es vor allem darum gegangen, Dozenten und Studenten näher zueinander zu bringen und mit dem Klischee aufzuräumen, "dass Dozenten sich aus Eitelkeit nicht trauen, ihr Können wirklich auf den Prüfstand zu stellen".

Dominic, dessen Sturz viele für einen Schreckmoment an die "Wetten, dass..?"-Sendung mit dem verunglückten Samuel Koch denken ließ, hat es gefallen - trotz Sturz und Niederlage. Und Dozent Lehner könnte es nun ja auch im Fernsehen gegen Vorbild Raab probieren, finden seine Studenten. Aber will der Lehner da hin? Er lacht verlegen und sagt dann: "Ja - vielleicht."



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