Eigener Studiengang über Bayern "Wir wollen zeigen, dass Bayern nicht nur aus Stereotypen besteht"

An der Uni im tschechischen Pilsen können Masterstudenten in einem neuen Studiengang den Freistaat Bayern untersuchen. Hier erklärt Lehrstuhlleiterin Andrea Königsmarková, welche Studenten sie sich wünscht - und was die bei ihr lernen.

Bayern unter die Lupe genommen: "An der Versöhnung müssen wir noch arbeiten"
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Bayern unter die Lupe genommen: "An der Versöhnung müssen wir noch arbeiten"


SPIEGEL: Frau Königsmarková, unter Ihrer Leitung wurde der weltweit erste Master-Studiengang gegründet, der sich ganz dem benachbarten Freistaat Bayern widmet. Spielen Bayern-Klischees wie Weißwurst, Oktoberfest, Trachten und der Dialekt eine Rolle?

Königsmarková: Die Sprache und die Mundarten Bayerns sind ein wichtiger Inhalt unseres Studiengangs. Die Bilder, die man mit Bayern verbindet, kommen im Unterricht zur Landeskunde natürlich vor. Aber eigentlich wollen wir mit diesem Studiengang zeigen, dass Bayern nicht nur aus diesen Stereotypen besteht.

Zur Person
  • Privat
    Andrea Königsmarková, Jahrgang 1979, ist Leiterin des Lehrstuhls der Germanistik und Slavistik an der Philosophischen Fakultät der Westböhmischen Universität in Pilsen, Tschechien. Unter ihrer Ägide wurde der Master-Studiengang "Interdisziplinäre Bayernstudien" gegründet.

SPIEGEL: Was lernen Ihre Studierenden denn?

Königsmarková: Die Basis bilden die philologischen Kurse. Neben den Mundarten Bayerns unterrichten wir Wirtschaftsdeutsch und Sprachgeschichte. Dann folgen verschiedene geisteswissenschaftliche Disziplinen, aber auch Jura und Ökonomie, in denen die Studierenden Fachkenntnisse über Bayern und die bayerisch-tschechischen Beziehungen entwickeln. Sehr wichtig ist der praktische Teil: Die Studierenden machen Praktika in einem Kultur- oder Wirtschaftsbetrieb mit bayerisch-tschechischen Beziehungen; in einer bayerischen Firma etwa oder im Fremdenverkehr.

SPIEGEL: Was ist das Ziel des Studiums?

Königsmarková: Wir bilden Absolventen mit einem klaren Berufsprofil aus: Sie haben gute Deutschkenntnisse und können die bayerischen Mundarten zumindest verstehen. Das Ziel ist, dass sie mit Touristen, Mitarbeitern und Kunden so kommunizieren können, wie diese es gewohnt sind. Je nach Spezialisierung der Studierenden arbeiten sie später im kulturellen Bereich, etwa in Infozentren oder einer Tourismusbehörde. Oder in der Verwaltung von bayerischen oder bayerisch-tschechischen Firmen in der Region. Die Absolventen sollten zudem im Stande sein, die Kollegen bei heiklen Themen zu beraten und Vorurteile zu bekämpfen.

SPIEGEL: Was ist bei den bayerisch-tschechischen Beziehungen heute noch brisant?

Königsmarková: Das ist weiterhin die Entwicklung der Nachkriegszeit, also die Vertreibung oder Zwangsaussiedlung. Da geht es bereits um die Wahl der richtigen Begriffe. Auch wenn die politischen Beziehungen sehr gut sind, ist das auf der alltäglichen Ebene noch zu spüren. An der Versöhnung müssen wir noch arbeiten.

SPIEGEL: Und in Tschechien nimmt Ihnen das keiner übel, wenn Sie Studierende für den deutschen Markt ausbilden?

Königsmarková: Das ist ja nicht explizit für den deutschen Markt. Wir bilden Studierende für die gesamte Region aus, für die grenzübergreifende Zusammenarbeit, sowohl auf der bayerischen als auch auf der tschechischen Seite. Wirtschaftlich betrachtet profitieren Tschechien und Bayern so oder so: Bayern ist für die Tschechische Republik in der Wirtschaft und der Kultur der Kooperationspartner Nummer eins, und andersrum gilt das auch für den Freistaat. Mit diesem Studiengang wollen wir auch nachholen, dass wir mehr zusammenwachsen.

SPIEGEL: In der Zielsetzung klingt das sehr wirtschaftsnah. Sind Sie denn unabhängig?

Königsmarková: Ja, wir sind ein unabhängiger Studiengang. Aber wir kooperieren mit Firmen und Kultureinrichtungen, damit die Studierenden Praktika machen können. Und wir sind dankbar, wenn diese Partner ihre Bedürfnisse und Anforderungen kommunizieren, damit wir in der Lehre auf die Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt reagieren können.

SPIEGEL: Machen auch Bayern beim Studiengang mit?

Königsmarková: Von unseren 17 Studierenden kommt niemand aus Bayern, bewerben können sie sich aber gern! Der Studiengang entstand im Rahmen eines Projekts mit der Universität Regensburg. Zurzeit arbeiten wir mit den Regensburger Kollegen an einer vertieften Kooperation, damit Studierende von dort zum Beispiel an Kursen bei uns teilnehmen können. Es gibt aber zwei deutsche Professoren, die bei uns unterrichten und bei der Entwicklung des Studiengangs sehr wichtig waren. Wir haben zudem verschiedenste Gastdozenten - es gibt also genug bayerisches Anschauungsmaterial.

SPIEGEL: Haben Sie persönlich einen besonderen Bezug zu Bayern und vielleicht selbst ein Dirndl im Schrank oder mal einen Schuhplattlerkurs besucht?

Konigsmarkova: Meine Familie hatte bereits kurz vor der Wende eine Brieffreundschaft mit einer bayerischen Familie, die in der Nähe von Weiden in der Oberpfalz wohnt. Mein Bruder hat damals einen Zettel beim Pilzesammeln gefunden, den das damals zehnjährige bayerische Mädchen im Rahmen eines Kindertages mit einem Luftballon fliegen ließ. Das war der Beginn unserer Freundschaft mit Bayern - und auch einer der Impulse, warum ich mich für ein Deutschstudium entschied.

Und ja, ich muss gestehen, ein Dirndl im Schrank habe ich auch. Ich trage es zu besonderen Anlässen - nun natürlich vor allem im Zusammenhang mit unserem neuen Studiengang.

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Seite 1
spon_5112961 31.10.2019
1. Der Artikel erscheint
gut 6 mon. und einen Tag zu früh !
rosabalou 31.10.2019
2. eher.....
Zitat von spon_5112961gut 6 mon. und einen Tag zu früh !
5 mon. und einen Tag.....:))
postit2012 31.10.2019
3. Auch Lesen, Zählen und Bayernbashing
Zitat von rosabalou5 mon. und einen Tag.....:))
will gelernt sein ;-)
postit2012 31.10.2019
4. Aber jetzt mal bissl ernsthafter:
Aus meiner "alten Heimat" Baden-Württemberg kenne ich sowohl zur Schweiz als auch nach Frankreich gut-nachbarschaftliche bis freundschaftliche Beziehungen. Ob die zwischen der "neuen Heimat" Bayern und Tschechien auch existieren oder eher nicht, ist mir nicht bekannt. M. E. wäre das aber wünschenswert und wenn diese nach dem Artikel schon ein wenig skurril anmutenden Aktivitäten dabei helfen könnten, wäre mir auch das recht. Selbstverständlich bin ich auch neugierig, wie es hinter der Grenze aussieht, die hier leider etwas weiter entfernt ist. (Ja, Bayern IST größer...)
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