Begabtenförderung In Schlappen zum Stipendium

Streberrunde, Eliteverein, Besserwisserclub - Klischees über Deutschlands Begabtenförderwerke gibt es reichlich. Dabei geht es auf den Auswahlseminaren recht entspannt zu, wie Benjamin Loy verblüfft feststellte, als er sich bei der Studienstiftung des deutschen Volkes bewarb.


"Einen schönen guten Abend" wünscht mir die junge Dame im Hosenanzug, die lächelnd im Foyer der Jugendherberge Speyer steht. "Kommst du auch zum Auswahlseminar der Studienstiftung?" Während ich bedächtig nicke und noch rätsele, ob es wohl die Seminarleiterin ist, erzählt sie schon mit künstlicher Begeisterung, wie "wahnsinnig interessant" ihr Medizinstudium sei und wie sehr sie sich auf dieses "tolle Wochenende unter so vielen schlauen Leuten" freue.

Goldesel: Ein Stipendium räumt Geldsorgen weg
Louise Heymans

Goldesel: Ein Stipendium räumt Geldsorgen weg

Zunächst erscheint es mir wie die Personifizierung aller Stipendiaten-Klischees. Aber das bleibt zum Glück eine Ausnahme während dieses Auswahlwochenendes von Deutschlands größtem und bekanntestem Begabtenförderwerk. Die Studienstiftung des deutschen Volkes lädt zu bundesweit 180 dieser Veranstaltungen pro Jahr jeweils 48 Bewerber ein und prüft ihre Eignung.

Schon die Einladung darf man durchaus als kleine Auszeichnung verstehen. Denn bei der Studienstiftung kann man sich, anders als bei den großen partei- und kirchennahen Förderwerken von der Ebert-Stiftung bis zum Cusanuswerk, (noch) nicht selbst bewerben, sondern braucht einen Vorschlag vom Direktor eines Gymnasiums oder von einem Professor.

Alles betont spielerisch

Dabei sein längst nicht alles. Das stellt die Seminarleiterin in ihrer Begrüßungsrede gleich mal klar: "Auch wenn unsere Finanzlage momentan sehr gut ist, werden wir nach diesem Wochenende leider nur etwa jeden Dritten von Ihnen in die Stiftung aufnehmen können." Übermäßiges Konkurrenzdenken entfacht diese Ankündigung bei der Mehrzahl der Teilnehmer allerdings nicht.

"Ich sehe das Ganze eher spielerisch. Wenn's klappt, tolle Sache, wenn nicht, dann ist es auch nicht schlimm", sagt Paul. Mit seinen Studienfächern Geschichte und Sport zählt er neben den zahlreichen angehenden Medizinern, Physikern und Ingenieuren zu den etwas belächelten Exoten, genau wie ich mit Hispanistik und Germanistik.

Überhaupt verläuft die Kneipentour, zu der sich ein Großteil der Gruppe am ersten Abend trifft, in einer erstaunlich entspannten und angenehmen Atmosphäre. Fast jeder hat ein paar interessante Geschichten aus seinem Leben abseits von Schule oder Universität zu erzählen - ob Zivildienst in Nicaragua, Praktikum in Peking oder zwei Oberstufenjahre an einer internationalen Schule in Westindien. Die meisten Teilnehmer sind gute Gesprächspartner und passen auch gut ins Profil der Studienstiftung, die von ihren Stipendiaten neben exzellenten Noten eine gehörige Portion Engagement und Weltoffenheit erwartet.

"Isch doch echt locker hier, gell?"

Die Nacht im Viererzimmer ist kurz, nur aus Rücksicht auf meine Bewerbung verdränge ich Meuchelgedanken wegen schnarchender Stubenkollegen. Der Auswahlmarathon beginnt am frühen Samstagmorgen: Sechs Gruppendiskussionen plus zwei Einzelgespräche mit Mitgliedern der Auswahlkommission muss jeder Bewerber nach einem komplizierten Zeit- und Raumschlüssel am Wochenende absolvieren. Gerade über die beiden 40-minütigen Gespräche kursieren schon am Vorabend zahlreiche Schauergeschichten mit sadistischen Philosophieprofessoren oder Fragen zum Bruttoinlandsprodukt von Montenegro.

Zum Autor
In Saarbrücken studiert Benjamin Loy Hispanistik und Germanistik - wenn er nicht gerade als freier Journalist arbeitet oder in Südamerika auf Reisen ist.
Die Realität an diesem Morgen: Ein älterer Mathematikprofessor stellt mit sphinxartigen Gesichtsausdruck Fragen über meinen vorher eingereichten Lebenslauf und beschränkt sich ansonsten darauf, einige Notizen zu machen und leise vor sich hin zu brummen. Dazu eine kleine Diskussion über Bildungspolitik - schon stehe ich wieder vor der Tür und bin so klug als wie zuvor.

Auskunft über ihre Bewertung dürfen die Prüfer nicht geben. Das macht das Verfahren nicht transparenter, führt aber zu den schönsten Spekulationen unter den Bewerbern. Die Gesprächsatmosphäre beschreiben dabei fast alle als so "ausgesprochen locker", dass Christian, ein dauerfröhlicher Alemanne, der Entspanntheit halber gleich in Birkenstocks ins nächste Gesprächzimmer marschiert: "Isch doch echt locker hier, gell?"

Höflich bis zur Heuchelei

Bei den Diskussionen in Sechsergruppen muss jeder Teilnehmer ein zehnminütiges Referat zu einem beliebigen Thema halten, das anschließend noch Stoff für 20 Minuten möglichst kontroverse Debatte hergeben soll. Der beobachtende Prüfer, bei uns ein SAP-Manager, bewertet weniger den Inhalt der Referate als vielmehr das Gesamtverhalten. Darum geben sich alle Teilnehmer höflich und engagiert bis an die Grenzen der Heuchelei: "Alex, möchtest du nicht auch mal was dazu sagen?"

Es geht um Künstliche Intelligenz, den NATO-Einsatz in Afghanistan, die Präimplantationsdiagnostik. Da ist es dann um die Höflichkeit einiger Teilnehmer geschehen. "Du würdest keine Organe spenden, weil dein Körper kein Ersatzteillager ist, aber die Züchtung von Embryonen findest du okay? Das ist doch echt das letzte, Frank", ereifert sich Medizinstudentin Julia. Erschrocken über so viel offene Kritik schlägt sie sich die Hände vor den Mund und blickt hinüber zum vergnügt grummelnden und eifrig kritzelnden Prüfer.

Sieben Schritte zum Stipendium
Tipps zum Schaulaufen
"Eine Vorbereitung auf das Auswahlverfahren ist weder möglich noch gewollt", heißt es bei der Studienstiftung des deutschen Volkes. Das muss man ja nicht so sehen. Hier sieben Ratschläge, wie man den Weg zum Stipendium etwas entspannter angehen kann und beim Auswahlseminar eine gute Figur macht.
1. Das Referatsthema
Im Extremfall sitzen in der Diskussionsgruppe sechs Personen aus sechs verschiedenen Studiengängen. Deshalb: unbedingt ein Thema wählen, das auch für Laien verständlich ist und zu dem jeder etwas beitragen kann. Nichts ist schlimmer als eine Debatte, bei der nach fünf Minuten niemand mehr weiß, was er sagen soll.
2. Die Gruppendiskussion
Jedes Referat nur ein Sechstel der Gesamtpunktzahl in der Gruppe ausmacht, da sind die fünf weiteren Gruppendiskussionen von großer Bedeutung. Grundregel für das eigene Gesprächsverhalten: höflich, aber bestimmt. Und wenn's wirklich sein muss, auch mal einen anderen Teilnehmer unterbrechen. Wer nur da sitzt und höflich nickt, wird die Prüfer nicht von seiner Person überzeugen.
3. Aktuelle Themen
Sowohl in den Einzelgesprächen als auch in den Referaten geht es häufig um aktuelle Fragen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Regelmäßige Zeitungslektüre und die Bildung eines eigenen Standpunkts zu den wichtigsten Themen schaden als Vorbereitung ganz sicher nicht.
4. Lebenslauf
Die meisten Prüfer orientieren sich während der Einzelgespräche vor allem am vorher eingereichten Lebenslauf. Daher: Genau überlegen, welche Angaben man dort macht - und was mögliche Fragen dazu sein könnten!
5. Pannen können passieren
Niemand ist perfekt, und keiner sollte deshalb versuchen, so zu tun, als wäre er's. Auf eine Frage im Gespräch keine Antwort zu wissen, ist noch keine Schande, wenn man das zugeben und dafür bei anderen Themen punkten kann.
6. Organisation
Der Zeit- und Raumschlüssel, nach dem die Gespräche festgelegt werden, ist eine kleine Wissenschaft für sich. Deshalb: Am besten schon am Vorabend alle Uhrzeiten und Raumnummern genau notieren, um am nächsten Tag nicht umherzuirren oder gar ein Gespräch zu verpassen.
7. Dresscode
Um kaum ein Thema wird vorher so viel Wind gemacht. Erlaubt ist, was gefällt und worin man sich wohl fühlt, solange einen die Prüfer nicht mit einem Landstreicher verwechseln. Und: Anzug und Krawatte können zu Hause bleiben, das kommt in einer Jugendherberge doch ziemlich lächerlich rüber.

"Scheiß drauf, wenigstens war's authentisch", meint sie hinterher grinsend. Die meisten sitzen wieder beim gemeinsamen Bier und sind froh, dass es nach den ganzen angestrengten Diskussionen wieder um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens geht: "Alter, Hoffenheim hat schon wieder gewonnen, gibt's doch gar nicht."

Am Sonntag folgt auf eine letzte Gruppendiskussion das zweite Einzelgespräch. Diesmal führe ich es mit einer "fachspezifischen Prüferin". Die Germanistikdozentin wirkt recht jung, das erfrischende Gegenteil des etwas greisen Mathematikers vom Vortag.

Gefühl positiv, Bewertung unmöglich

Allerdings bringt sie mich mit teils recht bizarren Fragen leicht aus dem Gleichgewicht: "Ich sehe, eines Ihrer Hobbys ist das Fechten. Es gibt da in Kleists 'Marionettentheater' eine Szene, in der ein Bär mit einem Menschen ficht und der Bär gewinnt. Halten Sie das aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung für realistisch?" Irritiert schaue ich sie an: "Keine Ahnung, ich habe noch nie gegen einen Bären gefochten." Und beide müssen wir losprusten.

Gefühlte zehn Minuten später ist auch dieses Gespräch vorbei, wieder geht es mir wie allen anderen Teilnehmern: Eindruck positiv, objektive Bewertung unmöglich. Nach dem letzten gemeinsamen Mittagessen löst sich die Gruppe auf, E-Mail-Adressen werden getauscht - und alle fahren in der Hoffnung auf einen "dicken weißen Umschlag", der die Aufnahme bedeuten würde.

"Wenn sie mich nach dem Wochenende nicht nehmen, dann haben sie mich auch nicht verdient", sagt Sportstudent Paul zum Abschied und grinst. Das tue auch ich fünf Tage später, als ich aus dem Briefkasten einen dicken weißen Umschlag herausfische. Ganz spielerisch.



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