Benimmunterricht Ein Ruck aus freundlichen Grüßen

Seit einem halben Jahr wird an einer Bremer Schule das Fach UBV unterrichtet: Umgang, Benehmen und Verhalten. Der Schulleiter rühmt die Erfolge - doch die Experten sind sich einig: Die Erziehung bleibt vor allem Aufgabe der Eltern.

Wenn sich die Kinder im Schulzentrum Flämische Straße in Bremen "aus Versehen" anrempelten, konnte es passieren, dass die Lehrer den Krankenwagen holen mussten. Der Umgangston untereinander sei katastrophal gewesen, das Verhalten gegenüber Eltern und Lehrern respektlos, sagt Schulleiter Karl Witte.

In zwei fünften Klassen wird jetzt seit einigen Monaten "Umgang, Benehmen und Verhalten" unterrichtet. Das Schulklima habe sich inzwischen deutlich verbessert. "Es wird gegrüßt, Türen werden aufgehalten, es ist ein richtiger Ruck durch die Schule gegangen." Doch Witte und andere Experten wissen: Ein halbes Jahr Benimm-Kurs reicht nicht - entscheidend ist, was sich im Elternhaus abspielt.

Schulischer Nachhilfeunterricht in Sachen Umgang ist heute "leider sinnvoll", sagt Elisabeth Bonneau, Kommunikationstrainerin und Autorin zahlreicher Benimm-Ratgeber. Jahrelang habe sich keiner getraut, auf Rituale zu pochen, die das Miteinander einfacher und freundlicher machen, so die ehemalige Lehrerin aus Freiburg. Doch im Zentrum stünden immer noch die Eltern: "Erziehung fängt zu Hause an."

Wie Kämpfer in der Arena

Wichtig sei ihr, dass Kinder Umgangsformen in verschiedenen Welten beobachten können, so Bonneau. Bei einem Restaurant- oder Theaterbesuch beispielsweise könne dem Nachwuchs auf unverkrampfte Weise beigebracht werden, dass nicht überall die lockeren Spielregeln des heimischen Küchentisches gelten. "Geht raus mit den Kindern", lautet deshalb Bonneaus Aufforderung an die Eltern.

In vielen Familien taucht die Benimm-Frage jedoch erst auf, wenn der Ernstfall bereits eingetreten ist. "Da kommt dann Tante Erna zu Besuch, und plötzlich soll alles anders sein als sonst", sagt Bonneau. Kinder fühlten sich in solchen Situationen häufig wie kleine Kämpfer bei einem Auftritt in der Arena, umgeben von richtenden Zuschauern.

Laut Lucia Bleuler, Image-Trainerin aus Erlenbach bei Zürich, sind gute Manieren bei Tisch eine Voraussetzung für den Erfolg im Berufsleben. Zumindest auf den oberen Stufen der Karriereleiter werde sich bei formal gleicher Qualifikation derjenige durchsetzen, der das gewandtere Auftreten besitze. Es schade nichts, wenn Kinder darauf hingewiesen werden, dass die Serviette auf die Knie gelegt und nicht in den Halsausschnitt gestopft wird - und dass man sich am Ende eines Festes vom Gastgeber verabschiedet. Auch könne ein 14-jähriger Junge durchaus einmal einer Klassenkameradin die Tür aufhalten - und umgekehrt.

Nach den Erfahrungen von Bleuler, die unter anderem Benimm-Kurse für Kinder und Jugendliche auf Kreuzfahrtschiffen und in großen Hotels gibt, tut sich der Nachwuchs mit manchen gesellschaftlichen Konventionen sogar leichter als die Erwachsenen. Das gelte zum Beispiel für Kennenlern-Rituale: "Kinder sind da völlig natürlich: Die preschen gleich los mit den Fragen, die sie interessieren - und das ist auch o.k."

Bonneau findet es wichtig, mit Kindern oft über die Spielregeln des Miteinanders zu diskutieren und dabei vor allem die "Warum"-Frage zu klären. Das gelte beispielsweise für das Grüßen. "Kinder haben überhaupt nichts gegen Regeln - sie wollen nur deren Sinn verstehen."

Von Swantje Werner, gms

Mehr lesen über