Berliner Bildungs-Aufstand "Elite ist Schiete"

Rund 20.000 Schüler und Studenten schlossen sich Mittwoch "Bildungsstreik 2009" in Berlin an. Ihr größter Frust: das verschulte Bachelorsystem, überfüllte Uni-Übungen und Klassenzimmer. Mehr Geld für Bildung wollten alle. Und wenn nicht? "Dann demonstrieren wir jedes Jahr."

Martin sieht den Burnout im Hörsaal kommen. "Abwrackprämie für eure Kinder - mit 23 ausgebrannt" steht auf einem weißem Transparent, das er gemeinsam mit einem Freund über den Platz vor dem Roten Rathaus in Berlin schleppt.

Berlin: Zehntausende, hier und laut - weil man ihnen die Bildung klaut

Berlin: Zehntausende, hier und laut - weil man ihnen die Bildung klaut

Foto: AP

Martin ist 23 - und fühlt sich entsprechend abgewrackt. Mehr als 40 Stunden arbeitet er pro Woche für sein Studium, einen Bachelor in Biologie. Zusätzlich hat er einen Job an der Uni, um finanziell über die Runden zu kommen. Der Zeitplan ist straff, drei Jahre sind für das Studium vorgesehen. Um in die Tiefe zu gehen, sei das viel zu wenig, klagt Martin.

Für die Berufswelt fühlt er sich kaum vorbereitet, dafür gestresst und unzufrieden. Mit seinen Sorgen ist Martin nicht allein. An diesem Mittwoch ziehen Zehntausende Schüler und Studenten durch die Straßen in Deutschland, um zu protestieren.

Um Martin herum in Berlin johlen laut Polizei rund 12.000 junge Leute und wedeln mit Plakaten, die Veranstalter sprechen gar von über 20.000 Teilnehmern. "Elite ist Schiete" steht auf den Transparenten oder "Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht zahlt, bleibt dumm".

Die Demonstranten halten das deutsche Bildungssystem für unsozial, unterfinanziert und für falsch strukturiert. Auch Evelin regt sich über ihr Bachelor-Studium auf. Festgelegte Kurse, keine Wahlfreiheiten, ständiger Prüfungsdruck und Anwesenheitspflicht. "Das ist wie in der Schule", schimpft die 27-Jährige. Ernst genommen will sie werden und mehr Freiheiten bekommen.

Der Professor kennt kaum Studentennamen

Vorn in der Menge brüllt jemand ins Mikrofon: "Die Hochschulen und Unis gehören immer noch uns!" Vor lauter Aufregung bricht die Stimme, die Masse grölt und applaudiert trotzdem. Dann tönen die Forderungen der Studenten durch die Lautsprecher: Abschaffung der Studiengebühren, ein Ende der bisherigen Bachelor- und Master-Studiengänge, mehr Selbstbestimmung im Studium, mehr Bafög und mehr Geld für die Unis.

Bessere Finanzen wünscht sich auch Thomas Mellewigt an seiner Uni. Er ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der FU Berlin und steht mitten im Protestgetümmel. Vorlesungen mit 400 Studenten seien an seinem Institut keine Seltenheit, erzählt er. Die Namen der meisten seiner Studenten kenne er nicht.

"Zum Teil sehe ich die Studenten ja nicht mal im Hörsaal, wenn es so voll ist", sagt er. Weil Mitarbeiter fehlen, müsse er immer mehr Verwaltungsaufgaben selbst übernehmen. Mellewigt ist genervt von den "Sonntagsreden" der Politiker. Alle betonten immer wieder den Stellenwert der Bildung, "aber dann passiert doch nichts".

200 in der Übung: "Solche Massen sind Gift fürs Lernen"

Ein paar Meter weiter steht einer von Mellewigts namenlosen Studenten. "Der würde nie im Leben meinen Namen kennen", sagt Hannes, "aber wie soll er auch?" Auch der Wirtschaftsstudent ist entnervt von "Übungen" mit 200 Studenten. "Solche Massen sind Gift für richtiges Lernen", sagt Hannes.

Louis zieht ebenfalls mit seinen Freunden bei der Demo mit. Der Achtklässler denkt noch nicht an Uni, er hat ganz andere Sorgen. "Wir sind 32 Schüler in der Klasse", sagt er, "das ist einfach zu viel." Im Unterricht sei es immer laut, die Lehrer seien gestresst. "Die haben immer schlechte Laune und nicht so viel Zeit, die Stunden vorzubereiten", meint der 14-Jährige. Ständig falle Unterricht aus, weil zu wenig Lehrer da seien.

Auch das achtjährige Gymnasium macht ihm zu schaffen. "Da wird alles nur runtergerattert, und wir hinken trotzdem ständig hinterher", sagt er. Mehr Geld für Schulen, kleinere Klassen und mehr Lehrer wünscht er sich. Wenn all das nicht kommt, hat Louis schon einen Plan B parat: "Dann gehen wir jedes Jahr auf die Straße."

Christiane Jacke, ddp
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