Berliner Studenten retten ihr Dorf Unser Dorf soll schöner werden

Haste keins, kauf dir eins: Ein ganzes Studentendorf in Berlin-Schlachtensee versuchen die Bewohner zu retten und entwickeln unternehmerische Talente. Damit anstelle des Alternativ-Wohnbiotops keine Luxusvillen entstehen, braucht die Gruppe für Kauf und Sanierung über 20 Millionen Euro.

Von Tina Hüttl


Studentendorf: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Studentendorf: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Auf dem Klingelschild des mehrstöckigen grauen Wohnhauses im Studentendorf Schlachtensee stehen viele Namen. Doch nur wer bei "Graben" klingelt, hat Erfolg. Sara, eine zierliche junge Frau, öffnet die schwere Glastür und bittet in die Eingangshalle. Drinnen ist es leer und kalt. Kein Bild, kein Paar Schuhe - nur ein Hund schläft auf dem Linoleumboden des langen Flurs. Er und die 24-jährige Medizinstudentin Sara sind die letzten Bewohner des Hauses mit der Nummer 4.

"Als ich hier einzog, war unser Haus immer überfüllt. Ich hatte 35 Mitbewohner, viele Amerikaner, Japaner und Südamerikaner. Meist hingen unsere Freunde aber auch noch hier ab, es gab ja fast jeden Abend eine andere Party im Dorf", sagt Sara. Sie erzählt von Open-Air-Konzerten und Grillfesten im Sommer und natürlich vom in ganz Berlin bekannten "Oktoberfest" im dorfeigenen Club.

Nur 30 Bewohner blieben stur

Heute gleicht die 53 Hektar große Wohn- und Gartenanlage aus den fünfziger Jahren mehr einer Geisterstadt. Den einst über 1000 Bewohnern wurde gekündigt. Wer nicht freiwillig ging, bekam Räumungsklagen ins Haus.

Damals: Grundsteinlegung mit Willy Brandt

Damals: Grundsteinlegung mit Willy Brandt

Nur etwa 30 Studenten blieben wie Sara stur. "Wir bezahlen weiterhin Miete, mit dem üblichen Hausbesetzertum hat das hier nichts zu tun", sagt sie. Seit die Studenten die ersten Betttücher mit der Aufschrift "Wir verkaufen nicht, geht nach Hause" aus den Fenstern ihrer Wohnheime hingen, haben sie eine Menge bewegt.

Aus der Besetzergemeinschaft ist eine studentische Bietergemeinschaft geworden, die dem Senat ihr eigenes Kaufangebot für das Dorf vorlegte - mit Erfolg: Die Abrisspläne der Stadt, die ihre marode Kasse gerne durch die Veräußerung des Geländes an potentere Investoren sanieren wollte, sind endgültig vom Tisch.

Feilschen um den Kaufpreis

Nach vier Jahren Kampf haben Berlins Bausenator Peter Strieder (SPD) und Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS) endlich eingelenkt und der studentischen Bietergemeinschaft den Zuschlag gegeben. Statt Luxusvillen bleibt nun das Dorf. Der Kauf ist für die Studenten mit der Auflage verbunden, die 23 Wohnhäuser zu sanieren.

In den nächsten Wochen feilschen der Berliner Senat und die im vergangenen Oktober gegründete Genossenschaft Studentendorf Berlin-Schlachtensee noch um den Kaufpreis. Das Land Berlin fordert zwölf Millionen Euro von der Genossenschaft. "Das sind zwei Millionen zu viel", sagt Dorfbewohner und Aufsichtsratsmitglied Jörg Müller. "Durch den langen Leerstand sind ja auch unsere Sanierungskosten immer höher geworden."

Eigentlich sollte der Psychologiestudent längst über seiner Diplomarbeit brüten, doch dafür hat er schon seit mehreren Semestern keine Zeit mehr. Neben seiner täglichen Arbeit in der Genossenschaft ist er oft damit beschäftigt, defekte Heizungen, Boiler oder Rohre zu reparieren. Oder er läuft durchs Dorf, um unter den verbliebenen Studenten den Wachschutz für die Nacht zu rekrutieren.

Gründerjahre: Studentinnen bauten an ihrem Dorf

Gründerjahre: Studentinnen bauten an ihrem Dorf

Derzeit ist das verwaiste Dorf ein trauriger Anblick. Randalierende Kids haben bei mehreren der denkmalgeschützten Wohnhäuser die Fensterscheiben eingeschlagen. In diesem Winter sickerte Wasser in die Bausubstanz. Die gesamte Anlage, die in den fünziger Jahren von Stararchitekten (Fehling, Gogel, Pfankuch) erbaut wurde, war ein Geschenk der Amerikaner an die zerbombte Stadt Berlin. Ein Ziel der Alliierten war es auch, "die menschliche und sachliche Verlorenheit der deutschen Studenten im anonym gewordenen Universitätsbetrieb einzudämmen", wie auf der Homepage des Studentendorfes nachzulesen ist.

Unheimliche Einsamkeit

Viele der grauen Betonhäuser im Stil der Nachkriegsmoderne stehen seit Jahren leer und verfallen zusehends. Auch Freizeit-Einrichtungen wie der Fitnessraum, das Kino oder das Cafe bleiben heute meist geschlossen.

Luftbild: Das Studentendorf von oben

Luftbild: Das Studentendorf von oben

Nur das Büro der Genossenschaft ist immer voll besetzt. Dort diskutiert der Vorstand über die rund 12 Millionen Euro, die zusätzlich für die komplette Sanierung benötigt werden, um wieder komfortable Studentenwohnungen in verschiedenen Ausstattungen und Größen vermieten zu können.

Das Geld will die Genossenschaft durch den Verkauf von Anteilen eintreiben - zu 50 Euro das Stück. "Intelligent investieren - sozial engagieren" lautet der Titel des frisch gedruckten Werbeprospekts, das fünf freiwillige Helfer zum Versand an Privathaushalte und Firmen eintüten.

Club A 18: Die Legende lebt

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Derweil sitzt Sara auf dem Bett ihres Studentenzimmers, das den winzigen Raum beinahe ausfüllt. Trotz des leeren Hauses bewohnt sie nur die zwölf Quadratmeter, der Rest ist ihr ein wenig unheimlich. Das Alleinsein hat aber auch Vorteile, findet sie. "Früher haben wir uns oft zu zwölft um eine Kochplatte gestritten, jetzt kann ich theoretisch in drei Küchen gleichzeitig kochen." Trotzdem: Auch sie freut sich, wenn bei ihr demnächst wieder neue Mitbewohner einziehen.

Interview mit Bewohnerin Sara Graben: "In drei Küchen gleichzeitig kochen"



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