Berliner Studentenproteste Passierschein für den Präsidenten

Die Hauptstadt ist pleite, die Hochschulen sollen bluten. Studenten streiken an den drei großen Berliner Unis und halten Gebäude besetzt, der Präsident der Humboldt-Uni brauchte sogar einen Passierschein, um in sein Büro zu gelangen. Viele Professoren begegnen den Protesten gegen die drastischen Sparbeschlüsse mit Sympathie.

Von Steffen Hudemann


Studentendemo in Berlin: Skelettierte Bildung
REUTERS

Studentendemo in Berlin: Skelettierte Bildung

Wo immer Klaus Wowereit dieser Tage öffentlich auftritt, wird er bereits erwartet. Ob Berlins Regierender Bürgermeister den Fortschritt der Sanierungsarbeiten im Naturkundemuseum begutachtet, die Adventsbeleuchtung auf der Flaniermeile Unter den Linden einweiht oder den Weihnachtsmarkt eröffnet - immer ist schon eine Gruppe von Studenten vor Ort, um gegen die Sparbeschlüsse des rot-roten Senats zu demonstrieren.

Jeweils 54 Millionen Euro sollen die Hauptstadt-Unis in den nächsten zwei Jahren einsparen, ab 2006 sollen es sogar 75 Millionen Euro pro Jahr sein. Dagegen gehen die Studenten nun auf die Barrikaden: Landwirtschaftsstudenten fahren im Trecker-Korso durch Berlin-Mitte, angehende Architekten bauen Bretterverschläge, um auf die "Verslumung der Universität" hinzuweisen.

Am Montagmittag demonstrierten Hunderte von Studenten mit einer Menschenkette. An der FU pfiffen Studenten den Uni-Präsidenten Dieter Lenzen bei der Vorstellung detaillierter Sparpläne aus. Im überfüllten Audimax kündigte Lenzen die Streichung von bis zu 90 der 425 Professuren an und wurde immer wieder von Buh-Rufen unterbrochen.

Berliner Demo: Studenten zeigen Alternative auf
Steffen Hude

Berliner Demo: Studenten zeigen Alternative auf

An der Humboldt-Universität halten die Studenten seit letzten Donnerstag das historische Uni-Gebäude Unter den Linden besetzt. Sie haben die Türen blockiert, Streikposten aufgestellt und lassen außer Mitarbeitern und Studenten mit Prüfungstermin lassen niemanden ins Haus. Auch Uni-Präsident Jürgen Mlynek durfte erst in sein Büro, nachdem er sich bei den studentischen Wachen einen Passierschein abgeholt hatte.

Gemessen an den Bewerberzahlen ist die HU noch immer eine der beliebtesten Hochschulen Deutschlands. Nun fürchten nicht nur die Studenten, sondern auch Professoren um die Qualität der Lehre und um den Ruf ihrer Universität. Bei vielen Dozenten stoßen die kreativen Protestaktionen ihrer Studenten deshalb auf Sympathien.

"Dann können wir dichtmachen"

Sie unterstützen die Proteste mit öffentlichen Vorlesungen in der S-Bahn, in der Reichstagskuppel oder - wie Insolvenzrechtler Christoph Paulus - mitten auf dem Berliner Alexanderplatz. Das Thema seines Vortrags: "Pleitegeier über Berlin - Insolvenzrecht für alle."

Menetekel Studiengebühren: Zahlen? Wofür?
DPA

Menetekel Studiengebühren: Zahlen? Wofür?

"Es heißt immer, Berlin sei pleite. Ich nehme das wörtlich", sagt Paulus. Er hält es für möglich, das deutsche Insolvenzrecht auf die Stadt Berlin anzuwenden. Für den Studenten-Streik hat der Jurist Verständnis: "Die Studenten haben ja Recht, wenn sie ihrem Unmut jetzt einmal Ausdruck verleihen."

Allein die HU wird in den nächsten sechs Jahren fast ein Viertel ihrer Professuren abbauen und viele Studiengänge schließen müssen. Nicht besser ergeht es der Freien und der Technischen Universität im Westen der Stadt. Schon vor mehr als zwei Wochen traten die TU-Studenten in den Streik. Die Uni-Leitung unterstützt ihren Protest: "Wenn diese Sparsummen durchgesetzt werden, dann können wir hier dichtmachen", sagt TU-Sprecherin Kristina Zerges.

Gute Nacht im Asta

Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS) sieht indes keine Alternative zum Sparkurs. Das sei eine "Frage der Gerechtigkeit", betonte er: Auch die Studenten müssten "zur Kenntnis nehmen, dass bei einer extremen Haushaltsnotlage die Sparbemühungen nicht am Wissenschaftsbereich vorbei gehen können".

Telefunken-Gebäude in Berlin: Von Studenten besetzt
DPA

Telefunken-Gebäude in Berlin: Von Studenten besetzt

Aufgebrachte Studenten kontern mit Slogans wie "Sparzwang ist kein Schicksal" oder "Bildung ist ein Recht und kein Privileg". Im Asta-Büro der TU haben sie eine provisorische Streikzentrale eingerichtet. Von einem Tisch mit zwei Telefonen werden die zahlreichen Aktionen koordiniert, direkt gegenüber steht ein Schlafsofa. Einige waren seit Tagen nicht mehr zuhause und übernachteten im Asta. Die Studenten wollen weiter durchhalten, auch wenn sie "manchmal den Überblick verlieren, wo was läuft", wie Thomas Winkler, einer der Protest-Koordinatoren, zugibt.

Auf einem großen Transparent im Foyer des TU-Hauptgebäudes haben sie stolz notiert, an welchen Unis die Studenten es ihnen gleich getan haben und nun auf die Straße statt in die Hörsäle gehen. Mittlerweile ist eine bundesweite Protestbewegung entstanden. So haben Studenten in Frankfurt, Göttingen, Marburg und Kassel ebenfalls zum Streik aufgerufen. In zahlreichen weiteren Städten etwa in Hessen, Niedersachsen und Bayern demonstrierten letzte Woche Zehntausende gegen die Sparpläne ihrer Landesregierungen.

Rette sich, wer kann

Anders als bei vielen Protestaufrufen der vergangenen Jahre beteiligen sich diesmal auch viele, die sich bisher nicht sonderlich für Hochschulpolitik interessiert haben. Denn die leeren Kassen machen sich unmittelbar im Uni-Alltag bemerkbar: Seminare sind häufig überfüllt, Labore veraltet, Bibliotheken schlecht ausgestattet.

Vorlesung im Freien (in Berlin): TU-Studenten konnten sich wenigstens die Hände wärmen
DPA

Vorlesung im Freien (in Berlin): TU-Studenten konnten sich wenigstens die Hände wärmen

"Die Studienbedingungen sind heute schon ziemlich mies", so Kilian Oberleithner, der im 5. Semester Physikalische Ingenieurwissenschaften an der TU Berlin studiert. Das Kursangebot verschlechtere sich zudem von Semester zu Semester, sagt er. "Wenn jetzt noch mehr gespart wird, dann geht hier alles den Bach runter."

Sowohl der Bürgermeister Wowereit (SPD) als auch Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS) wollen trotz der Proteste an den Kürzungen festhalten. TU-Student Kilian Oberleithner wird dennoch weiter protestieren. Sollte das nichts helfen, kann er immer noch den Rat befolgen, den ihm einer seiner Professoren ans Herz gelegt hat: "Er empfahl uns, Berlin so schnell wie möglich zu verlassen."




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